FeedMahmud II.
GeschichteBrockhaus 1882

Mahmud II., der bedeutendste Sultan des Osmanenreichs neuerer Zeit, geb. 20. Juli 1785 als zweiter Sohn Abd-ul-Hamids I., gelangte infolge der Absetzung seines Bruders Mustapha IV. 1. Aug. 1808 auf den Thron, welchen er, nachdem er Mustapha hatte töten lassen, als einziger Sprosse des Hauses Osman innehielt. Die Monarchie befand sich bei seiner Thronbesteigung in elendester Lage; in Agypten, Syrien, Bagdad, Kleinasien und sonst hatten sich Sonderherrschaften gebildet, welche nur in teilweiser Abhängigkeit zum türk. Reiche standen. Die Serben fochten mit Glück für ihre Unabhängigkeit, und Rußland, das seit 1806 die Pforte mit Krieg überzog, benutzte und deckte die serb. Erhebung. Die Russen kämpften mit geringem Glück, bis der ihnen drohende Krieg mit Frankreich sie nötigte, der Pforte einen annehmbaren Frieden (von Bukarest, 28. Mai 1812) zu bewilligen. M. bekam dadurch freie Hand, sich den innern Reformen zuzuwenden, und ließ sich vor allen Dingen die Wiederherstellung der Reichseinheit angelegen sein. Ein großer Erfolg war die Vernichtung des mächtigen Ali Pascha von Janina; indessen war ihm bereits in dem neuerwachten Griechentum ein weit gefährlicherer Feind erstanden. Die Niederlagen seiner Armeen in Livadien und Morea beschleunigten bei ihm die Ausführung einer längst vorbereiteten Militärreform, welche, nach blutiger Vertilgung der Janitscharen (s. d.) 1826 durchgeführt, die Bildung der gegenwärtigen bewährten türk. Armee ermöglichte. Che aber die neue Kriegsmacht eine achtunggebietende Gestalt gewonnen, wurde M. 1828 abermals von Rußland angegriffen und zu dem Frieden von Adrianopel (28. Sept. 1829) genötigt, welcher die Unabhängigkeit Griechenlands besiegelte. M. wandte sich dann der Arbeit an der innern i Reorganisation seines Reichs wieder zu. Nachdem 1 es ihm gelungen, die Paschas von Bagdad und von Skodra zu unterwerfen, hoffte er auch noch des mäch⸗ d tigsten seiner Vasallen, Mehemed Alis (s. d.) von Agypten, Meister zu werden. Mehemed Ali eroberte r jedoch Syrien und bedrohte nach drei siegreichen d Schlachten von Kleinasien aus den Sultan in Konstantinopel. M. mußte sich die Hülfe des Kaisers von Rußland gefallen lassen und dem Vizekönig von i Agypten im Frieden von Kutahia (4. März 1833) Syrien und Cilicien abtreten. Im J. 1839 begann M. von neuem die Feindseligkeiten. Aber die erste Begegnung seiner Armee mit den Truppen des Vizekönigs unter Ibrahim Pascha führte zu einem entscheidenden Siege des letztern bei Nisib in Nordsyrien (24. Juni 1839). Noch bevor die Nachricht von diesem Unglück nach Konstantinopel gelangt war, starb M. 1. Juli 1839. Ihm folgte sein ältester Sohn, Abd-ul-Medschid. M. war der letzte Sultan, der, wie seine Vorfahren, ohne den mindesten Zweifel an seiner Berechtigung über Leben und Eigentum seiner Beamten mit vollkommener Freiheit verfügt hat. Das Osmanenreich verdankt ihm die Umgestaltung, die es allein lebensfähig erhalten konnte. Er vernichtete die Allmacht religiösen Vorurteils, das sich gegen jeden von Europa kommenden Fortschritt sperrte; er befreite sein Land von dem Alp asiat. Barbarei und den revolutionären Machthabern, welche mit dieser Barbarei im Bunde standen. Besonders ging sein Streben dahin, seine Armee zu reorganisieren, zu welchem Zwecke er europ., namentlich aber preuß. Offiziere (wie z. B. den damaligen Hauptmann, spätern Feldmarschall von Moltke) berief. Vgl. Bastelberger, «Die militärischen Reformen unter M. II.„ (Gotha 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 351Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 3

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6