Mainz (Mogontiacum, Magontiacum, Moguntia, Mentze), die alte Residenz der Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz, jetzt die Hauptstadt der großherzoglich hess. Provinz Rheinhessen und bedeutende Festung, liegt am linken Rheinufer, gegenüber der Mündung des Mains in den Rhein, am Eingang des Rheingaues. M. ist auch noch nach der Erwerbung von Elsaß-Lothringen ein Punkt von großer militärischer Bedeutung. Die seit 1871 bedeutend erweiterten Festungswerke haben ohne die Rheinkehle-Befestigung einen Umfan von 5 km. Am obern Rheinanschluß beginnt, na Süden gerichtet, eine Reihe bastionierter Fronten, hinter deren einer die Citadelle mit den Bastionen Drusus (auf welchen der Drususturm oder Eichelstein, ein 13 m hoher, aus der Römerzeit herrührender Turm sich erhebt), Germanicus, Tacitus und Allarm liegt; sodann folgt wiederum eine Anzahl bastionierter, nach Südwesten gerichteter Fronten; an das höchste der in diesen Fronten gelegenen Bastionen, das Bastion Alexander, schließt sich in gerader Linie die nach dem Polygonaltracé erbaute Neue Front an, welche, von fünf Cavalieren überhöht, an der äußersten Spitze des Hardenbergs, eines der Festung nordwestlich vorgelegenen Bergvorsprungs, endigt; von hier vermittelt die gleichfalls neue Nordwestfront anfangs terrassenförmig, später als einfacher, hoher Wall mit vorgelegenem Wassergraben erbaut, wiederum den Anschluß an den Rhein; die nach der Rheinseite sehende Kehle von M., gegen 4 Kkm lang, ist durch eine crenelierte, von Flankenbatterien bestrichene Mauer gesichert, die teilweise durch ein auf massivem Sandsteinsockel errichtetes eisernes Palissadengitter ersetzt ist. Die auf dem rechten Rheinufer M. gegenüber gelegene Stadt Castel (s. d.), durch eine 1885 vollendete Straßenbrücke mit M. verbunden, ist mit in die Befestigung hineingezogen. Die Befestigung von Castel besteht aus vier bastionierten Fronten, vor deren Glacis detachierte Lünetten liegen. Die Sturmfreiheit wird durch Gräben von militärischer Wassertiefe und freistehende crenelierte Mauern hergestellt. Im weitern besteht die Befestigung der rechten Rheinseite aus den links und rechts der Mainmündung gelegenen Forts Alte und Neue Mainspitze, dem von der Mainmündung bis Castel sich hinziehenden Anschlußwall mit den drei mit dierent dem oberhalb Castel gelegenen und mit diesem durch ein Anschlußglacis verbundenen Fort Großherzog von Hessen und dem bei Erbenheim gelegenen Fort Petersberg. Auch auf den Rheininseln sind Befestigungen, von denen die bedeutendste der auf der Petersaue stehende erdummantelte Petersauer Turm ist. Die innere Hauptumwallung von M. ist nach Süden zu durch das große Fort Weisenau und das Weisenauer Lager, sowie durch die kleinen Forts, welche von dort an bis zu dem Bastion Alexander unweit vor dem Hauptwall angelegt sind, vor unmittelbarem Angriff gesichert. Etwa 1000 mvorwärts der Mitte des gesamten nach Südwesten gerichteten Teils der Enceinte liegen die starken Forts Bingen und Gonsenheim. (Vgl. Textkarte zu Rheingau.) M. ist eine der ältesten Städte Deutschlands und im Geschmack des Mittelalters gebaut. Der Festungsgürtel hinderte bis in die neuere Zeit seine Ausdehnung, die Straßen der Stadt waren daher meist eng und winkelig. Die Verlegung der Enceinte gestattete in neuester Zeit westlich der Altstadt die Anlage einer Neustadt, die, mit breiten schönen Straßen versehen, rasch aufgebaut wird. Die früher durch die Eisenbahn gehemmte Verbindung der Stadt mit dem Rhein ist durch die Umführung der Bahn um die Stadt (großer Tunnel unter dem Cidatellenberg) wiederhergestellt; auf dem dadurch frei gewordenen und dem anliegenden, durch Aufschüttungen dem Rhein abgewonnenen Terrain, auf dem sich jetzt die große neue Stadthalle erhebt, sind breite Straßen projektiert. Im Anschluß an diese Bahnumführung erfolgte der 1884 vollendete Bau eines schönen Centralbahnhofs. M. hat sieben kath. Pfarrkirchen, ferner fünf kath. Kirchen und zehn Kapellen in geistlichen und weltlichen Anstalten, eine evang. Kirche, zwei Synagogen, zwei Gymnasien, ein Realgymnasium und eine Realschule. Die 1477 gestiftete Universität wurde 1798 aufgehoben. Von den öffentlichen Plätzen sind der Gutenbergsplatz mit der 1837 errichteten Standsäule Gutenbergs und dem Theater und der mit Bäumen umgebene Schloßplatz am ehemaligen kurfürstl. Schlosse die schönsten. Auf dem Schillerplatz Handß Tiermarkt) steht seit 1862 das eherne Standbild Schillers von Scholl. Unter den Kirchen zeichnen sich aus: die Ignatiuskirche, deren Decke mit trefflichen Gemälden vom Maler Jan. Zick aus Koblenz geziert ist, ferner die Domkirche, dem heil. Martinus geweiht, mit 6 Türmen (der höchste ist 82,0 m hoch) und im Innern mit 9 Kapellen und 14 Altären. Der Dom, 975—1009 erbaut, aber durch Feuer zerstört und im 12. und 13. Jahrh. wesentlich in seiner jetzigen Form hergestellt, litt besonders durch die Belagerung von 1793. Bischof von Ketteler begann alsbald nach seiner Inthronisation (1850) mit der Wiederherstellung, welche 1879 vollendet wurde. Die bedeutendsten öffentlichen Gebäude der Stadt sind das ehemalige kurfürstl. Schloß, seit 1842 restauriert, mit den reichsten Sammlungen: das röm.⸗german. Museum, die Gemäldegalerie, das naturhistor. Museum und die Stadtbibliothek mit über 120000 Bänden; ferner neben dem Schloß das Deutschordenshaus, jetzt Palais des Großherzogs von Hessen, und daneben das große und schöne Zeughaus. Die Umgebung von Mainz ist reich an Erinnerungen an die Römer, besonders erwähnenswert sind die beim Dorfe Zahlbach (s. d.) stehenden Reste einer röm. Wasserleitung mit noch 59 Pfeilern. M. ist Sitz der Provinzialdirektion für Rheinhessen, eines Bischofs und Domkapitels, eines Kreisamts, eines Land- und eines Amtsgerichts und hat ein Waisenhaus, ein Invalidenhaus, zwei Civilhospitäler und ein Entbindungshaus. Es zählte (1881) 61328 E. (inkl. Militär), darunter etwa zwei Drittel Katholiken, nahezu ein Drittel Protestanten und etwas über 3000 Juden. M. ist einer der wichtigsten Verkehrsplätze am Rhein und Stapelplatz für die von den niederländ. und belg. Häfen den Rhein heraufkommenden Waren. Zugleich ist es Knotenpunkt zahlreicher Eisenbahnen nach Worms, Darmstadt-Aschaffenburg, Frankfurt a. M., Alzei und Bingen, sämtlich Linien der Hessischen Ludwigsbahn, die oberhalb der Stadt 1862 eine 1029 m lange Eisenbahnbrücke über den Rhein gebaut hat. Der Weinhandel von M. ist sehr bedeutend. Auch die gewerbliche Industrie steht in hoher Blüte, besonders haben die mainzer Leder- und Möbelfabriken europ. Ruf. Bedeutend ist auch der Buchhandel und der Musikverlag. Der mainzer Gewerbestand wird durch eine Handelskammer und einen Gewerbeverein vertreten, eine Reichsbankstelle und eine Filiale der Darmstädter Bank stehen ihm unterstützend zur Seite. Die Garnison von M. ist über 8000 Mann stark und besteht aus preuß. und hess. Truppen. Unter den vielen militärischen Etablissements ist besonders die Armeekonservenfabrik zu nennen. Geschichtliches. Wo jetzt M. liegt, legte 13 v. Chr. Drusus ein Kastell, Mogontiacum, an. Unterhalb desselben entstand eine Stadt, die in der Völkerwanderung mehrfach zerstört wurde und zwei Jahrhunderte in Trümmern blieb. Den Grund zu ihrem Emporblühen legte Karl d. Gr. durch neue Bauten und Bewilligung von Freiheiten und Bonifacius durch Gründung des Erzbistums. In der Mitte des 13. Jahrh. stellte sich M. an die Spitze des Rheinischen Städtebundes. Durch Gutenberg wurde es die Wiege der Buchdruckerkunst. In dem Streite zwischen dem abgesetzten Kurfürsten Diether von Isenburg und dessen Nebenbuhler Adolf von Nassau kam M. durch Eroberung des letztern an das Erzstift, welchem der Kaiser Marimilian sie 1486 förmlich einverleibte. Im Dreißigjährigen Spalla angelegten neuen Befestigungen, 1688 die Franzosen wieder ein, denen sie aber 1689 die Sachsen und Bayern entrissen. Am 21. Okt. 1792 fiel die Stadt durch Verrat und Feigheit in die Hände des franz. Generals Custine, doch wurde sie 23. Juli 1793 wieder von den Preußen unter Kalckreuth genommen. Von den Franzosen 1791 von neuem arschalt Ei sen, befreite sie 5 der österr. Feldmarschall Clerfayt. Am 29. Dez. 1797 nahmen sie die Franzosen abermals. Im Frieden zu Lunéville kam M. 1801 an Frankreich. Durch den Iheng⸗ Kongreß wurde es als Festung des Deutschen Bundes erklärt und 1816 dem Großherzog von Hessen zugesprochen, jedoch unter der Bedingung, daß es in militärischer Hinsicht eine deutsche Lainerung bleibe und von österr., preuß. und hess. Truppen gemeinschaftlich besent würde. Infolge der Karlsbader Beschlüsse versam.⸗ melte sich in M. 1819 die Central-Untersuchungs kommission zur Ermittelung der sog. Demagogischen Umtriebe, die 20. Sept. 1828 ohne Ergebnis ihre Bemühungen einstellte. Kurz vor Ausbruch des Deutschen Kriegs verließen im Juni 1866 die österr. und preuß. Truppen die Festung, worauf dieselbe von Truppenteilen des 8. Armeekorps unter Prinz Ludwig von Hessen besetzt wurde. Mit Beendigung des Kriegs rückten nach übereinkunft Preußen ein, die durch Friedensvertrag im August das alleinige Besatzungsrecht erlangten. Nach Abschluß der Militärtonvention mit Hessen-Darmstadt beteiligten sich auch hess. Truppen an der Besatzung. Vgl. Werner, „Der Dom von M. und seine Denkmäler, nebst Darstellung der Schicksale der Stadt und der Geschichte ihrer Erzbischöfes (3 Bde., Mainz 1827—36); Schaab, «Geschichte 0 Stadt M. » (2 Bde., Mainz 1060 derselbe, «Geschichte der Bundesfestung M. v . 1835); Hennes, «Die Belagerung von M. im J 16895 (Mainz 184 ); Klein, «M. und seine Untaebungen (2. Aufl., Mainz 1868; neu bearbeitet von Bockenheimer, Mainz 18803; Bockenheimer, «Beiträge zur Geschichte der Stadt M. (6 Hefte, Mainz 187⁴ —83); &D Die 5, l der deutschen Städte vom 14. bis 16. Jahrh.» (Bd. 17 u. 18, Lpz. 1881 —82).