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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Märchen, epische Dichtungsgattung, ist im Unterschied von Mythus (s. d.) und Sage (s. d.) wesentlich phantastisch, eine Welt des Wunders, eine Befreiung des Menschen aus den Sch ranken und Bedingungen der Naturgesetze. Viele M. sind überreste und Nachklänge der alten Volksmythologie im Kindergemüt; viele sind auch von alter Vollsweisheit zu lehrhaften Zwecken erfunden (Lehrmärchen). Aber so bunt und vielgestaltig und von den Eigentümlichkeiten der individuellen Volksphantasie durchdrungen die Märchenfülle der einzelnen Völker ist, so kehren doch ganz bestimmte, feste Grundzüge „ja zum großen Teil sogar dieselben Stoffe und Motive immer wieder, die nur nach Verschiedenartigkeit der Völker und Zeiten verschiedenartig gewandelt sind. Der Grundstock des Märchenschatzes weist nach dem Orient, nach Indien. Ein Teil reicht vielleicht sogar bis in die vorgeschichtliche Vergangenheit, in welcher die indo⸗-europ. Rasse noch nicht getrennt war; mit den wandernden Völkern wanderten, wie die Sprachen, so auch die M. Der andere und größere Teil aber kam am Ausgang des Mittelalters, als durch die Kreuzzüge und die mächtigen Handelsverbindungen Abendland und Morgenland einander berührten, in das erstere, durch mündliche überlieferung schnell von Volk zu Volk sich verbreitend. Die bekannteste Märchensammlung im Sanskrit ist das «Pantschatantrao (Pentateuch, Pentamerone, fünf Bücher); aus diesen und aus andern Quellen entstand die (Hitopadesav (heilsamer Rat). Die Abfassung der Pantschatantra muß zum mindesten in die erste Hälfte des 6. Jahrh. n. Chr. fallen; um 570 wurde sie in das Persische übersetzt, dann in das Arabische, Griechische, Hebräische, Lateinische, zuletzt in das Italienische, Spanische, Französische und in fast alle andern europ. Sprachen. Die erste Einwirkung sieht man bereits in den „Gesta Romanorum o und Straparolas «Tredeci piacevoli nottiv (1550) und in G. Basiles „Pentamerone » (1637). In Frankreich geher Charles Perraults KContes de ma mére l'Oye (1697) wieder auf die volkstümliche mündliche über lieferung zurück. Im J. 1704 erschien Gallands übersetzung der Tausendundeine Nachty. Grimms „Kinder⸗ und Hausmärchenv (1812) hielten sich trer an die Überlieferung; nach dem Muster dieses klas sischen Buchs folgten dann Märchensammlunger fast aller europ. Völkerschaften.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 436Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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