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ReligionBrockhaus 1882

Maria, die Mutter Jesu, in der Kirchensprache Unsere Liebe Frau (U. L. F.), auch die Heilige Jungfrau, franz. zuweilen Lotre-Dame, ist der Nachwelt nur durch wenige beglaubigte Züge bekannt. Nach der ursprünglichen überlieferung hat sie Jesum ihrem Gatten Joseph, einem Zimmermann zu Nazareth, in rechtmäßiger Ehe geboren. Aber schon unsere kanonischen Evangelien, namentlich das erste und dritte, kennen die Sage über sie, welche seitdem der Kirche als wunderbare Geschichte galt. Hiernach war sie eine Jungfrau, die zu Nazareth lebte und mit Joseph verlobt war. Ein Engel verkündigte ihr, sie werde durch die Kraft Gottes einen Sohn gebären, der Gottes Sohn heißen und der Retter sein werde, welchen das jüd. Volk erwartete. Demütig unterwarf sie sich dem Willen des Höchsten. Ihr Verlobter aber wollte sich von ihr scheiden, als er ihre Schwangerschaft wahrnahm; doch im Traume wurde er von einem Engel ermahnt, sie nicht zu verlassen. Als sie zur Schätzung nach Bethlehem gegangen war, gebar sie hier Jesum, den sie am Tage ihrer Reinigung dem Herrn im Tempel zu Jerusalem darbrachte; dann floh sie, im Traume gewarnt, vor Herodes nach Rgyyten, nach dessen Tode sie nach Nazareth zurückkehrte. Über ihre erziehende Thätigkeit wie über ihren Charakter läßt sich aus den Evangelien nichts Bestimmtes erkennen; einige Spuren führen jedoch darauf, daß sie ebenso wenig wie die übrigen Verwandten in das Auftreten Jesu sich zu schicken verstand. Das vierte Evangelium läßt sie nur bei der Hochzeit zu Kana und unter dem Kreuze Jesu auftreten, wo der sterbende Sohn sie der Pflege seines Lieblingsjüngers übergeben habe. Apokryphe Evangelien nennen sie eine Tochter des Joachim und der Anna, lassen sie im Tempel erzogen und als 12jähriges Mädchen dem greisen Joseph zum Schein verlobt werden. Die jungfräuliche Geburt Jesu erfolgt unter wunderbaren Umständen in einer Höhle bei Bethlehem. Die spätere Sage weiß noch zu erzählen, daß sie 11 Jahre im Hause des Johannes gelebt habe, 59 J. alt geworden und zuletzt gen Himmel gefahren sei. Schon gegen das Ende des 4. Jahrh. erhob sich unter den Christen Streit über das der M. gebührende Maß von Verehrung. Christinnen in Thrazien und Arabien trugen auf sie den Kultus der Cybele über; sie dienten ihr mit Gebeten, Umgängen und Opfern, wobei sie auf einem Stuhlwagen kleine Kuchen (grch. Kollyris) darbrachten, weshalb sie Kollyridianerinnen genannt wurden. Seit dem 4. Jahrh. fing man an, die Meinung, daß M. ewig Jungfrau geblieben sei und daß sie utero clauso geboren habe, als Glaubenslehre zu verfechten, und nannte diejenigen, welche M. als wirkliche Ehefrau Josephs und als Mutter mehrerer Kinder betrachteten, Antidikomarianiten, d. h. Widersacher der M. Wegen dieser Ansicht wurden am Ende des 4. Jahrh. Helvidius in Palästina und der Bischof 1104. in Illyrien verdammt. Die Verehrung der M. steigerte sich namentlich vom 5. Jahrh. an, als ihr die Kirche gegen des Nestorius Ansicht, der sie nur Christusgebärerin genannt wissen wollte, den Namen der Mutter Gottes oder Gottesgebärerin beilegte. Nach der ausgebildeten kath. Lehre steht M. als die KHimmelskönigino und mächtigste Fürsprecherin bei Gott an der Spitze der Heiligen. Daher richtete man an sie sein Gebet (s. Ave Maria und Ro senkranz), wählte sie zur Schutzpatronin vieler Länder, Städte und Kirchen und weihte ihr eine Menge Feste. Im 6. Jahrh. entstand das Fest der Reinigung (Mariä Reinigung), d. h. des Kirchgangs zum Tempel in Jerusalem (2. Febr.), das der Verkündigung (Mariä Verkündigung, 25. März) und das der Heimsuchung (Mariä Heimsuchung), d. h. des Besuchs der M. bei Elisabeth (2. Juli), im 8. Jahrh. die Feste Mariä Geburt (8. Sept.) und Mariä Himmelfahrt (Assumtio, 15. Aug.). Seit dem 11. Jahrh. weihte man der M. außerdem noch den Sonnabend und zunächst in den Klöstern ein Offizium, das aus den Lobgesängen auf M. hervorging, dann aber von Urban II. auf der Kirchenversammlung von Clermont (1095) für die Kirche gesetzlich wurde. Seitdem nahm der Marienkultus den ausschweifendsten Charakter an. Mönchs- und Nonnenorden, wie die Karmeliter, Serviten, Salesianerinnen und alle Orden U. L. F., nannten sich nach ihr. In ihren Dienst mischte sich die ritterliche Galanterie, sodaß ihre Verehrung auch die Gestalt eines ritterlichen Frauendienstes annahm. Die Kirchenlehrer erschöpften sich in ihrer Verherrlichung, stellten für M. ein Psalterium minus und majus und die Biblia Mariana auf, ja sie meinten selbst, daß «Gott der Vater M. minnetey. Um diese übertreibungen dogmatisch zu begründen, meinte man, daß der M. eine höhere Stufe des Dienstes (hyperdulia) zukomme als den übrigen Heiligen, deren Dienst man dulia nannte. War nun auch ihre Sündlosigkeit schon lange anerkannt, so war man doch nicht der Meinung, daß M. selbst unsündlich empfangen sei. Als endlich einige Kanoniker zu Lyon die Lehre von der unbefleckten Empfängnis Mariä aufstellten, nach welcher sie nicht nur Jesum ohne Erbsünde geboren habe, sondern selbst von ihrer Mutter Anna ohne Erbsünde empfangen worden sei, und auch das Fest derselben aufbrachten (1140), fand jene Lehre namentlich bei den Dominikanern (Thomas von Aquino) entschiedenen Widerspruch. Mit dem seit dem 14. Jahrh. allgemein gefeierten Feste der unbefleckten Empfängnis verbreitete sich die namentlich von den Franziskanern verfochtene Lehre immer weiter. Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. zeigte man bei Recanati in Picenum das Haus der M., das durch Engel hierher gebracht worden sei, wodurch der berühmte Wallfahrtsort Loreto gegründet wurde. Das Konzil zu Basel, die Päpste Sixtus IV. (1476) und Alexander VI. (1483), ebenso das Konzil von Trient und noch Papst Gregor XIII. (1575) erklärten sich für die Feier des Festes (8. Dez.) und für die mit demselben zusammenhängende Lehre. Im J. 1614 erhob sich über die Lehre in Spanien von neuem ein heftiger Streit unter den Bettelorden. Das Fest erhielt aber noch eine Oktave und wurde durch die Verordnungen von Innocenz XII. (1693) und Clemens XI. (1708) zu einem Festum duplex secundae classis erhoben. Neben den Franziskanern zeigten sich nameutlich die Jesuiten aus Ordenseifersucht gegen die Dominikaner als Anhänger jener Lehre. Aber erst Pius IX. erhob die unbefleckte Empfängnis Mariä 8. Dez. 1854 felerlich zum Dogma der kath. Kirche. Andere der M. geweihte Feste der kath. Kirche sind: das Fest der Darstellung Mariä (Opferung oder Aufopferung, 21. Nov.), entstanden im 13. Jahrh., seit dem 14. Jahrh. in Frankreich und erst seit der zweiten Hälfte des 15. in Deutschland gebräuchlich; das Fest des Mitleidens Mariä, 1423 zu Köln entstanden (wird den Sonnabend vor dem Palmsonntag, anderwärts 19. Juli gefeiert); das Fest der Ohnmachtsfeier Mariä, dessen Entstehung ungewiß ist, aber erst in die Zeit vom 13. bis 15. Jahrh. fällt, wird an einigen Orten mit dem Feste des Mitleidens, an andern Orten in der Karwoche gefeiert; das Fest der Verlobung Mariä (23. Juni), 1546 entstanden; das Fest der sieben Freuden Mariä (24. Sept.), gestiftet 1745. Daß die Bilder der M. eine wunderthätige Kraft haben, ist orthodoxer Glaube in der kath. Kirche; in dieser Beziehung stehen namentlich die Bilder zu Loreto und zu Ore Rie in Polen noch jetzt in großem Rufe. Die Reformatoren des 16. Jahrh. erklärten sich gegen die Marienfeste und wollten nur einige von ihnen beibehalten wissen, „B. Mariä Reinigung, Verkündigung und Heim1 übrigens hielt auch die prot. Orthodorie an der Lehre fest, daß M. als Jungfrau Jesum wunderbar empfangen und geboren habe; doch ohne ihr eine besondere Verehrung zu erweisen. Die Turd Kunst hat das Leben, die Person und die zürde der M. als Mutter Gottes in Poesie und Malerei stets zu verherrlichen gesucht, und namentlich die Malerei knüpft an diesen Gegenstand viele ihrer herrlichsten Schöpfungen. (S. Madonna.) Vgl. Frantz, Versuch einer Geschichte des Marien- und Annenkultus in der kath. Kirchey (Halberst. 1854); Hasenclever, «M. die Mutter Jesu, in Geschichte und Kunsto (Karlsr. 1874); Schultz, «Die Legende vom Leben der Jungfrau M. und ihre Darstellung in der bildenden Kunst des Mittelalterso (Lpz. 1878); F. von Lehner, «Die Marienverehrung in den ersten Jahrhunderteno (Stuttg. 1881). Andere Marien im Neuen Testament sind 1) M. von Bethanien, die Schwester des Lazarus und der Martha; 2) M. von Magdala (s. Magdalena); 3) M., des Kleophas Frau, die Mutter des Apostels Jakobus des Jüngern; 4) M., die Mutter des Markus; 5) M., eine Gläubige zu Rom. Mit M. zusammengesetzt sind die Namen vieler Kirchen, Klöster und Ortschaften, in welchen wunderthätige Marienbilder sich befinden oder ehedem befunden haben. So Mariafeld, ein Wallfahrtsort in Krain; Mariazell, Wallfahrtskirche in Steiermark; Mariahilf, Name einer Vorstadt von Wien und mehrerer Ortschaften in Böhmen und anderwärts; Mariaschein bei Teplitz; Mariaplein bei Salzburg; Mariaschutz unweit Gloggnitz in Niederösterreich; Mariatrost u. a. m.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 444Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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