FeedMaria Christina
GeschichteBrockhaus 1882

Maria Christina, Königin von Spanien, Tochter des Königs Franz I. Beider Sicilien, aus dessen zweiter Ehe, geb. in Neapel 27. April 1806, wurde 11. Dez. 1829 die vierte Gemahlin des Königs Ferdinand VII. (s. d.). Sie erlangte durch Schönheit und Geist überwiegenden Einfluß auf ihren Gemahl, welcher durch die Pragmatische Sanktion vom 29. März 1830 auch den weiblichen Descendenten das Erbfolgerecht zusprach. Bald darauf (10. Okt. 1830) gebar die Königin eine Tochter, Isabella (s. d.), welche auch sofort als Thronerbin proklamiert wurde. Eine zweite Tochter, Luise, folgte (geb. 30. Jan. 1832, vermählt 10. Okt. 1846 mit dem Herzog Anton von Montpensier). Dadurch sah der jüngere Bruder Ferdinands VII., der Infant Don Carlos, der bisher als präsumtiver Thronfolger gegolten, sich um seine Hoffnungen gebracht und begann, unterstützt von der hierarchisch-feudalen oder sog. apostolischen Partei, am Hofe zu Madrid ein lebhaftes Intriguenspiel gegen die Königin. Im Sept. 1832 gelang es den Anhängern des Don Carlos, den erkrankten Ferdinand VII. zum Widerruf der Pragmatischen Sanktion zu bewegen. Allein bald siegte wieder der Einfluß der Königin, welche 4. Okt. für die Dauer der Krankheit ihres Gemahls mit der Regentschaft betraut wurde. Nach seiner Wiederherstellung erklärte Ferdinand VII. den Widerruf der Pragmatischen Sanktion (31. Dez. 1832) für erschlichen und nichtig. Als er 29. Sept. 1833 starb, ward Isabella II. Königin, und die nunmehrige Königin-Witwe, gemäß testamentarischer Vorschrift, Regentin während der Minderjährigkeit ihrer Tochter. Doch erhob sich alsbald Don Carlos gegen sie und wurde später förmlich zum Gegenkönig (Karl V.) ausgerufen. So entbrannte der Bürgerkrieg zwischen den Karlisten und den Christinos, welcher bis 1840 dauerte. Während dieses Kriegs mußte die Königin-Mutter den Liberalen konstitutionelle Zugeständnisse machen, womit sie die Begründerin des span. Verfassungslebens wurde. Als sie aber bald nach der Beendigung des Bürgerkriegs ein neues Gemeindegesetz erließ, welches die bisherige Selbständigkeit der Gemeinden beschränken follte, brach ein allgemeiner Aufstand aus, infolge dessen sie 12. Okt. 1840 die Regentschaft niederlegen mußte. Sie begab sich nach Frankreich und kehrte erst nach dem Sturz Esparteros 1843 nach Spanien zurück. Bald nach dem Tode ihres Gemahls hatte M. ein Liebesverhältnis angeknüpft mit einem ihrer Leibgardisten, Don Fernando Mufoz aus Tarancon in der Provinz Cuenca (Neu-Castilien). Schon 28. Dez. 1833 wurde eine heimliche Ehe zwischen beiden geschlossen. Die öffentliche Einsegnung fand, mit Genehmigung der Königin Isabella II., erst 13. Okt. 1844 statt; Mufñoz wurde zum Herzog von Rianzares und Granden von Spanien erhoben. Aus dieser Verbindung entsproß eine zahlreiche Nachkommenschaft. Auch später übte M. fortwährend einen wichtigen Einfluß aus, der selbst nicht gebrochen ward, als sie im Sommer 1854 Spanien verlassen mußte und 10 Jahre in einer Art Verbannung teils in Frankreich, teils in Italien lebte. Erst Ende Sept. 1864 durfte sie nach Madrid zurückkehren; doch lebte sie auch seitdem meist im Auslande. Die Thronbesteigung ihres Enkels Alfons XII. führte sie noch einmal, im Mai 1876, dahin zurück. Sie starb 22. Aug. 1878 in Havre. Der Herzog von Rianzares war bereits 12. Sept. 1873 auf seiner Villa zu Ste.⸗Adresse bei Havre gestorben.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 451Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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