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VerkehrBrockhaus 1882

Marine (zunächst frz., vom lat. marinus, das Meer betreffend) bezeichnet im allgemeinen alles, was auf die Seeschiffahrt eines Landes Bezug hat und damit im Zusammenhang steht. Vorzugsweise wird jedoch darunter das Seekriegswesen mit den verschiedenen Klassen von Schiffen, Mannschaften, Armierung, Bauwerften u. s. w. verstanden. Ofters teilt man das Seewesen in Handels⸗ und Kriegsmarine und begreift im engern Sinne darunter nur die Schiffe mit ihren Bemannungen, um nach deren Größe und Zahl ihre Bedeutung für die Seegeltung eines Landes zu ermessen. (S. Handelsmarine.) Fast so weit die Geschichte hinaufreicht, haben die an der See wohnenden Völker, wenn sie Anspruch auf Civilisation erheben konnten, M. besessen. An den Küsten des Mittelmeers waren es zuerst die Phönizier, die sich im Besitz einer Kriegsmarine befanden, deren sie zum Schutz ihres ausgebreiteten Seehandels und ihrer Kolonien, sowie auch ihres stark betriebenen Sklavenhandels bedurften. Die aufstrebenden Griechen sahen bald ein, daß die Herrschaft über das Mittelmeer zugleich ihre Suprematie als Volk bedinge, und schufen sich daher mit Hilfe phöniz. Baumeister bedeutende Kriegsflotten, die zur Zeit Alexanders d. Gr., also etwa 330 v. Chr., in sehr hoher Blüte standen. Aus dieser Zeit sind genaue Nachrichten vorhanden über die Größe der atheniens. Flotte, die allein 300 Fahrzeuge zählte. Der größte Teil dieser Schiffe bestand aus Triremen von etwa 40 m Länge und 6,5 m Breite. Diese waren zum Segeln und Rudern eingerichtet und hatten, wie ihr Name andeutet, drei Reihen Rudersitze Übereinander. Als die größten Schlachtschiffe galten die Penteren, Fahrzeuge mit fünf Ruderreihen, von denen Graser in dem Werke De veterum re navalis (Berl. 1864) und das von diesem für das Altertumsmuseum in Berlin konstruierte Modell eines antiken Fünfreihenschiffs eine lebendige und getreue Darstellung gibt. Die Armatur dieser Schiffe, mit denen unter andern die große Seeschlacht bei Salamis geschlagen wurde, bestand aus Ballisten (s. d.) und Katapulten (s. d.). Ihre Hauptwaffe war jedoch ein in der Wasserlinie liegender Sporn am Vorderteil zum Niederrennen der feindlichen Fahrzeuge. Die Bemannung einer Pentere bestand aus 375 Mann, begriff jedoch nur 24 Matrosen und 18 Seesoldaten. Alle übrigen waren Ruderer, und die Taktik der Flotten jener Zeit bestand hauptsächlich in dem Kampfe von Schiff gegen Schiff, um sich gegenseitig überzurenren. Das wesentlichste Erfordernis war deshalb Manövrierfähigkeit. In den Punischen Kriegen führten die Römer eine andere Taktik ein und machten den Seekampf dem Landkampf sodaß nicht Schiff gegen Schiff, sondern Mann gegen Mann kämpfte; auch brachten sie Türme auf ihren Schiffen an und Enterbrücken, um die feindlichen Schiffe zu entern. Zugleich vermehrten sie die Zahl der Seesoldaten auf den Penteren bis zu 120. Bis zum 10. Jahrh. unserer Zeitrechnung blieben die Kriegsflotten auf demselben Standpunkt. Erst als sich die Venetianer zu Herrschern des Mittelmeers +* chwangen, bauten diese wieder größere Flotten, obwohl ihre von Rudern getriebenen Galeeren keine Verbesserung gegen die antiken Schiffe aufweisen. Mit dem 15. Jahrh. hörte das Mittelmeer auf, der Schwerpunkt seemännischer Geltung zu sein. Portugiesen, Spanier und Holländer wagten sich an transatlantische Reisen, und die Entdeckung Amerikas, sowie des Seewegs nach Ostindien führten eine gänzliche Umwandlung im Bau der Schiffe herbei. Die in engern Gewässern sehr zweckmäßige, für transatlantische Fahrten aber unbrauchbare Ruderkraft wurde durch Segelkraft, durch höhere und breitere Bemastung ersetzt und zog chenfo wesentliche Anderungen in Bau und Form des Rumpfes nach sich. Die Erfindung des Pulvers und der Kanonen verdrängte auf den Schiffen die Ballisten und Katapulte. Aus dem bisherigen Nahkampfe der Schiffe wurde jetzt ein Fernkampf, der nur im entscheidenden Moment wieder in einen Nahkampf, die Enterung, überging. Bis Anfang des 18. Jahrh. hielt sich dann das Seekriegswesen ungefähr auf derselben Stufe. Statt des Mittelmeers wurden der Atlantische Ocean und die ostind. Gewässer die Hauptschauplätze kriegerischer Aktionen zur See. Seit der französischen Revolution eroberten sich die Engänder die Herrschaft des Meers und stellten die größten Flotten der Erde her, die zusammen über 400 Kriegsschiffe zählten. Mit dem Beginn der zwanziger Jahre des 19. Jahrh. begann ein neuer Umschwung in dem Seekriegswesen, der von England ausging. Mit Verbesserungen im Geschützwesen erfuhr auch die Bauart der Schiffe wesentliche Veränderungen. Die plumpen, schwerfälligen Oeuotet wichen feinen schlanken Linien, und als Haupteigenschaft eines Kriegsschiffs galt wieder wie in den ältesten Zeiten Schnelligkeit und Manövrierfähigkeit. Die Anwendung der Dampfkraft im Schiffswesen führte jedoch kurz darauf noch eine vollständigere Umgestaltung der Kriegsflotten herbei. Am meisten trug dazu die Einführung der Schraube bei. Diese machte das Schiff vom Winde unabhängig und ist durch ihre Lage unter Wasser gleichzeitig gegen Geschoßwirkungen gesichert, während sie dem Schiff die vollständige Bemastung und Segelkraft gestattet. Mit den Veränderungen im Bau und der Taktik der Kriegsschiffe verband sich auch die Verbesserung der Armatur, und das Geschützwesen entwickelte sich in neuester Zeit in außerordentlicher Weise. Diese gewaltigen Fortschritte der Artillerie wirkten aber Prer wieder bedeutend auf die Schiffe zurück, und es entstand so zwischen Schiffbau und Artillerie ein lebhafter Kampf, der unausgesetzt neue Erfindungen ins Leben rief und auch die neueste Phase im Seekriegswesen, die Erscheinung der gepanzerten Schiffe in ihren verschiedenen Formen als Panzerschiffe und Monitors, bewirkte. Die Panzerschiffe (s. d.) bilden augenblicklich die eigentliche Stärke einer M., aber nicht sowohl durch ihre Zahl, als durch ihre Qualität, d. h. je nachdem sie gepanzert, bewaffnet und manövrierfähig sind. Die Linienschiffe, welche früher die eigentlichen Schlachtschiffe der Flotten bildeten, sind durch die Panzer gänzlich verdrängt. Indessen, so weit die Technik auch vorgeschritten, ist es ihr bisher noch nicht gelungen, den Panzerschiffen alle nautischen Eigenschaften der frühern Segelschiffe zu verleihen, wie dies bei den nichtgepanzerten Schraubenschiffen geschehen ist. Zwar hat man es dahin gebracht, daß erstere jetzt transatlantische Reisen unternehmen können, aber fast nur unter Dampf. Dieser Umstand, die damit verbundene Kostspieligkeit des Verbrauchs an Kohlen und die Schwierigkeit, letztere im Auslande zu ergänzen, wird bis auf weiteres eine Entsendung von einzelnen Panzern oder Panzergeschwadern in transatlantische Gewässer sehr beschränken, und es werden deshalb dort die Kriegsflotten hauptsächlich noch durch ungepanzerte Schraubenschiffe von möglichst großer Schnelligkeit und schwerer Bewaffnung vertreten sein. Die gebräuchlichste Klasse letzterer Schiffe sind Kreuzerfregatten und Kreuzerkorvetten (s. Korvette). Die durchschnittlichen Dimensionen dieser Kreuzer sind 80—90 m Länge bei einer Breite von 14—16 und einem Tiefgang von 6—7 m. Ihre Bewaffnung besteht aus 14—20 stärke beläuft sich auf 380—420 Mann, und in der Neuzeit hre die Vervollkommnung der Maschinentechnik ihre Schnelligkeit bis zu 15 Knoten (d. i. 15 Seemeilen oder 28 km in der Stunde, s. Log) gebracht. Die Mehrzahl dieser Fahrzeuge war früher aus Holz gebaut; in der Neuzeit wählt man aber Eisen als Material. Da indessen Eisen in Seewasser trotz aller Anstriche leicht bewächst und dadurch die Schnelligkeit der Schiffe ungemein beeinträchtigt wird, so bekleidet man ersteres mit Holz, um darauf den Kupferplattenbeschlag zu befestigen, der allein gegen Bewachsen schützt. Außer den größern Kreuzern besitzen Kriegsmarinen noch verschiedene kleinere Schiffsklassen, unter denen Avisos, Kanonenboote und Torpedofahrzeuge hervorzuheben sind, welche letztern in neuester Zeit eine immer größere Wichtigkeit erlangt haben und von allen Seemächten in bedeutender Zahl gebaut werden, da sie mit Fischtorpedos (s. Torpedo) ausgerüstet, selbst die größten Panzerschiffe erfolgreich angreifen können. Den ersten Rang unter den Seemächten nimmt sowohl nach Zahl als Beschaffenheit seiner Kriegsschiffe nach wie vor England ein. Ihm zunächst folgt Frankreich. Als M. zweiten Ranges sind die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Rußland, Deutschland, Ssterreich, Italien, die Türkei und Spanien anzusehen, als solche dritten Ranges Holland, Dänemark und Schweden-Norwegen. Die deutsche M. besitzt (Ende 1884) 7 Panzerfregatten, 5 gepanzerte Ausfallkorvetten, 1 Panzerfahrzeug (Monitor), 13 Panzerkanonenboote, 12 Kreuzerfregatten, 10 Kreuzerkorvetten, 9 kleinere Kreuzer (früher Kanonenboote erster Klasse genannt), 8 Avisos, 40 Torpedofahrzeuge und 10 Schulschiffe. Die engl. Flotte zählt 67 Panzer und 440 ungepanzerte Dampfschiffe, die französische 61 Panzer und 160 ungepanzerte. Vgl. Bobrik, «Allgemeines nautisches Wörterbuch v (Lpz. 1850); Brommy, „Die M. v (neu bearbeitet von von Kronenfeld, Wien 1878); Werner, „Das Buch von der deutschen Flotte v (Bielefeld 1884); Bütow, Die kaiserlich deutsche M. in Oranisation, Kommando und Verwaltunge (2 Bde., erl. 1878-83).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 456Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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