FeedMechanik
TechnikBrockhaus 1882

Mechanik (vom grch. pan, d. i. Werkzeug,‚ Vorrichtung, frz. mécanique, engl. mechanics) ist die Wissenschaft von dem Gleichgewicht und der Bewegung der Körper mittels der Kräfte; sie bildet einen Teil der angewandten Mathematik. Sie zerfällt in zwei Hauptteile: 1) in die Statik, deren Aufgabe im allgemeinen es ist, die Bedingungen aufzusuchen, unter welchen mehrere auf ein System untereinander fest verbundener Punkte wirkende Kräfte sich im Gleichgewicht halten; und 2) in die Dynamikoder Kinetik, deren Aufgabe es ist, die Bewegung zu bestimmen, die ein Körper unter dem Einflusse von Kräften, die sich nicht im Gleichgewicht halten, annimmt. Eine andere Einteilung der M. bezieht sich auf die Aggregationsform der Körper, auf welche die Gesetze der M. angewendet werden. Sind die Körper gasförmige, so nennt man die Lehre Aérostatik und Aérodynamik oder Pneumatik: sind sie aber tropfbar-flüssig, so bezeichnet man sie als Hydrostatik und Hydraulik oder Hydrodynamik; sind sie fest, so gebraucht man die Namen Geomechanik, Geostatik, Geodynamik. Die Bewegungslehre als rein mathem. Wissenschaft ohne Rücksicht auf die Kräfte d. i. auf die Ursache der Bewegung, wird auch Kinematik oder Phoronomie genannt. Eine fernere Einteilung der M. ist die in niedere und höhere Mechanik, je nachdem zu dem Verständnis der vorgetragenen Lehren die Kenntnis der niedern Mathematik ausreicht oder die Kenntnis der höhern Mathematik erfordert wird. Die Anwendung der theoretischen M. auf die Konstruktion von Maschinen heißt angewandte Mechanik. Es gibt wenige Zweige der Wissenschaft, welche, namentlich in den letzten Jahrhunderten, mit so vielem Scharfsinn verfolgt und ausgebildet worden sind, wie die M. Praktisch war sie allerdings schon den frühesten Völkern bekannt: als Wissenschaft ist sie aber erst in ziemlich später Zeit ausgebildet worden. Als der Gründer der wissenschaftlichen oder theoretischen M. ist Archimedes anzusehen, indem er die Theorie der einfachen Potenzen (Hebel, Schraube, Keil, Flaschenzug u. s. w.), des passiven Schwimmens und die Lehre vom Schwerpunkte entwickelte und bei seinen Erfindungen von Kriegs- und andern Maschinen praktisch anwendete. Unter den alexandrinischen Mathematikern erwarben sich Ktesibios, Anthemios und die beiden Heron Verdienste um die M. Dann ruhte die Wissenschaft, und erst um 1577 traten Guido Ubaldi, der Marchese del Monte, Benedetti, Tartalea u. a. auf. Simon Stevinus stellte ein System der Statik und Hydrostatik auf, und Valerius bildete die Lehre vom Schwerpunkte aus. Galilei legte den Grund zur Lehre von der Pendelbewegung und von der Schwerkraft, welche letztere Torricelli im 17. Jahrh. ausbildete, während Huyghens die erstere vervollkommnete. Borelli, Roberval, Descartes, Mersenne, Wallis und Wren bilden Glanzpunkte in der Geschichte der M. Auf einen sehr hohen Standpunkt erhob sie aber Isaak Newton durch seine M. des Himmels, wo er sie auf die Bewegung der Weltkörper anwendete. Leibniz und Joh. und Dan. Bernoulli, Mariotte, LHöpital und Euler vervollkommneten die Wissenschaft durch Anwendung der Rechnung des Unendlichen. Aus neuerer Zeit sind zu erwähnen: d'Alembert, Lambert, d'Arcy, Lagrange, Laplace, Gauß, Poisson, Kirchhoff, Thomson u. a. Vgl. Dühring, «Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der M.y (Berl. 1872; 2. Aufl. 1877); Klein, Die Prinzipien der Mechanik, historisch und kritisch dargestellto (Lpz. 1872), Mach, „Die M. in ihrer Entwickelung historisch-kritisch Von hervorragenden Männern der Wissenschaft wurde in neuester Zeit neben der rein analytischen auch die synthetische Behandlung der M. weiter ausgebildet. Zu nennen sind hier Poisson, Poinsot, Monge, Möbius, Chasles und namentlich Culmann, welcher sich als Begründer der modernen graphischen Statik oder Graphostatik ein bedeutendes Verdienst erworben hat. Für die Zwecke des ausführenden Ingenieurs ist die rein theoretische M. nicht verwendbar; dieselbe mußte daher derart umgearbeitet werden, daß die Theorie für die sofortige praktische Anwendung zurechtgelegt wurde. Die auf diese Weise entstandene Bearbeitung der reinen M. zerfällt in technische Mechanik und Ingenieur⸗- oder Baumechanik. Erstere umfaßt die Statik, Dynamik, Festigkeitslehre und Hydraulik; letztere behandelt die Anwendung der Festigkeitslehre auf die Objekte des Ingenieur⸗ und Hochbauwesens. Hauptvertreter der technischen und der Ingenieurmechanik sind Weisbach, Bauschinger, Grashof, von Ott, Ritter, Marin; ihre Geschichte findet in Rühlmann ihren berufensten Bearbeiter. Von seiten der mathematischen Physiker wird noch die mechanische Physik als ein besonderer Teil der M. abgeschieden, indem die M. als ein Teil der Physik aufgefaßt wird. Die mechan. Physik umfaßt insbesondere die Potentialtheorie und die Anwendung derselben auf die mechan. Theorie der Elektricität und des Magnetismus, sowie die mechan. Wärmetheorie, insofern als diese streng wissenschaftlich behandelt ist. Die bedeutendsten Forscher auf letzterm Gebiete sind Clausius, Tyndall, Maxwell, Zeuner, Joule, Rankine, Hirn, Thompf on, Gustav Schmidt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 552Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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