Milesische Märchen, s. unter Milet. Milct (grch. Miletos), die mächtigste und reichste unter den ion. Städten Kleinasiens, auf einem Vorsprunge der Küste Kariens am Südrande des Latmischen Meerbusens gelegen, wurde nach der Tradition von ion. Auswanderern aus Attika im 10. Jahrh. v. Chr. gegründet. Die glückliche Lage der Stadt brachte ihren Handel und ihre Schiffahrt zur hohen Blüte; die Milesier dehnten ihren Verkehr und ihre zahlreichen Kolonien nach den Gestaden der Propontis (des Marmarameers), des Pontus Euxinus (Schwarzen Meers) und der Maiotis (des Asowschen Meers), bis zu der Mündung des Tanais (Don), andererseits nach Italien und nach Agypten aus; berühmt war ihre Fabrikation feiner Wollzeuge. M. kam etwa 548 v. Chr. unter die Herrschaft des Perserkönigs Kyros; die alte Blüte der Stadt wurde gebrochen durch den ion. Aufstand, dessen Hauptanstifter und Führer die Milesier waren, daher ihre Stadt, als sie nach hartnäckigem Widerstande von den Persern erstürmt worden war, zerstört, die Einwohner teils getötet, teils nach Persien abgeführt wurden (495 v. Chr.). Zwar siedelten sich bald wieder Griechen hier an und stellten die Stadt wieder her, die nun unter ihrem alten Namen bis in die spätesten Zeiten des Altertums fortbestand; doch gewann sie nur einen Teil ihres frühern Glanzes wieder. Heutzutage steht auf ihrer Stelle ein ärmliches Dörflein, Palatia genannt. M. hat auch eine Anzahl bedeutender Gelehrter und Schriftsteller hervorgebracht: so im 6. und im Anfang des 5. Jahrh. v. Chr. die Philosophen Thales, Anaximander und Anaximenes und den Geschichtschreiber Hekatäbs; im 1. und 2. Jahrh. v. Chr. den Romanschreiber Aristides, dessen Mi: lesiaca, Erzählungen lasciven Inhalts, besonders bei den Römern großen Beifall fanden, die danach alle ähnlichen Schriften als Fabulae Milesiae (Milesische Märchen) bezeichneten. Die Ruinen der alten Stadt und des benachbarten Tempels der Branchiden sind in neuerer Zeit erst durch Ch. Newton, dann durch Olivier Rayet und Albert Thomas untersucht worden; vgl. Newton, A his tory of discoveries at Halicarnassus, Cnidus and Branchidaes (2 Bde., mit Atlas, Lond. 1861—63); Rayet und Thomas, XM. et le golfe Latimiques (Bd. 1, Par. 18777).