Milzbrand (Anthrax, Antoniusfeuer, Blutseuche, Darmfeuer, Lendenblut, Rankkorn, Sibirische Pest, Zungenanthrax) ist eine höchst ansteckende, auf Menschen und wild lebende Pflanzen⸗ und Allesfresser übertragbare Krankheit der landwirtschaftlichen Haussäugetiere; Hunde und Hausgeflügel werden nur ausnahmsweise und unter besondern Umständen von dem M. befallen. Die Ursache desselben ist ein Spaltpilz, der Milzbrandbacillus (Bacillus anthracis), welcher in ungeheuerer Zahl im Blute und in den Geweben milzbrandkranker Tiere aufgefunden wird, ein nur mit starken Mikroskopen erkennbares, cylindrisches Stäbchen, welches an den beiden Enden fast rechtwinkelig abgestutzt ist, einzelne helle, runde Flecke aufzeigt, eine Andeutung von Gliederung besitzt und keine Bewegung beobachten läßt. Entdeckt wurde dieser Bacillus (Bacterie, Bacteridium) von Branell und Pollender, die Leů bensgeschichte desselben aber von R. Koch klar gelegt. Er vervielfältigt sich durch Zweiteilung, dann aber auch dadurch, daß er zu langen Fäden auswächst, deren Plasma in Dauersporen zerfällt; diese Dauersporen sind viel widerstandsfähiger und zäher gegen zerstörende Einflüsse, als die Bacillen selbst, im Boden der Milzbrandgegenden erhalten sie sich mehrere Jahre lang lebensfähig. Die Gegenden, in welcher der M. heimisch ist, sind ausgezeichnet durch einen Boden, welcher eine humusreiche Ackerkrume besitzt, dessen übrige Bodenschichten zur Versumpfung neigen; auch findet sich der M. häufig in Gegenden, die austrocknende Moore als Weidereviere besitzen, oder Futterfelder und Triften, die alljährlich von über die Ufer tretenden Flüssen getroffen werden. Die Bacillen schädigen zunächst dadurch, daß sie das Blut der befallenen Tiere sauerstoffarm und an Kohlensäure überladen machen; Kohlensäurevergiftung ist hauptsächliche Ursache des Todes bei milzbrandkranken Tieren. Außerdem verstopfen sie die feinern Blutgefäße lebenswichtiger Organe und heben dadurch die Funktion derselben auf. Die mit verdunstendem Wasser dem Boden der Milzbrandgegenden entströmenden Bacillen werden von Tieren eingeatmet oder mit der Nahrung verzehrt und vermehren sich im Blut sehr rasch. Das Kontagium des Milzbrandes, d. i. die Milzbrandbacillen oder deren Dauersporen, haftet ziemlich fest am Blut, an den Geweben, Aussonderungen und Auswurfsstoffen der vom M. befallenen Tiere; gesunde Tiere infizieren sich nur, wenn sie in innigste Berührung mit dem Ansteckungsstoff kommen, besonders an Körperteilen mit verletzter Haut. An derjenigen Stelle, an welcher beim Menschen die Infizierung mit Milzbrandbacillen oder deren Dauersporen, welche sich in Bacillen umwandeln, stattfand, entsteht zunächst eine Pustel (Milzbrandpustel, Pustula maligna), von der aus erst eine Vermehrung der Bacterien und weitere Einwanderung in die Säftemasse geschieht. Nur durch energische Zerstörung dieser Pustel (Ausschneiden, Brennen ist der Ausbreitung der Krankheit vorzubeugen und das Leben des Betroffenen zu retten. Man unterscheidet einen rasch und einen langsamer verlaufenden M. Der erstere ist oft so akut, daß der Wechsel zwischen scheinbarer Gesundheit und Tod eines Tieres innerhalb einer Stunde erfolgt (apoplektischer M.). Ist solches nicht der Fall, so ist die Dauer von mehrern Stunden bis zu einigen Tagen (Milzbrandfieber) zu beobachten. Heftiges Fieber, beschleunigtes und erschwertes Atmen, Blaufärbung aller sichtbaren Schleimhäute, schwankender Gang und Taumeln, Muskelzittern, namentlich in der Flankengegend, endlich Erstickungszufälle und plötzliches Hinstürzen und rasches Verenden unter Konvulsionen, Austreten von Blut aus Nase und After sind die Hauptkennzeichen des rasch verlaufenden M. Der langsam verlaufende M. (M. mit äußerlich, örtlich wahrnehmbaren Veränderungen) dauert mindestens 12—36 Stunden, bisweilen aber auch 3—7, höchst selten 8— 10 Tage. Seine wesentlichsten Kennzeichen sind die des Milzbrandfiebers, gepaart mit sog. Milzbrandlokalisationen. Bei Pferden und Rindern zeigen sich letztere als Karbunkel (s. d.), bei Schafen als Rotlauf; bei Schweinen findet man die Milzbrandbräune. Bei Rindern und Schweinen kommt der Zungenanthrax vor, d. h. Blasenkarbunkel am Grund der Zunge und im Rachen; heftiges Geifern und Speicheln bei gänzlich unterdrückter Freßlust, höchste Atemnot neben heftigem Fieber charakterisieren ihn. Gegen M. hilft Aderlaß nur, wenn er sehr frühzeitig vorgenommen werden kann: sonst werden reine Carbolsäure gelöst und mit Schleim versetzt, oder Arseniksolution gegeben, Begießungen mit kaltem Wasser und darauffolgendes Frottieren vorgenommen (letzteres nicht bei Schafen). Harte Karbunkel sind zu spalten, mit Glüheisen auszubrennen. Vorgebeugt wird durch Nahrung, welche dünnes Blut erzeugt, kühlen Aufenthalt, gutes frisches Wasser, Sorge für offenen Leib der Tiere. Milzbrandkranke Tiere sind von gesunden zu separieren, die Auswurfsstoffe von erstern sorgfältig zu vernichten, Stall und Stallgeräte gründlich und wiederholt zu desinfizieren. Die Kadaver der am M. geralenen Tiere sind am besten zu zerkochen oder chemisch auszubeuten; wenn solches nicht geschehen kann, sind sie an entlegenen, umzäunten, dem Vieh nicht zugänglichen Orten wenigstens 3m tief einzugraben. Die von Pasteur und Toussaint empfohlene Schutzimpfung mit mild gemachtem Milzbrandgift wird sich noch nicht gut einführen lassen, da Verluste an Impflingen eintreten, die Impfung mit mitigierten Bacillen nur 8—12 Monate zu schützen scheint, die Kosten wiederholter Impfung nicht unbeträchtlich sind und von den Impfstationen Weiterverbreitung des M. denkbar ist.