FeedMir (russ.)
ErdkundeBrockhaus 1882

Mir (russ.), die Welt, der Friede, die Gemeinde, insbesondere die russ. Bauerngemeinde. Sie besteht aus den Bauern eines Dorfs oder mehrerer aneinander grenzenden Dörfer und ist Eigentümerin des gesamten, der Gemeinde gehörigen Grundbesitzes, der nur von Zeit zu Zeit an die Mitglieder derselben zur Nutznießung verteilt wird. Bei zunehmender Zahl der letztern werden also die Landesanteile immer geringer, sodaß zuletzt ein nutzbringender Betrieb des Ackerbaues unmöglich gemacht werden kann. Jede Gemeinde ist deshalb jederzeit berechtigt, mit zwei Drittel Stimmenmehrheit, den vorhandenen Gesamtbesitz für immer aufzulösen und ihn unter die vorhandenen Besitzer zu verteilen, die nun erbliche Grundbesitzer werden. Mira, s. Walfisch (Sternbild). Mirabeau (Honoré Gabriel Riquetti, Graf), einer der berühmtesten Charaktere und Redner der Französischen Revolution, wurde 9. März 1749 zu Bignon bei Nemours geboren. Er stammte aus einer im 13. Jahrh. aus Florenz nach Frankreich eingewanderten Familie Riquetti, die im 16. Jahrh. das Marquisat M. in der Provence erwarb. Sein Vater, Victor Riquetti, Marquis de M. (geb. 5. Okt. 1715, gest. 13. Juli 1789), hing dem Physiokratischen System an und schrieb in diesem Sinne eine Menge Werke, von denen vor allem der „Ami des hommes (5 Bde., Par. 1755) Anerkennung fand. Ungeachtet seinerphilanthropischen Bestrebungen übte der Marquis in seiner Familie den ärgsten Despotismus und wirkte unter anderm gegen seine Frau, die er verstieß, und gegen seine zahlreichen Kinder nach und nach 54 Lettres de cachet aus. Honoré M., der älteste Sohn, kam 1764 nach Paris in ein strenges Militärpensionat und trat 17jährig als Lieutenant in das Kavallerieregiment Berri. Sein wildes Leben hatte iedoch zur Folge, daß ihn der Vater 1768 auf die Insel Re gefangen setzen ließ, und erst nach sechs Monaten erhielt er die Erlaubnis, nach Corsica zur franz. Legion abzugehen. Da ihm der Vater den Ankauf einer Kompagnie verweigerte, verließ er 1770 als Hauptmann den Dienst und ging auf ein Familiengut in Limousin, wo er das physiokratische System ausüben sollte. Im Juni 1772 heiratete er die Tochter des reichen Marquis von Marignane. Sein Schwiegervater verstand sich aber nur zu einem geringen Jahrgeld; M. sah sich bald zu Grunde gerichtet und im Mai 1773 durch einen Haftbrief in die kleine Stadt Manosque verwiesen. Weil er sein Exil brach, ließ ihn der Vater 1774 auf das Schloß If und von da im Mai 1775 auf das Fort Joux bei Pontarlier bringen. Hier trat M. mit der schönen Sophie de Ruffey, der 19jährigen Gattin des alten Marquis von Monnier, in ein Liebesverhältnis, das die Rücksendung Sophiens zu ihren Eltern nach Dijon zur Folge hatte. M. entrann seiner Haft und floh mit Sophie in die Schweiz, von da nach Holland, wo er sich im Okt. 1776 zu Amsterdam unter dem Namen Mathieu niederließ und unter anderm den «Rat an die (verkauften) Hesseno und den Essai sur le despotismey veröffentlichte. Inzwischen sprach das Gericht zu Pontarlier das Todesurteil über den Entführer aus, und das Parlament zu Besangon ließ dasselbe in etligie vollziehen, während der Vater die Auslieferung des Sohnes betrieb. In der That wurde M. 14. Mai 1777 zu Amsterdam mit Sophie verhaftet und auf den Donjon zu Vincennes, seine Geiebte aber in ein Kloster zu Gien gebracht. In seiner harten Gefangenschaft, die 42 Monate dauerte, schrieb er den glänzenden «Essai sur les lettres de cachet et les prisons d'étaty (2 Bde., Hamb. 1782). Seine ebendort geschriebenen, von Leidenschaft erfüllten Briefe an Sophie veröffentlichte Manuel unter dem Titel Lettres originales de M., écrites du donjon de Vincennes (4 Bde., Par. 1792). Erst nachdem sein von der rechtmäßigen Gattin geborener Sohn gestorben war, erhielt M. die Freiheit, 13. Dez. 1780. Im Sept. 1782 bewirkte er die Aufhebung des gegen ihn und Sophie ergangenen Urteils. Hierauf versuchte er, aber vergebens, eine Annäherung an seine Gattin; er machte deshalb einen Prozeß anhängig, den er aber trotz hinreißender Beredsamkeit verlor (1783). In Gesellschaft einer jungen Holländerin, Namens Nehra, ging er Ende 1784 nach England, wo er die durch Franklin und Chamfort veranlaßten «Considérations sur l'ordre dé Cincinnatuso herausgab, die besonders in Nordamerika große Wirkung hervorbrachten. Zu London schrieb er auch die gegen die Politik Kaiser Josephs II. gerichteten Doutes sur la liberté de PEscauto, wozu ihn vielleicht holländ. Gold bewogen hatte. Nach Paris zurückgekehrt, begann er, von den großen Bankiers unterstützt, die heftigsten Angriffe gegen die Finanzverwaltung Calonnes. Dieser suchte den gefürchteten Publizisten zum Schweigen zu bringen, indem er ihn 1785 mit einer geheimen Sendung an den Hof Friedrichs II. nach Berlin beauftragen ließ. Hier sammelte er eine Menge wichtiger Materialien, die er zur Abfassung des Werks De la monarchie prussienne sous Frédéric-le-Grando (4 Bde., Par. 1787; 8 Bde., Lond. 1788) benutzte. Nach seiner Rückkehr Anfang 1787 schrieb M. aufs neue gegen Calonnes Verwaltung. Unter seinen Flugschriften brachte hauptsächlich die „Dénonciation de Pagiotage au roi et à l'assemblée des notables eine schlagende Wirkung hervor. Auch Necker erlitt durch ein ähnliches Pamphlet: 4Suite de la dénonciationo, einen empfindlichen Angriff. M. galt bereits als ein Hauptvertreter der Interessen des Dritten Standes, als die Zusammenberufung der Reichsstände vorbereitet wurde. Um seine Reise nach der Provence zu bestreiten, wo er vom Adel gewählt zu werden hoffte, verkaufte er aus seinen Papieren eine 4Histoire secréte de la cour de Berlino, die aber der Hof verbrennen ließ. Der Adel der Provence wies M. unter dem Vorwand zurück, daß er kein Lehngut besäße. M. schied mit der kühnen Drohung, daß er gleich Marius die Aristokratie zertrümmern werde, und entäußerte sich faktisch seines Standes, indem er einen Tuchladen kaufte und bei dem Dritten Stande als Wahlkandidat auftrat. Man nahm ihn mit Enthusiasmus auf und wählte ihn zugleich zu Aix und zu Marseille. Er entschied sich für Marseille und hob sich daselbst durch energisches Einschreiten bei einem durch Hungersnot veranlaßten Aufruhr auf den Gipfel der Popularität. Nach der Eröffnung der Reichsstände und ihrer revolutionären Umwandlung in die Nationalversammlung beherrschte M. die Verhandlungen durch seine ebenso dialektisch scharfe, wie hinreißend feurige Beredsamkeit. Er war es, der vor allem den Sieg des Dritten Standes entschied. Doch war sein polit. Ideal nicht die ins Grenzenlose fortschreitende Revolution, wie sie die Gruppe Robespierres und Marats auffaßte: er wollte eine Monarchie, in der die ständische Organisation der alten Zeit vernichtet sein sollte, der er aber immerhin ein ziemliches Maß von Selbständigkeit zuerkennen wollte. Freilich den Hauptsatz der Revolution von der Souveränetät des nationalen Willens, der sich revolutionär äußern dürfe, gab er nicht auf. Verhängnißvoll für ihn wurde der Umstand, daß seine polit. Tendenzen stets von persönlichem Ehrgeiz und der Rücksicht auf die Befriedigung seiner pekuniären Bedürfnisse durchkreuzt wurden. So stand er bis zum 6. Okt. 1789 hinter dem Streben des Herzogs von Orléans, die konstitutionelle Krone auf Kosten des Königs zu erlangen. Als der Hof nach Paris übersiedelte, brach M. mit Orléans und suchte mit Hilfe des Hofs das parlamentarische Ministerium zu erlangen. Kaum wurde das Projekt bekannt, als sich in der Versammlung die Anhänger mit den Gegnern der Revolution zum Widerstande vereinigten, und ein Dekret vom 7. Nov. 1789 verhinderte, daß ein Deputierter Minister werden konnte. M. sah hierdurch seine Popularität wie seine polit. Wirksamkeit für die Zukunft gelähmt. Die Königin, die ihn für die letzte Zuflucht der wankenden Monarchie hielt, veranlaßte ihn unter Mitwirkung des Grafen Mercy-Argenteau, des österr. Botschafters, im Mai 1790 zu einer geheimen Zusammenkunft in den Gärten zu St.⸗Cloud. Die großen Geldsummen, die er jetzt vom Hofe erhielt, gaben seinen Feinden Gelegenheit, ihn als Verräter zu bezeichnen. M. verstand es zwar, in dem wachsenden Sturm immer noch seinen Einfluß machtvoll geltend zu machen, und erhielt im Dez. 1790 die Präsidentschaft im Klub der Jakobiner, im Febr. 1791 sogar in der Nationalversammlung. Dennoch konnte sein durch fortgesetzte Ausschweifungen zerrütterter Körper dem Übermaß dieser geistigen Erregungen und Anstrengungen auf die Dauer nicht widerstehen. Schon im Febr. 1791 verfiel M. in große geistige Abspannung. Am 27. März, wo er fünfmal das Wort ergriffen, brach er auf der Rednerbühne zusammen und starb kurz darauf, 2. April 1791. Sein Körper wurde in der Kirche Ste.⸗ Genevieve (Pantheon) beigesetzt, mußte aber später der Leiche Marats Platz machen. Eine Ausgabe seiner «Oeuvres choisies v mit einer Biographie veranstaltete Mérilhou (9 Bde., Par. 1825—27). Chaussard veröffentlichte einen Auszug aus M.s Schriften und Reden unter dem Titel: L'esprit de M.» (2 Bde., 1797 — 1804). Eine außerordentlich wichtige Quelle für die parlamentarische Wirksamkeit M.s sind seine Lettres à mes commettantso, ein Bericht über die Verhandlungen, die er in der Wochenschrift „Courrier de Provence 1789—91 veröffentlichte. Nachrichten über M.s Leben und Wirksamkeit teilte sein natürlicher Sohn Lucas Montigny mit in den Mémoires biographiques, littéraires et politiques de M.v (2. Aufl., 8 Bde., Par. 1841); Bacourt gab die wichtige „Correspondance entre le comte de M. et le comte de Lamarcko heraus (2 Bde., Brüss. 1851). Vgl. außerdem Dumont, «Souvenirs sur Nr. » (Brüss. u. Lpz. 1832); Vermorel, M., sa vie, ses opinions et ses discoursy (5 Bde., Par. 1864 66); Raynald, XM. et la Constituanter (Par. 1872). Raupach hat M. zum Helden eines histor. Dramas (Berl. 1850), Th. Mundt zu dem eines Romans . Aufl., 2 Bde., Berl. 1860) gemacht.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 758Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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