Moliere (Jean Baptiste Poquelin, genannt)/ der größte franz. Lustspieldichter, geb. zu Paris 15. Jan. 1622, Sohn eines königl. Kammerdieners und Hoftapezierers, empfing im Collége Clermont daselbst (jetzt Collége Louis le Grand) eine gelehrte Bildung, wurde in Orleans Doktor der Rechte und um 1645 Advokat in Paris; aber seine natürliche Neigung und sein Verhältnis mit der Schauspielerin Madeleine Bejars ließen ihn diese Stellung mit der Schauspielerlaufbahn vertaus chen. Die viel jüngere Schwester, oder wahrscheinlicher die Tochter seiner Freundin, Armande Bejars, hat er dann, schon 40 J. alt geworden, 14. Febr. 1862, Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XI. zum Unglück für seine Lebensruhe geheiratet. Im J. 1646 ging er fort von Paris, wurde bald Leiter einer kleinen Schauspielertruppe und zog 12 Jahre lang (1646—58) in der Provinz umher, indem er Stücke von seiner Bearbeitung spielte, wie den Durch seinen Gönner und ehemaligen Mitschüler, den Prinzen von Conti, erlangte er 1658 die Vergünstigung, vor Ludwig XIV. zu spielen, und hatte das Glück, so zu gefallen, daß er mit seiner Truppe in Paris bleiben durfte und später in königl. Dienst genommen wurde. M. eröffnete zunächst im Petit-Bourbon, dann im Jan. 1661 im Palais-Royal ein Theater, das Zulauf hatte und alljährlich neue Arbeiten aus seiner eigenen Feder brachte: Les précieuses ridiculeso (1659), Le cocu imaginairen (1660), L'école des mariso (1661), Lécole des temmesv (1662), Le festin de pierrer (1665), (Lo phitryono, L'avarev, 4George Dandino (1668),Le bourgeois gentilhommer (1670), Le fourberies de Scapinp (1671), (Les femmes savanteso (1672), (Le malade imaginairen (1673). Bei der vierten Vorstellung dieses letzten Stücks, worin M. die Hauptrolle spielte, befiel ihn, während er in der burlesken Ceremonie zur Aufnahme des Doktors das Juro aussprach, ein Blutsturz. Sterbend von der Bühne weggetragen, verschied er nach wenigen Stunden 17. Febr. 1673 in seiner Wohnung der Rue Richelieu, welcher gegenüber man 1845 ein öffentliches Denkmal zu seinen Ehren errichtete. M. war, wie Shakspeare, Theaterdirektor, Schauspieler und dramatischer Dichter, der für seinen eigenen Bühnenbedarf, ohne litterarischen Ruhm zu suchen, schrieb, indem er von allen Seiten, von den Römern, Italienern, Spaniern, entlehnte, was ihm tauglich schien. Die meisten Anleihen machte er bei der italienischen Commedia del arte. Weil er Schauspieler von Profession war, konnte er nicht in die Akademie aufgenommen werden, und es bedurfte des Befehls Ludwigs XIV, um ihm ein ehrliches Begräbnis zu verschaffen. Jedoch ließ die Akademie 1778 in ihrem Sitzungssaal M.s Büste aufstellen. Indes wurde er von den bedeutendsten Geistern seiner Zeit, von Boileau (welcher ihn einen arare et fameux esprito nennt), Lafontaine, Chapelle u. a., sogleich nach seinem Wert erkannt. In der That ist M. einer der größten Lustspieldichter aller Zeiten. Seine ersten Stücke zwar sind noch durchaus possenhaft und von ausgelassener Lustigkeit; in seinen spätern Meisterwerken aber, dem „Misanthropes, dem Avarev, dem Tartufen, den Femmes savanteso u. s. w., in denen er die Schlechtigkeiten und Lächerlichkeiten seiner Zeit geißelt, zeichnet er mit einer außerordentlichen Gestaltungskraft Charaktere, die wegen ihrer Lebenswahrheit typisch und zum Teil sprichwörtlich geworden sind. In allen seinen Schöpfungen pulsiert reiches dramatisches Leben, selbst da, wo, wie in den Nachbildungen der italienischen Posse, der spezifisch nationale Gehalt ihnen abgeht; unerschöpflich ist M. an geistreichen, witzigen Einfällen, an treffenden, sentenzartigen Bemerkungen, in denen allgemeine Wahrheiten in prägnanter Form als Maximen zugespitzt sind. Seine Verse sind reich an volkstümlichen Wendungen und überraschend neuen Reimen. Unter den ältern Ausgaben seiner Werke ist die von Bret (6 Bde., Par. 1773, mit Kupfern von dem jüngern Moreau) die schönste und gesuchteste; unter den neuern die von Moland (7 Bde., Par. 1863 — 64) die vollständigste, korrekteste und am besten erläuterte, nach welcher die kritische mit Varianten und Notizen von Eugen Despois und (von Tl. 4 ab) P. Mesnard (8 Tle., Par. 1873—83) zu nennen ist. Unter den einfachen Textausgaben steht obenan die von Anatole France (Par. 1876 fg.) besorgte, welche den genauen Abdruck der ersten Drucke bringt. Eine Ausgabe der Hauptwerke mit deutschem Kommentar lieferte A. Laun (9 Bde. Lpz. 1873.—76). Von den deutschen übersetzungen seiner Werke ist die des Grafen Wolf 96 nnini (Lustspieleß,« Bde., Lpz. Vgl. In den zahlreichen biographischen Schrif1865—67) hervorzuheben. ten Voltaires geistreiche Schrift: KVie de M. avec des jugements sur ses ouvrages (Amsterd. 1759); Tachereau, «Ilistorie de la vie et des ouvrages de My (Par. 1825 u. öfter); Bazin, Notes historiques sur la vie de M.(Par. 1851); Soulié, Recherches sur NM. et sur sa famillep (Par. 1863); Fournel, Les contemporains de M.v (Bd. 1—2, Par. 1863—65); Moland, M. et la comédie italiennes (Par. 1867); P. Lindau, Molières (Lpz. 1872); Reissig, (Jean Baptist M.s Leben und Schriften» (Lpz. 1876); Loiseleur, Les points obscurs de la vie de M. (Par. 1877); Lacour, Htudes sur M.v (Par. 1877). Das formale Verstehen erleichterten Fritsches cMoliere-Studien, ein Namenbuch zu M.s Werken mit philolog. und histor. Erläuterungen) (Danz. 1868), zu welchem H. Weyl 1870 in einem königsberger Gymnasialprogramm einen «Beitrag lieferte. Sehr brauchbar ist die Bibliographie Molièresquep von Paul Lacroix (Par. 1875), ferner das aus den Archiven des Théeätre Frangais veröffentlichte «Registre de la grange, 1656—16855 (Facsimile-Abdruck, Par. 1876). Gutzkow hat M. zum Helden seines Lustspiels «Das Urbild des Tartufer gemacht.