FeedMoralitäten
ReligionBrockhaus 1882

Moralitäten nannte man im Mittelalter geistliche Schauspiele, welche im Gegensatz zu den Mysterien (s. d.) nicht die evang. Erzählung oder Heiligenlegenden in dramatischer Form darstellten, sondern einzelne Sittenlehren durch erfundene Beispiele unmittelbar veranschaulichten. Außer wirklichen Personen der heiligen Geschichte traten in denselben alle möglichen Tugenden und Laster und sonstige Personifikationen allgemein sittlicher Zustände und Eigenschaften auf. Ihr Inhalt, an Handlung durchaus arm, bewegte sich in oft höchst spitzfindigen Streitreden, welche mit dem Siege der biblischen Sittenlehre endigten. Während die Mysterien sich an die überlieferte Erzählung hielten, sind die M. ein erster Anfang von dramatischer Erfindung. In Italien, England und Frankreich fanden derartige Aufführungen schon im 13. Jahrh. statt. Eine Art von künstlerischer Ausbildung erhielten sie in Paris seit etwa 1400 durch die Confrérie de la Bazoche (vgl. Fabre, Htudes historiques sur les cleres de la Bazochen, Poitiers 1856), eine Gilde der Gerichtsschreiber (clercs), welche ihren Stücken nicht selten auch eine satirische Wendung gaben und noch bis ans Ende des 18. Jahrh. bestanden, ohne jedoch über das 16. Jahrh., wie es scheint, öffentlich hervorgetreten zu sein. In Deutschland scheinen M. neben den Mysterien nie recht aufgekommen zu sein. Eine spätere Erneuerung der M. sind in Spanien die Autos sacramentales von Lope de Vega und Calderon.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 860Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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