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MusikBrockhaus 1882

Mozart (Joh. Chrysostomus Wolfgang Amadeus), einer der größten Tonkünstler, geb. 27. Jan. 1756 zu Salzburg, wo sein Vater Leopold (geb. zu Augsburg 14. Nov. 1719, gest. 28. Mai 1787), ein bedeutender, besonders durch seine Violinschules (Augsb. 1756 u. öfter bis 1804) allgemein bekannter Künstler, Vizekapellmeister war. Schon im vierten Jahre offenbarten sich seine außerordentlichen Anlagen für Musik. Als er sechs Jahre alt war, führte ihn der Vater mit seiner Schwester Maria Anna (geb. 1751, gest. 1829), welche ebenfalls hervorragendes Talent besaß, nach München und Wien, wo bei Hofe und in der vornehmen Welt die Virtuosität des Knaben Bewunderung fand. Nach seiner Heimkehr lernte er sehr rasch auch Violine und Orgel spielen und verstand auch im Gesang eigene Kompositionen angemessen vorzutragen. Im J. 1763 trat der Vater mit beiden Kindern eine Kunstreise an, welche ihn durch die Hauptorte Süddeutschlands nach Paris, 1764 nach London, im folgenden Jahre nach Holland führte, von wo sie über Paris und durch die Schweiz gegen Ende 1766 nach Salzburg zurückkehrten. Schon während dieser ersten Reise hatte M. drei Hefte Klaviersonaten drucken lassen und führte in seinen Konzerten, abgesehen von den Improvisationen, welche die größte Bewunderung hervorriefen, nur eigene Kompositionen für Orchester und Gesang auf. In Salzburg nahm der Vater den Sohn in eine strenge Schule, von deren Erfolgen zwei größere geistliche Cantaten und eine lateinische, für eine akademische Feierlichkeit bestimmte Oper: KApollo et Hyacinthusv, Zeugnis ablegten. Gegen Ende 1767 ging Leopold M. mit den Kindern wieder nach Wien, wo eine deutsche Operette Bastien und Bastienner, eine Messe und anderes von M. aufgeführt wurden. Nachdem das J. 1769 in Salzburg, wo Wolfgang M. zum Konzertmeister ernannt wurde, in ernsthaften Studien hingebracht war, trat der Vater mit seinem Sohn eine Reise nach Italien an. Die Reise, welche mit einem längern Aufenthalt in allen Hauptorten bis nach Neapel führte, war eine ununterbrochene Kette von Triumphen für den jugendlichen Virtuosen auf dem Klavier, auf der Orgel und Violine und im Gesang, wie für den Komponisten, der sich für die verschiedensten Aufgaben allezeit gerüstet erwies. Außere Ehren blieben nicht aus. Wichtiger war der Auftrag, die Oper Mitridater zu schreiben, welche in Mailand im Dez. 1770 mit Beifall aufgeführt wurde. Hierauf folgte das Festspiel GAscanio in Albas im Auftrag der Kaiserin Maria Theresia zur Vermählung des Erzherzogs Ferdinand in Mailand 1771, die Serenade IIsogno di Scipiones zur Einführung des Erzbischofs Hieronymus 1772 in Salzburg, die Oper „Lucio Sillaß, im Winter 1773 in Mailand mit Beifall aufgeführt. Daran schlossen sich die komische Oper La finta giardinièrap, 1775 in München, und die Serenade eIUre pastorev, 1775 in Salzburg aufgeführt. Während sich M. so auf dem Gebiete der ital. Oper, welcher im wesentlichen auch das Oratorium «La Betulia liberatas angehört, vollkommen heimisch machte, bot ihm seine Stellung in Salzburg zugleich Veranlassung, nach verschiedenen Seiten 90 sich als Komponist zu entwickeln. Sechzehn Messen, vier große Litaneien, eine ausgeführte Vesper und eine große Zahl von Offertorien u. dgl. bezeugen, in welchem Grade sich M. der Kirchenmusik sowohl in ihren strengern als den damals vorherrschend freiern Formen bemächtigt hatte. Auch in den verschiedensten Gattungen der Instrumentalmusik bewährte er eine staunenswerte Fruchtbarkeit. Gegen 40 Symphonien, zahlreiche Serenaden, Divertimenti, Cassationen und andere Formen der Orchestermusik stehen an der Spitze einer nicht minder langen Reihe von Werken der Kammermusik, vom Saitenquintett bis zur Klaviersonate. Die unwürdige Behandlung, welche M. von seiten des Erzbischofs Hieronymus erfuhr, bestimmte ihn im Sept. 1777 seinen Abschied zu nehmen und auswärts sein Glück zu suchen. Der Aufenthalt in München, Mannheim (wo Karl Theodor mit vortrefflichen Kräften eine deutsche Oper zu begründen suchte) und in Paris erweiterte zwar seinen künstlerischen Blick, brachte ihn aber nicht dauernd in einen anderweitigen Wirkungskreis, sodaß er nach dem in Paris erfolgten Tode (3. Juli 1778) der ihn begleitenden Mutter wieder, wenn auch ungern, in die frühere Stellung als Konzertmeister nach Salzburg zurückkehrte. Seine größere Reife offenbart sich in den mannigfaltigen Kompositionen für Kirche und Orchester, welche während der Reise und nach seiner Rückkehr in Salzburg entstanden, sowie in den Chören und Zwischenakten zu (König Thamosv und der nicht vollendeten deutschen Oper (Zaideo, vor allem aber in der Oper Idomeneov, welche in München im Jan. 1781 aufgeführt wurde. Elemente der ital. Opera seria sind hier unter dem belebenden Einfluß der durch Gluck angebahnten dramatischen Reformation ihrer Vollendung entgegengeführt. Der Ernst der Auffassung, die Kraft der Erfindung, die Sorgfalt der Durchführung macht diese Oper zu einem Meisterwerk, obgleich es noch unter dem Gesetze einer fremden Form steht. Im J. 1781 gab M. seine salzburger Stellung auf und ließ sich in Wien nieder, wo er sich 1782 mit Konstanze Weber verheiratete. Der Kaiser Joseph ernannte ihn 1787 zum Kammermusikus mit 800 Fl. Gehalt. Da auch M.s Kompositionen trotz alles Beifalls und ihrer großen Verbreitung ihm nur geringen Ertrag brachten, so war er auf die Einnahmen von Konzerten und Unterrichtsstunden angewiesen, sodaß sein Hausstand, der von vielfacher Kränklichkeit heimgesucht wurde, ihn, den zur Sparsamkeit wenig Geeigneten, fast immer in Sorgen hielt. M.s Ansehen in Wien gründete sich zunächst auf seine Meisterschaft im Klavierspiel, welche er auf zwei Kunstreisen nach Berlin 1789 und Frankfurt 1790 auch über Wien hinaus zu glänzender Anerkennung brachte. Er galt unbestritten als der erste Komponist und auch als einer der ersten Virtuosen für dieses Instrument. In 17 Konzerten für Klavier und Orchester, sowie in einer langen Reihe Kompositionen mit und ohne Begleitung für dasselbe ist hauptsächlich der Grund für die Entwickelung des modernen Klavierspiels in Gestalt, Form und Technik gelegt worden. Namentlich die Konzerte sind nicht allein durch die Behandlung des Orchesters, sondern durch den Reichtum und die Originalität der Erfindung ein unversiegbarer Schatz musikalischer Schönheit. Seine Konzerte boten ihm zunächst auch die Veranlassung, die Orchestermusik in seinen Symphonien nach Form und Inhalt auf eine neue Stufe zu erheben. Auch in den verschiedenen Arten der Kammermusik, namentlich in den Quartetten und Quintetten, ist M. auf der von Haydn eingeschlagenen Bahn in eigentümlicher Weise fortgeschritten. Die höchste Bedeutung aber gewann er in Wien als dramatischer Komponist. Kaiser Joseph, der den Versuch machte, neben dem deutschen Schauspiel auch eine deutsche Oper zu begründen, gab ihm den Auftrag, Die Entführung aus dem Serailv zu komponieren, welche, 1782 mit großem Beifall aufgenommen, M.s Namen rasch über ganz Deutschland trug. Es war die erste und blieb damals auch die einzige deutsche Oper, welche über die engen Grenzen des bisherigen Singspiels hinaus alle Mittel der ausgebildeten Kunst des Gesangs und Orchesters für die dramatisch-musikal. Darstellung verwendete. Der eigentliche Liebling des Kaisers war die ital. Opera buffa. In dieser gelang es M. 1786 mit JLe nozze di Figarop festen Fuß zu fassen, welche Oper in einer trefflichen Aufführung glänzenden Erfolg hatte. M. verstand es, dem geistreichen Intriguenspiel der franz. Komödie von Beaumarchais Seele und Gemüt einzuhauchen und das Ganze in eine höhere, wahrhaft poetische Atmosphäre zu heben, welche die Bedingung wurde für eine musikalische Darstellung, in welcher heitere Beweglichkeit, leichte Grazie und tiefe Empfindung aufs wunderbarste verschmolzen sind. Der Enthusiasmus, mit welchem diese Oper in Prag aufgenommen wurde, veranlaßte den dortigen Direktor Bondini, bei M. den Don Giovanniv zu bestellen, welcher im Herbst 1787 in Prag aufgeführt wurde. Das alte span. Fastnachtsspiel bot nicht allein für die Darstellung mannigfacher Leidenschaften, sondern der Kontraste des ausgelassenen Humors und der Schauer des Geisterreichs ein weites Gebiet. der Komposition desselben erreichte M. seinen Höhepunkt und schuf im Don Giovanniv („Don Juano) die Krone aller Opern. Die nächste Oper &Cosi fan tuttep, 1790 in Wien aufgeführt, war der ganzen Anlage des Libretto nach in Handlung und Charakteristik der herkömmlichen Opera bufta um vieles näher gerückt; sie ragt hervor durch Schönheit der Musik, Vollendung der Form und Wohllaut der Klangwirkungen. Zur Krönung des Kaisers Leopold in Prag 1791 schrieb M. im Auftrag der Stände die Festoper «La clemenza di Titon, Text von Metastasio, aus welchem M. eine glänzende und geschickte Gelegenheitskomposition machte. Schon vorher hatte M. für den Theaterdirektor Schikaneder eine von ihm verfaßte Zauberoper, der ein bekanntes Märchen zu Grunde lag, «Die Zauberflötes, begonnen, welcher durch einen Zusatz freimaurerischer Tendenzen ein tieferer Gehalt gegeben war. M., ein eifriger Freimaurer, faßte diese Seite mit großem Ernst auf und wußte dem Ganzen einen feierlich ernsten Hintergrund zu geben, auf welchem die Züge lustiger Heiterkeit wirksam hervortreten. Die „Zauberflötes ist eine wesentlich deutsche Oper, fand als solche einen bis dahin unerhörten Beifall und veranlaßte eine ganze Reihe ähnlicher Werke. Während M. mit der Zauberflötes beschäftigt war, wurde auf geheimnißvolle Weise von einem Mann, der unbekannt bleiben wollte, ein Requiem bei ihm bestellt. Es ist später bekannt geworden, daß Graf Walseck auf Stuppach, der seine Umgebung dadurch zu mystifizieren liebte, daß er von Künstlern für ihn komponierte Arbeiten als seine eigenen aufführen ließ, zum Gedächtnis seiner verstorbenen Frau das Requiem bestellt und später als seine Komposition aufgeführt hat. M. schrieb das Requiem körperlich leidend und in schwermütiger Stimmung. Ehe er es ganz vollendet hatte, warf ihn eine heftige Krankheit aufs Lager, der er 5. Dez. 1791 erlag. Risfens Biographie M.s (Lpz. 1827) bot zuerst ein reichhaltiges authentisches Material, welches Holmes Life of M.o (Lond. 1845) zweckmäßig verarbeitete. Eine begeisterte Charakteristik gab Ulibischeff in Viede M.v (Mosk. 1841: deutsch, Stuttg. 1847; 2. Aufl. von Gantter, 4 Bde., Stuttg. 1858 —59). Auf umfassendes Quellenstudium begründet ist Otto Jahns Wolfgang Amadeus M.„ (4 Bde., Lpz. 1856—59; 2. Aufl., 2 Bde., 1867). Vgl. auch Reißmann, «Wolfgang Amadeus M. (im Neuen Plutarcho, Bd. 8, Lpz. 1880); Nohl, „M. nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen (Lpz. 1880). M̃s Briefe sind gesammelt von Nohl (Salzb. 1865; 2. Aufl., Lpz. 1877), welcher auch M.s Lebenv 2.Aufl., Lpz. 1877) beschrieb. Einen ausführlichen Katalog seiner Werke bietet Köchels Chronologischthematisches Verzeichnis sämtlicher Tonwerke M.sv (Lpz. 1862). Auch das Zustandekommen der im Dez. 1876 begonnenen ersten vollständigen Ausgabe von M.s Werken, welche Breitkopf u. Härtel in Leipzig veranstalten, ist zum Teil Köchels Verdienst. Zu Ehren M.s wurden eine Anzahl Mozart-Stiftungen (zu Salzburg, Franffurt a. M. etc.) ins Leben gerufen. Von den vielen Bildnissen, welche M. darstellen, ist das vom Maler Tischbein aus Mainz 1778 gefertigte dem Original am ähnlichsten. Denkmäler wurden M. gesetzt in Weimar (1799), Salzburg (von Schwanthaler, 4. Sept. 1842) und Wien (1859). Mis Gattin, Konstanze, geborene Weber, vermählte sich 1809 mit dem dän. Etatsrat Georg Nikolaus von Nissen, dem Verfasser einer Biographie M.s, wurde 24. März 1826 abermals Witwe und starb 6. März 1842. — Karl M., der älteste Sohn Wolfgang M.s, geb. 1784, starb 31. Okt. 1858 als Steuerbeamter in Mailand. — Wolfgang Amadeus M., dessen jüngerer Bruder, geb. 26. Juli 1791, wurde von Neukomm und Albrechtsberger unterrichtet, war 1813—38 Musiklehrer in Lemberg, dann in Wien und starb 29. Juli 1844 in Karlsbad. Unter seinen Kompositionen ist „Der erste Frühlingstago hervorzuheben.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 901Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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