FeedSaiten
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Saiten (frz. corde, engl. string) nennt man am häufigsten elastische Fäden, Schnüre oder Drähte, welche, ausgespannt und durch Anschlagen,‚ Streichen oder Reißen in Schwingung versetzt, einen Ton erzeugen, dessen Klangfarbe durch das Material der S., sowie des mittönenden Körpers, über welchen diese gespannt ist, bedingt wird. Darmsaiten kommen bei allen Streichinstrumenten, so- wie bei der Harfe und Guitarre für die höchsten Töne zur Anwendung; Metallsaiten sind für die zum Schlagen und Reißen bestimmten Instrumente, wie Pianoforte, Zither u. s. w., in Gebrauch, während die sog. übersponnenen Saiten für die tiefern Töne der Streichinstrumente, der Harfe und Guitarre verwendet werden. Darmsaiten, die bei weitem am meisten gebräuchlich sind, werden aus den Därmen der Schafe und Ziegen, seltener der Gemsen, Rehe und anderer Tiere, hergestellt. Die Anfertigung solcher S. zum Beziehen musikalischer Instrumente, namentlich der dünnsten Sorten (e-Saiten für Geigen), setzt ein außerordentlich gutes Material und einen hohen Grad von Sorgfalt voraus. Die wesentlichsten Eigenschaften einer guten S. sind vollkommen gleiche Dicke und Schwere von einem Ende zum andern, sodann bedeutende Festigkeit, damit sie die zur Erzeugung hoher Töne erforderliche Spannung ertrage. Man wählt zu den feinern S. die Därme junger, höchstens sechs Monate alter, magerer Lämmer, befreit sie unmittelbar nach dem Schlachten von den Exkrementen, so- wie von anhängendem Fett und wäscht sie in Wasser aus. Hierauf bindet man eine Anzahl Därnie mit den dünnen Enden zusammen, weicht sie zwei Tage in Wasser ein, wodurch sich die Schleimhaut löst, schabt dann auf geneigten Tischen mit dem Rücken eines Messers die äußere Membrane ab und schiebt zugleich den innern Schleim heraus. (Die abgezogene Membrane findet Verwendung zum Zusammennähen mehrerer Därme, sowie zur Anfertigung von Schnüren für Feuerwerke.) Alsdann werden die Därme nochmals eine Nacht in Wasser eingeweicht und abgeschabt. Die dickern Enden werden abgeschnitten, die dünnen Teile dagegen mehrmals nacheinander 12 Stunden eingeweicht und dann mit einer immer stärkern alkalischen Lauge behandelt, bis sie nach Verlauf von vier bis fünf Tagen hell gefärbt und aufgeschwollen erscheinen. Bei dieser Behandlung werden die Därme wiederholt mittels eines Rings oder eines offenen Fingerhuts gestrichen. Während zu den feinsten S. von ½ — ½ mi Durchmesser nur ein einzelner Darm verwendet wird, nimmt man zu den dicksten Kontrabaßsaiten bis zu 120 Därme. Zum Drehen oder Spinnen, welches in noch feuchtem Zustand der Därme vorgenommen wird, dient ein Drehrad von ähnlicher Einrichtung, wie es von den Seilern zum Drehen der Bindfaden gebraucht wird. Zwischen den wiederholten Manipulationen des Drehens werden dieselben geschwefelt, worauf man sie durch Reiben mittels einer Pferdehaarschnur, dann mittels eines Reibholzes glättet und an der Luft trocknet. Zuletzt reibt man sie, um sie geschmeidig zu machen, mit Mandel- oder Olivenöl ein, rollt sie in Ringe zusammen und bindet diese mit ganz feiner Darmsaite. Nach Versuchen von Karmarsch zerreißt eine gute Kontrabaßsaite von 4 mm Durchmesser, aus 48 Därmen zusammengedreht, erst bei einem Gewicht von 209,4Kg, eine e-Saite von 0,65 m Durchmesser, aus 3 Därmen bestehend, bei 9,5 Kg. Die Tonhöhe einer S. steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Länge und Dicke, ferner im geraden Verhältnis zu den Quadratwurzeln aus den spannenden Kräften und im umgekehrten Verhältnis zu den Quadratwurzeln aus der Dichte der S. Die meisten und besten Darmsaiten (romanische Saiten) wurden früher in Italien, besonders in Neapel, Padua, Verona, Venedig, Treviso, fabriziert, wahrscheinlich, weil die dortigen Schafe ihrer Magerkeit wegen ein sehr zähes Rohmaterial geben; gegenwärtig liefern in Deutschland Augsburg, Nürnberg, Neukirchen i. Vogtlande, in Österreich Wien und Prag, in Frankreich Paris und Montpellier viel mehr und fast ebenso gute Ware. Ordinäre Sorten von Darmsaiten für technische Zwecke, zum Gebrauch der Uhrmacher, für die Drehbogen der Rollenbohrer, für Drehbänke, zum Überflechten der Peitschenstöcke, zum Bespannen der Fachbogen der Hutmacher u. s. w. werden mit viel weniger Sorgfalt, zum Teil auch aus Därmen anderer Tiere, besonders der Pferde, angefertigt, auch selten gebleicht. Dickere Därme spaltet man in drei bis vier Streifen, die dann in erforderlicher Anzahl zusammengedreht werden. Bei der Herstellung der Metallsaiten, für welche Messing⸗, Phosphorbronze⸗, Kupfer⸗, Eisen- und Stahldrähte zur Verwendung kommen, wird ein gutes Resultat, d. h. die größte Clasticität, teils durch die Weichheit und Biegsamkeit des Materials, teils durch die Behandlungsweise (längeres Ziehen in wenig abgestuften Löchern, ohne Glühen) erreicht. Diese S. werden in sehr guter Qualität in England, aber auch in Deutschland (in Berlin), sowie in Osterreich (in Wien) fabriziert. übersponnene Saiten nennt man starke Drähte oder auch Bündel von Seidenfäden oder von Darmsaiten, welche mit feinem Silberdraht, resp. übersilbertem Kupferdraht umwickelt sind.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 130Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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