FeedSatire
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Satire, eine den Römern eigentümliche, ursprünglich dramatische, später didaktische Dichtungsart, erhielt wegen der in ihrem Wesen liegenden Ungebundenheit und Buntheit der Darstellungsform und der Darstellungsstoffe ihren Namen von dem altlat. Worte satura (s. d.), welches eigentlich eine mit allerlei Früchten angefüllte Schale bezeichnet und seit der klassischen Periode der röm. Litteratur in die weichere Form satira überging. Völlig zu unterscheiden ist die S. von dem griech. Satyrspiel (s. d.), welche Verwechselung zu der fälschlichen Schreibart Satyre Veranlassung gab, ebenso von den Schmähgedichten des Archilochus und den Sillen. Nachdem die römische S. bereits durch Ennius eine kunstmäßig dichterische Form erhalten hatte und durch Lucilius zur selbständigen Gattung erhoben worden war, wurde sie im Verlauf der Zeit vorzüglich von Horatius, Persius und Juvenalis weiter ausgebildet. Die Aufgabe der S. ist, den Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideal, also die Nichtigkeit der herrschenden Thorheiten und Laster der Zeit, besonders der gesellschaftlichen Zustände und Neigungen einzelner Stände, oft sogar der Irrungen und Verkehrtheiten der Staaten und der polit. Parteien in ihrer ganzen Blöße darzustellen und so auf deren Besserung und Veredlung einzuwirken. Man unterscheidet eine direkte, strafende S. und eine indirekte, lachende S. Die direkte S. hält das Ideal offen an den gegeißelten Gegenstand und enthüllt mit bitterm, sittlichem Unwillen dessen Thorheit und Schlechtigkeit, die indirekte S. schiebt dem gegeißelten Gegenstand den Schein der Wahrheit unter und weiß ihn dann durch Witz und Laune zum Selbstbekenntnis des innern Widerspruchs und seiner Verkehrtheit zu zwingen; die direkte S. verfällt nicht selten durch ihre scharfe Trennung zwischen Ideal und Wirklichkeit in das Prosaische, die indirekte erhält sich auf der Höhe heiterer Ironie, oft sogar auf der Höhe des rein Komischen und Humoristischen. In Form und Einkleidung erlaubt die S. eine große Mannigfaltigkeit, indem der Brief, die eigentliche Erzählung, das Gespräch, die Komödie, das Lied, das Epos und die Fabel sich dazu eignen. Die S. fällt vorwiegend in Zeiten der Auflösung alter Zustände. Die späte Zeit Roms und das 16. Jahrh. waren ihre Blütenperioden. Doch neigt alle lehrhafte Reflexionspoesie naturgemäß auch zur S. Unter den Spaniern sind Cervantes, unter den Franzosen Rabelais, Boileau und Voltaire, unter den Eng- und Fischart als größte Satiriker zu nennen; die Zahmheit der deutschen Zustände des 18. Jahrh. konnte Liscow und Rabener als Satiriker gelten lassen. Auch die bildende Kunst handhabt als Karitatur die S. Schon die mittelalterliche Kunst ist uberaus reich an solchen satirischen Bildern. Die polit. Witzblätter der Gegenwart: «Punchv, Charivario, Kladderadatscho u. s. w., ziehen aus dieser Verbindung der dichterischen und bildlichen S. ihre hauptsächlichste Wirkung. su. Versöhnung.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 251Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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