Schelling (Friedr. Wilh. Jos. von), hervorragender deutscher Philosoph, geb. 27. Jan. 1775 zu Leonberg in Württemberg, studierte in Tübingen, wo er im sog. Stift mit Hegel befreundet wurde, Theologie und Philosophie und benutzte darauf eine Erzieherstellung in Leipzig zu eingehenden Studien der Naturwissenschaften. Inzwischen hatte er durch seine ersten philos. Schriften die Aufmerksamkeit derartig auf sich gezogen, daß er 1798 durch Vermittelung Fichtes und Goethes als Professor nach Jena berufen wurde. Hier entfaltete er, anfangs neben Fichte, später in enger Verbindung mit Hegel, eine glänzende akademische und gleichzeitig eine umfassende litterarische Thätigkeit, letztere nicht nur durch seine Schriften, sondern auch durch die Begründung mehrerer philos. Zeitschriften, wie der 4Zeitschrift für spekulative Physik) bunt⸗ —2), der Meuen Zeitschrift für spekulative Physiko (1802—3) und des «Kritischen Journal der Philosophie » (1802—3). Von größter Wichtigkeit für seine Entwickelung war der intime Verkehr, in welchen er mit den in Jena und Weimar vereinten Größen der Litteratur, namentlich aber mit dem sich eben bildenden Kreise der romantischen Dichterschule trat. In der Verbindung, welche um diese Zeit die deutsche Dichtung und die deutsche Philosophie eingingen, bildet S.s geniale Wirksamkeit das wichtigste Zwischenglied: bei keinem Manne jener Zeit ist die Vereinigung von künstlerischer und wissenschaftlicher Begabung glänzender als bei ihm, und keiner hat in den schnellen Entwickelungsprozeß der Ideen, der sich damals in Jena entfaltete, mehr bestimmend eingegriffen als er. Doch hatte die Rücksichtslosigkeit seines persönlichen Auftretens und seiner litterarischen Polemik die ihm bereiteten Konflikte so sehr verschärft, daß er gern einem Rufe nach Würzburg Folge leistete und dorthin 1803 übersiedelte, nachdem er sich mit Karoline von Schlegel, geb. Michaelis (s. Michaelis, Karoline), verheiratet hatte, die aber schon 1809 starb. Von Würzburg berief ihn 1806 die bayr. Regierung als Generalsekretär der Akademie der bildenden Künste nach München. In dieser freien Stellung benutzte er einen längern Urlaub 1810, um in Stuttgart einem gewählten Kreise Privatvorlesungen zu halten, und erhielt seit 1820 die Erlaubnis, in Erlangen zu leben, wo er einige Semester an der Universität Vorlesungen hielt. Im J. 1827 wurde er als ord. Professor der Philosophie mit dem Titel Geh. Hofrat an die neuerrichtete Universität München berufen und später zum Vorstand der Akademie der Wissenschaften und Konservator der wissenschaftlichen Sammlungen ernannt. Aus dieser Stellung berief ihn 1841 Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin, wo er als Mitglied der Akademie von dem Rechte, an der Universität zu lesen, bis 1846 in freier Weise Gebrauch machte. Er starb zu Ragaz 20. Aug. 1854 und ist dort bestattet. Vgl. (Aus S.s Leben. In Briefeno (herausg. von Plitt, 3 Bde., Lpz. 1869 — 70). Der Grundzug in S.s Wesen war eine zündende Genialität. Er war durch die außerordentliche Vielseitigkeit seines Geistes und durch die konzentrierte Energie seines Denkens dazu berufen, die mannigfachen Elemente der deutschen Bildung in einen großen Zusammenhang miteinander zu bringen. Selbst künstlerisch angelegt, hatte er das reifste Verständnis für jene ästhetische Bewegung, welche, von Schiller und den beiden Schlegel angebahnt, die Dichtung und die Philosophie zu vereinen suchte. Das anschauliche Element seines Denkens, welches sich auch in der plastisch schönen Sprache einiger seiner Schriften zu erkennen gibt, bildete ein wohlthuendes Gegengewicht gegen die begriffliche Abstraktion seiner philos. Vorgänger, und einzelne seiner Werke, so vor allem die 1803 gedruckten Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiumso und seine 1807 in München gehaltene glänzende Rede über Das Verhältnis der bildenden Künste zur Naturo, gehören zu dem Großartigsten, was in deutscher Sprache philosophisch geschrieben worden ist. Dabei war es durch die rastlose Thätigkeit seines philos. Triebes bedingt, daß S. sich während seines ganzen Lebens in einer fortwährenden Umgestaltung seiner überzeugungen befand. S.s Werke wurden nach seinem Tode von seinem Sohne gesammelt und in 2 Abteilungen (14 Bde., Stuttg. 1856 — 61) herausgegeben. Die ersten Schriften, welche S. veröffentlichte, zeigen ihn gänzlich auf dem Standpunkte der Lehre Fichtes. Die Schriften: «Uber die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt o (1794), „Vom Ich als Prinzip der Philosophied (1794), die „Briefe über Dogmatismus und Kritizismus » (1795), Neue Deduktion des Naturrechts v (1795), «Allgemeine Übersicht der neuesten philos. Litteraturo, sowie die „Abhandlungen 531 Erläuterung des Idealismus der Wissenschaftslehrer (1796) reproduzieren Fichtes Ideen oft in der glücklichsten Fassung. Allein bald wuchs S. aus dieser Lehre heraus, und die Differenz, in welche er zu seinem Meister geriet, führte bald zum schroffen Bruche. Vgl. «Joh. Gottlieb Fichtes und S.s philosophischen Briefwechsels (aus dem Nachlaß beider herausg. von J. H. Fichte und K. Fr. A. Schelling, Stuttg. 1856). Anfangs laubte sich S. noch völlig auf dem Boden der Fichteschen Anschauung zu bewegen, wenn er dessen ergänzen gedachte. Wenn nämlich Fichte die otwendigkeit aufzuzeigen gesucht hatte, mit der das „Ich», um seine sittliche Aufgabe zu erfüllen, die Natur aus seinem Wesen heraus akonstruiereno müsse, so wollte S. umgekehrt zeigen, daß das ganze Wesen der Natur auf den Gesetzen der Intelligenz beruhe und zur Entwickelung derselben angelegt sei. Die genauen Beziehungen, in welche er zu der gärenden Bewegung der damaligen Naturforschung stand, ließen ihn diese Aufgabe im großartigsten Maßstabe ergreifen. Der Zerstreuung der Spezialforschungen hielt er den großen Gedanken gegenüber, daß die Natur ein einheitliches System von Gestalten und Bewegungen sei, und dieser „Plano der Natur schien ihm nur so begriffen zu werden, daß alle ihre Erscheinungen als ein Stufenreich von Bildungen erkannt werden müßten, das sein Ziel in der Entwickelung der bewußten Intelligenz habe. Für die Ausführung dieses Plans fehlten damals noch mehr als jetzt die empirischen Vorkenntnisse, und so griff S. zu einer apriorischen Konstruktion desselben, welche auf der einen Seite tiefe und ahnungsvolle Blicke in den Zusammenhang der Natur, z. B. in die Identität der magnetischen und elektrischen Kraft und in die Entwickelungsgesetze der Organismen warf, auf der andern Seite aber durch ihre phantastische Willkürlichkeit den Thatsachen Gewalt anthat. Immerhin jedoch war der Grundgedanke ein gewaltiger, und diese Gesamtauffassung des Naturlebens als eines großen Organismus, dessen Produkt das Bewußtsein sei, ergriff das Zeitalter mit großer Begeisterung. Die Neigung, welche Goethe dazu empfand und aussprach, bewies, welche Verwandtschaft diese Wendung der deutschen Philosophie mit der Dichtung hatte. Je selbständiger aber so die Naturphilosophie wurde, um so mehr sprengte sie den Rahmen der Fichteschen Lehre. Bald stellte S. seine Naturphilosophie der Wissenschaftslehre als gleich ursprünglichen Teil des Systems zur Seite. Er hatte diese Lehren zuerst in den Ideen zur Philosophie der Naturo (1797) nebst »Einleitunge, in der Schrift (Von der Weltseele; eine Hypothese der höhern Physiky (1798), in dem Ersten Entwurf eines Systems der Naturphilosophien (1799) und der Einleitunge dazu ausgesprochen; er gab dann in seiner erwähnten Zeitschrift eine «Allgemeine Deduktion des dynamischen Prozesses „ (1801) und später in den Jahrbüchern der Medizin als Wissenschaft v (1805—7) noch weitere Beiträge. Dadurch aber waren beide Teile der Philosophie so weit auseinander getreten, daß sie einer Versöhnung bedurften. Diese suchte S. zunächst in entschiedener Abhängigkeit von den ästhetischen Ideen Kants und Schillers und im Zusammenhange mit der romantischen Bewegung (vgl. Noack, 4«S. und die Philosophie und die Romantiko, Berl. 1859, und Haym, „Die romantische Schuleß, Lpz. 1870) in dem Wesen der Kunst und des Genies. Wenn das Leben der Natur das unbewußte, dasjenige des Geistes das bewußte ist, so ist die Thätigkeit des künstlerischen Genies, welches nach Kants Ausspruch awie eine Naturo wirkt, eine Vereinigung beider. Wie der Organismus das Produkt der natürlichen Welt und die Heimat der Intelligenz, so ist umgekehrt das Kunstwerk ein Produkt der Intelligenz und in seiner sinnlichen Gestalt ein Organismus. In der Kunst, meint daher S., löst sich das Welträtsel: sie ist die höchste und vollkommenste aller Gestalten. Diesen ästhetischen Idealismus verkündete er in der Schrift »Der transscendentale Idealismuso (1800) und in den erst nach seinem Tode gedruckten, aber damals in Jena und später in Wuürzburg gehaltenen Vorlesungen über die Philosophie der Kunsto. Aber der Gedanke drängte ihn immer weiter. Der gemeinsame Grund des geistigen und des natürlichen Lebens mußte gesucht werden, und S. fand ihn in dem Begriff des Unendlichen oder des Absoluten, d. h. der Gottheit. Auf diesem Punkte seiner Entwickelung wurde die Lehre Spinozas für ihn bedeutend, und wie jener, so suchte er das Verhältnis der Dinge zur Gottheit nach mathem. Methode zu begreifen. Er nannte das Absolute die dentität oder Indifferenz des Realen und des. dealen, und suchte daraus die Reihe der endlichen rscheinungen in der Weise abzuleiten, daß das Absolute zwar in allen Erscheinungen gleich gegenwärtig sei, aber doch in jeder einzelnen mit einem Übergewicht bald des realen, bald des idealen Faktors. So entwickelt er aus der Gottheit die beiden Reihen des Realen und des Idealen als verschiedener «Potenzeno; jene von der Materie anhebend und im menschlichen Organismus endend, diese vom Ich beginnend und in der künstlerischen Produktion sich vollendend. Auf diese Weise verwandelt sich der ästhetische in den absoluten Idealismus oder die Identitätsphilosophie. Er legte dieselbe nieder in der «Darstellung meines Systems der Philosophiep (1801) in dem Dialog (Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dingen (1802), in dem «System der gesamten Philosophie und der Naturphilosophie insbesonderev, welches nach seinen Vorlesungen posthum gedruckt ist, endlich in einer Reihe von meist polemischen Abhandlungen in seinen Journalen. Die Aufgabe, welche S. hier stellt, vom Begriffe des Absoluten aus das gesamte Universum in den beiden Reihen des Realen und des Idealen zu entwickeln, wurde später von seinem Freunde Hegel in einer das Zeitalter beherrschenden Weise durchgeführt. S. selbst kam davon ab und geriet auf diese Weise auch mit Hegel in den entschiedensten Gegensatz. Es vollzog sich in ihm allmählich eine Umbildung seiner Lehre, welche, durch die platonische Ideenlehre vermittelt, ihn immer mehr auf theosophische Bahnen brachte. Von nun an beschäftigten ihn wesentlich religiöse Probleme. Durch Eschenmayers Vorwurf des Pantheismus veranlaßt, gab S. 1804 die Schrift Philosophie und Religiono heraus, und nachdem er sich auf Baaders Anregung mit Jakob Böhme beschäftigt hatte, erschienen 1809 seine «Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheito. Diese sog. Freiheitslehre bewegt sich um das Problem der Sünde und der metaphysischen Selbständigkeit der endlichen Dinge, und sucht dieselben durch eine Art von theogonischem Prozeß der Selbstoffenbarung der Gottheit, durch die Scheidung der Natur in Gotto von dem offenbaren Gott zu lösen. Diese Schrift erfuhr durch F. H. Jacobi einen heftigen Angriff, welcher von S. in seinem «Denkmal der Schrift von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung des Herrn F. H. Jacobip (1812) in grober, aber vernichtender Weise beantwortet wurde. Außer einigen andern polemischen Aufsätzen und kleinen mythol. Arbeiten veröffentlichte dann S. jahrzehntelang nichts. Erst nach Hegels Tode lenkte sich auf S. wieder die öffentliche Aufmerksamkeit. Es verlautete nach seinen Vorlesungen, daß er ein System habe, welches den Hegelianismus widerlege, und dies zu verkünden, wurde er nach Berlin berufen. Seine berliner Vorlesungen wurden teils durch Frauenstädt (S.s Vorlesungen in Berlin o, Berl. 1842), teils durch Paulus (Die endlich offenbar gewordene positive Philosophie der Offenbarungo, Darmst. 1843) bekannt und bilden jetzt die vier Bände der zweiten Abteilung der gesammelten Werke. Diese neue Lehre, welche sich die positive Philosophie nannte, lief darauf hinaus, den theogonischen Prozeß der Selbstentwickelung des göttlichen Wesens in dem Prozeß der Mythologie und der Offenbarung wiederzuerkennen: der Grundgedanke war der, die Notwendigkeit der Geschichte der Religionen aus der Notwendigkeit der göttlichen Lebensentfaltung zu begreifen. Sie endet mit der Charakteristik der Entwickelungsperioden des Christentums, welche als die Petrinische des Katholizismus, die Paulinische der Reformation und die Johanneische der Zukunft bezeichnet werden. S.s Bedeutung für die Geschichte der deutschen Philosophie besteht somit nicht sowohl in der Aufstellung bleibender Grundlagen der wissenschaftlichen Forschung, als vielmehr in der lebendigen Anregung, welche er durch die großen Gesichtspunkte seiner Spekulation, den Reichtum seiner Ideen und die geniale Zusammenfassun scheinbar weit voneinander entlegener Gedanken au seine Zeitgenossen ausgeübt hat, und mit welcher er auch in der Zukunft weiter wirken wird. 1843)1 Kuno Fischer, 4Friedrich Wilhelm Joseph S.» (Bd. 6 der Geschichte der neuern Philosophies, Heidelb. 1872 u. 1877); Beckers, «S.s Geistesentwickelung in ihrem innern Zusammenhangy (Münch. 1875); Pfleiderer, Friedrich Wilhelm Joseph S.⸗ (Münch. 1875); C. Frantz, «S.s positive Philosophier (Köthen 1880). chelling (Hermann von), Staatssekretär des Deutschen Reichsjustizamts, geb. 19. April 1824 als jüngster Sohn des Philosophen S., besuchte das Neue Gymnasium zu München, bezog 15jährig die Universität, widmete sich zunächst philol. Studien und promovierte 1842 in Berlin mit der Abhandlung De Solonis legibus apud oratores Atticosv. Er ging sodann zum juristischen Studium über, trat 1844 in den preuß. Justizdienst und wurde, nachdem er 1861 — 64 die Stelle des ersten Staatsanwalts beim Stadtgericht zu Berlin bekleidet hatte, als Hilfsarbeiter ins Justizministerium berufen. Hier verfaßte er den Entwurf einer Strafprozeßordnung für den preuß. Staato (Berl. 1865), welcher demnächst unterm 25. Juni 1867 in den neuerworbenen Provinzen Geltung erhielt. Seit 1866 vortragender Rat, verblieb er im Justizministerium, auch nachdem er 1874 zum Präsidenten des Appellationsgerichts zu Halberstadt ernannt worden war, ging aber 1875 als Vicepräsident zum preuß. Obertribunal über, wo er den Vorsitz in einem Civilsenat führte. Im J. 1877 wurde er vom Minister Leonhardt als Unterstaatssekretär in das Justizministerium zurückberufen und leitete in dieser Stellung die Ausarbeitung der preuß. Ausführungsgesetze zu den Reichsjustizgesetzen. Am 18.Nov. 1879 wurde er zum Staatssekretär des Reichsjustizamts ernannt.