FeedSchildkröten
TierreichBrockhaus 1882

Schildkröten bilden eine Ordnung der Lurche und Reptilien und zeichnen sich durch den Knochenpanzer aus, welcher durch das Zusammenwachsen von Hautknochen mit den Knochen des innern Skeletts gebildet und in das Rückenschild und das Bauchschild unterschieden wird. An ersterm nehmen die Wirbel des Rückens und Beckens und die Rippen, an letzterm das Brustbein Anteil. Die Verknöcherung und Verschmelzung der bildenden Teile ist indessen sehr ungleich; am festesten schließt der Panzer bei den Landschildkröten zusammen. Außerlich ist dieser Panzer meist mit Hornplatten überzogen, welche durch Hitze ablösbar sind und von manchen Arten das für viele technische Zwecke sehr geschätzte Schildpatt (s. d.) oder Schildkrot liefern; selten ist der Uberzug lederig. Kopf und Füße können bei vielen ganz oder teilweise unter den Panzer zurückgezogen werden. Die Augen sind durch eine Nickhaut und zwei bewegliche Lider geschützt. Die Kiefern sind zahnlos, haben aber einen hornigen überzug und sind auf den Kanten schneidend oder auch sägeförmig eingeschnitten. Vermöge der sehr kräftigen Kaumuskeln können die S. heftig beißen und manche durch ihre Bisse selbst den Menschen gefährlich werden. Zur Nahrung dienen den Landschildkröten hauptsächlich Pflanzen, aber auch allerhand Gewürme und Insektenlarven, den Flußschildkröten Fische, Wassermolche, Blutegel und Wasserinsekten und den Seeschildkröten Fische, Krabben und Schaltiere. Fast alle sind stumm und nur wenige, wie die Lederschildkröte, stoßen verwundet ein rauhes, weithin Den und Geschrei aus. Sie haben ein sehr zähes Leben und können lange ohne Nahrung ausdauern. Die Cier, welche rund oder länglich oder fast cylindrisch sind, haben eine kalkige, zähe Schale und enthalten viel tierisches Ol, weshalb sie von den Schildkrötenjägern an den Fortpflanzungsorten eifrig eingesammelt werden. Die S. legen die Eier an Stellen, wo die Sonne sie ausbrüten kann, und verscharren sie gewöhnlich im Sande. Das Fleisch der meisten S. ist eßbar und von manchen sogar sehr schmackhaft. Man teilt die S. in vier Familien: 1) Landschildkröten, äußerst schwerfällige, unbeholfene Tiere mit dicken, schwieligen Klumpfüßen und festem Panzer, unter den Kopf, Schwanz und Füße gänzlich zurückgezogen werden können, zu denen die in Südeuropa gemeine griechische Landschildkröte (Testudo Graeca) gehört, deren Fleisch gegessen und zu Schildkrötensuppe verwendet wird. 2) Flußschildkröten, mit Füßen, deren freie Zehen durch Schwimmhäute verbunden sind, von denen die gemeinste, die europäische Sumpfschildkröte (Cistudo lutaria, Tafel: Reptilien II, Fig. 1), im östl. Deutschland häufig gefunden wird; auch ihr Fleisch wird gegessen. Die Eier der Arrausumpfschildkröte (Emys Arrau), welche zu Millionen auf den Inseln des Orients abgelegt werden, liefern den dortigen Einwohnern Ol an die Speisen und in die Lampen. Die im Süden der Vereinigten Staaten Nordamerikas lebende amerikanische Schweifihrer Bösartigkeit und wütenden isse sehr gefürchtet, und die gefranste Rüsselschildkröte (Chelys fimbriata, Fig. 3) oder Matamata in Südamerika, ein wunderlich und sehr widerlich gestaltetes Tier, dessen Fleisch aber für schmackhafter als das aller andern S. gilt, gehören hierher. 3) Dreiklauen (Trionychida) mit nur drei Klauen an den Zehen der großen, bis zum Ende mit Schwimmhäuten versehenen Ruderfüße und sehr unvollständigem Panzer, leben in süßem Wasser und sind sehr gefräßige Raubtiere, welche wütend um sich beißen und schwere Wunden hervorbringen; deshalb fürchtet man besonders die bissige Hautschildkröte (Trionyx ferox, zig. 4) oder Lippenschildkröte, welche in den Flüssen Georgiens, Floridas u. s. w. lebt. 4 Meerschildkröten mit Flossen statt Füßen, zu denen die echte Carettschildkröte (Chelonia imbricata, Fig. 6), die Riesenschildkröte (Chelonia Midas) und die Lederschildkröte (Sphargis coriacea, Fig. 5) gehören. Die Platten des Rückenschildes der erstern geben das beste Schil krot, welches man vom lebenden Thiere dadurch abtrennt, daß man seine gewölbte Seite den Strahlen eines starken Feuers aussetzt. Nach dieser grausamen Operation wirft man die S. wieder ins Meer. Die Carettseeschildkröte (Chelonia Caretta) gibt das Carett. Fleisch und Eier der Riesenschildkröte, die über 2m lang und bis 400 kg schwer werden kann, bilden einen bedeutenden Handelsartikel an fast allen tropischen Küsten; auch werden lebende Riesenseeschildkröten von Jamaika aus nach England verschifft. seln.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 352Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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