Schleiermacher (Friedr. Ernst Dan.), der größte deutsche Theolog des 19. Jahrh., geb. 21. Nov. 1768 zu Breslau, wo sein Vater reform. Geistlicher war, wurde auf dem Pädagogium der Brüdergemeine in Niesky, dann im theol. Seminar zu Barby im strengsten Geiste herrnhutischer Frömmigkeit erzogen, rang unter harten Kämpfen von der Brüdergemeine und der orthodoxen Erlösungslehre sich los und bezog 1787 die Universität Halle, um die rationalistische Richtung kennen zu lernen. Nachdem er kurze Zeit Erzieher und Lehrer gewesen war, wurde er 1794 Hilfsprediger in Landsberg a. d. Warthe und 1796 Prediger am Charitéhause in Berlin. Während dieser ganzen Periode hatte er den Geist der neuern Zeit immer tiefer auf sich wirken lassen, trieb mit Vorliebe philos. Studien, fühlte sich aber auch, im Verkehr mit den beiden Schlegel, mit Henriette Herz u. a. von den romantischen Ideen mächtig angezogen. Als Romantiker charakterisieren ihn auch seine ersten selbständigen Schriften, die Reden «über die Religion » (1799, herausg. mit Einleitung von Schwarz, Lpz. 1868; kritische Ausgabe von Pünjer, Braunschw. 1879), die Vertrauten Briefe über F. Schlegels Lucinder (1880) und die „Monologeno (herausg. mit Einleitung von Schwarz, Lpz. 1869), mit denen er den Morgen des neuen Jahrhunderts begrüßte. Auch einige Aufsätze im „Athenäumy und die ersten Arbeiten zur übersetzung des Platon, die er anfangs mit Fr. Schlegel gemeinsam beabsichtigte, später aber allein zu Stande brachte (6 Bde., Berl. 1804—28), gehören in diese Zeit. Die Reden über die Religiono, um derentwillen er ein spinozistischer Prediger » genannt wurde, können als der Anfangspunkt der gesamten neuern Theologie bezeichnet werden. Indem er darin ebenso gegen das dogmatische Kirchentum wie gegen die nüchternverständige Aufklärung Front machte, grub er zugleich die tiefste Wurzel der Religion im menschlichen Gemütsleben wieder auf und beschrieb sie als ein Innewerden und Empfinden des Ewigen und Unendlichen mitten in der Zeitlichkeit und dem endlichen Menschenleben, eine Grundanschauung, der er auch nachmals treu geblieben ist. Allerdings kehrte er sich mit zunehmender geistiger Reife von den überschwenglichkeiten und Illusionen der Romantik ab und gewann für das geschichtliche Christentum ein tieferes Verständnis, namentlich als er nach kurzem Aufenthalt in Stolpe als Hofprediger (1802—4) —* seine Berufung als Professor nach Halle zum a ademischen Lehramt überging. Nach der Auflösung der Universität (1807) kehrte er nach Berlin zurück, wo er durch Schrift und Wort den nationalen Geist im Volke lebendig zu erhalten bemüht war, 1809 Prediger an der Dreifaltigkeitskirche und 1810 an der wesentlich nach seinen Ratschlägen begründeten Universität Professor der Theologie wurde. Während er allsonntäglich predigte, verbreitete er sich in seinen Vorlesungen an der Universität allmählich über die meisten Gebiete der Theologie und Philosophie. Daneben entfaltete er als Mitglied und (seit 1814) Sekretär der Akademie der Wissenschaften eine rege litterarische und als Referent im Ministerium der geistlichen Angelegenheiten zugleich eine ausgebreitete praktische Thätigkeit. Letzteres Amt legte er jedoch infolge der nach den Freiheitskriegen überhand nehmenden polit. Reaktion wieder nieder. Um so eifriger diente er der Sache der evang. Union, die infolge Aufrufs Friedrich Wilhelms III. 31. Okt. 1817 begründet worden war, und verteidigte sie mit scharfer Feder gegen feindliche Angriffe. Er präsidierte der 1817 in Berlin zusammengetretenen Synode und war unermüdlich, wenn auch ohne Erfolg, für die Einführung einer freien Kirchenverfassung bemüht. Die neue, vom Könige eingeführte Agende fand an ihm einen entschiedenen Gegner, teils wegen ihres Ursprungs aus königl. Belieben statt aus freier Selbstbestimmung der Kirche, teils wegen ihres altertümelnden und kirchlich-reaktionären Inhalts. überhaupt sah S. in den spätern Jahren seines Wirkens sich immer mehr in die Notwendigkeit versetzt, gegen eine neu aufkommende Orthodoxie, die auch seinen gefeierten Namen antastete, zu streiten und an den dewigen Vertrag o zu erinnern, den Wissenschaft und Glaube miteinander geschlossen hätten. Seine schriftstellerische Thätigkeit erstreckte sich in seinen spätern Jahren (neben manchen Gelegenheitsschriften) auf zahlreiche Abhandlungen und Akademieschriften, teils dogmatischen und dogmenhistor., teils moralphilos. Inhalts, und auf Vorbereitungen zu zusammenfassenden größern Werken. Doch erschien von diesen nur sein lange vorbereitetes Hauptwerk 4 Der christl. Glaube, nach den Grundsätzen der evang. Kirche im Zusammenhange dargestellt o (2 Bde., Berl. 1821 —22; 5. Aufl. 1861), das eigentliche Grundwerk der neuern evang. Theologie. S.s handschriftliche Anmerkungen zum ersten Teil der (Glaubenslehres wurden aus seinem Nachlaß von Thönes (Berl. 1873) veröffentlicht. Seine «Christl. Sitte v, sein Leben Jesu », sowie seine Vorlesungen über «Dialektiko, „(Philos. seine Lehre vom Staatv, seine «Erziehungslehre- und seine 4Geschichte der Philosophier wurden erst nach seinem Tode aus seinem Nachlasse und aus Kollegienheften herausgegeben. Er starb zu Berlin 12. Febr. 1834. Die Größe S.s ruht nicht, wie jetzt viele urteilen, in seiner Wiederanknüpfung an die kirchliche Lehre oder auch nur an einzelne Lehrstücke derselben, wie das von der Erlösung, wodurch er freilich für eine ganze große theol. Richtung die Brücke von der freien prot. Wissenschaft zum alten Kirchendogma geschlagen hat, auch nicht in der speziellen Weise, die Religion auf das Gefühl zu begründen und die christl. Lehrsätze mit vermeintlicher Fernbewnhi aller Philosophie aus dem frommen Selbstewußtsein abzuleiten, sondern in der seltenen und großartigen Vereinigung der innigsten Frömmigkeit mit der schärfsten Dialektik, eines reichen religiösen Gemütslebens mit wissenschaftlicher Freiheit und mutiger Kritik. Dadurch hat er zuerst den Unterschied des religiösen Gehalts im Christentum von seiner dogmatischen und äußerlich geschichtlichen Hülle mit klarem Auge erkannt und Hand an die große Aufgabe der Gegenwart gelegt, das christl. Bewußtsein in die Bahnen der neuern Weltanschauung und Wissenschaft hineinzuleiten. Bereits S. hat einen gewaltigen Anfang gemacht, das theol. Denken der alten supranaturalistischen Form zu entkleiden und auf dem Boden der Immanenz Gottes in Natur, Vernunft und Geschichte neu zu begründen, und wenn er in manchen Stücken, z. B. in seiner Christologiev, eine einheitlich geschlossene Anschauung noch nicht zu gewinnen vermochte, so liegt der weitere Fortschritt der Entwickelung nicht in der konsequenten Restauration, sondern in der ründlichen Beseitigung der in der Schleiermachercen Theologie noch aus der ältern dogmatischen Vorstellungsform übriggebliebenen Elemente. Das philos. System S.s, wie es namentlich in seiner „Dialektiks enthalten ist, gehört der Identitätsphilosophie an, versucht aber abweichend von Schelling und Hegel die wissenschaftliche Weltanschauung auf die fortschreitende Zusammenstimmung des spekulativen und des empirischen Erkennens zu begründen. Aber auch noch auf andern wissenschaftlichen Gebieten war S. thätig. Wie er uerst die Platonischen Studien von neuem belebte, 10 hat er auch in der Religionsphilosophie, Asthetik, Pädagogik, Politik und Pfychologie sich einen Namen gemacht. In seinen mehr populär gehaltenen Arbeiten, besonders aber in seinen Streit-Reuterin nat er sich als vortrefflicher Stilist und eister in platonischer Dialektik. Seine zahlreichen Predigten, die viele Nachahmer fanden, sind frei von allen rhetorischen Künsten und suchen durch klare, scharfe, eindringende Zergliederung der religiösen Gedanken die Hörer zu fesseln. S.s «Sämtliche Werkey erschienen seit 1835 in drei Abteilunen; die erste unter dem speziellen Titel KZur Theoogien, die andere Predigtenv, die dritte 4Zur Philosophies. S.s Briefwechsel erschien unter dem Titel Aus S.s Leben. In Briefeno (herausg. von Dilthey, 4 Bde., Berl. 1860—63). Hierzu kommt als besondere Sammlung noch «Friedrich S.s Briefwechsel mit J. Chr. Gaß» (herausg. von W. Gaß, Berl. 1852). Zur Litteratur über S. vgl. Strauß, «Charakteristiken und Kritiken » (Opz. 1839); Schmid, «Uber S.s Glaubenslehrev (Lpz. 1835); Schaller, „Vorlesungen über S.y (Halle 1844); Weißenborn, „Vorlesungen über S.s Dialektik und Dogmatikv 2 Tle., Lpz. 1847—49); Schmidt, „Spinoza und S.v (Berl. 1868); Ritschl, KS.s Reden über die Religionv (Bonn 1874); Lipsius, S.s Reden über die Religiono (in Jahrbücher für prot. Theologiev, 1875); Bender, K8.8 Theologie v (2 Bde., Nördl. 1876—78); derselbe, «Friedrich S. und die Frage nach dem Wesen der Religion» (Bonn 1877); Schweizer, &S.s Wirksamkeit als Predigerd (Halle 1834); Lang, «Religiöse Charakteres (Bd. 1, Winterth. 1862); Kittlitz, KS.s Bildungsgang (Lpz. 1867); Schenkel, «Friedrich S.» (Elberf. 1868); Dilthey, Leben S.sp (Bd. 1, Berl. 1870); Maier, «Lichtstrahlen aus S.s Briefen und Werkeny (2. Aufl., Lpz. 1875).