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Bildende KunstBrockhaus 1882

Schrift nennt man die sichtbaren Zeichen, welche ganzen Worten oder einzelnen Lauten bestimmter Sprachen zu entsprechen und diese für das Auge fixieren bestimmt sind. Die Schrift ist eine uralte Erfindung der Menschen; ist sie auch nicht, wie die Sprache, bei allen Stämmen vorhanden, so findet man die Kunst des Zeichnens doch bei den niedrigsten Völkern, wie bei Australiern und Buschmännern, und in den fernsten Zeiten, in der Steinzeit, wo noch das Renntier im Süden Frankreichs zahlreich auftrat. Was der Nachbildungstrieb schuf, wurde bald von der Phantasie zu Symbolen und religiösen Zwecken verwendet, wie auch die mit dem Schreiben eng verwandte Kunst des Knotenknüpfens zu Zaubereien verwendet wurde. Mit dem Schreiben und Knotenknüpfen entstand die Kunst des Rechnens und auch die Sprache erfuhr durch die S. eine Förderung, wenn sie nicht schon mit dem Zeichnen in ursächlichem Zusammenhang stand. Den primitivsten Stand der S. zeigt die indian. Zauberschrift (Kekinowin, s. Tafel I, 1; hier ist Bogen und Pfeil Symbol des Kriegs, ein Viereck bedeutet Güter, Hand: Tod, Feuer: ein Lager, Wölbung: Himmel). Die Mexikaner hatten in der Malerei große Fertigkeit, sie malten Reisen u. a., aber um die Eigennamen zu bezeichnen, mußten sie Figuren als Lautworte annehmen, so (Tafel I, 2) a, Wasser; en, Blut; kwe, Acker; o, Weg; tsa, kul, Wohnung; ne, Puppe, Götzenbild. In Nucatan haben die Schriftzeichen jede konkrete lnsen eingebüßt; in flüchtigen Umrissen hingeworfen, lassen die Lautzeichen nicht mehr erkennen, was sie ursprünglich vorstellten. In gleicher Weise entwickelte sich die S. bei allen Völkern, welche eine historische S. besitzen; daneben treten auch willkürlich erfundene S. auf und es ist fast unmöglich, bei den einzelnen S. festzustellen, ob sie aus einer Bilderform entwickelt oder willkürliche Bildungen sind. Die chinesische S. war ursprünglich eine Bilderschrift, heutzutage ist von ihr keine Bilderform mehr zu bemerken. Die alten Zeichen (Tafel1, 3, erste Reihe) stehen der Bilderform noch nahe. Die Zeile von oben nach abwärts gelesen, lautet: san ku kye Sen, d. h. (Im hohen Altertum knüpfte man Schnürey; das erste Zeichen bedeutet hoch, das zweite Altertum, das dritte und vierte knüpfen und Knoten, die rechts stehenden Zeichen geben die Lautwerte der beiden gleichen Figuren an. Die zweite Reihe enthält denselben Text in gebrochenen Strichen, wie sie noch gegenwärtig zu Büchertiteln verwendet werden, die dritte ist die Lischrift aus dem 3. Jahrh. v. Chr., die vierte die Bücherschrift Kyai, die fünfte eine kursivere Form derselben, die sechste die sog. Pflanzenschrift, eine Art Schnellschrift. Die Japaner fingen im 3. Jahrh. an, sich mit chines. Litte-n ratur zu beschäftigen, zu welchem Behufe sie die chinesische S. lernen Alußten Im 7. Jahrh. wurde l aus chines. vereinfachten Schriftzeichen ein Syllabar e für die japanes. Sprache gebildet, diese S., welche Katakanna heißt, wird oft chines. Texten beigeschrieben, wie Tafel I, 4 neben den vier ersten Worten des Vaterunsers die japanes. Lesart: tsai tsiu thien tse. Gebräuchlicher als diese ist die Firakanna, eine Schriftform in der Art der chines. Pflanzenschrift und auch viel mit chines. Wörtern gemischt dritte Reihe: Ko-re ten-ni go-tsi-a-Kku-za-mo, d. h. „O, im Himmel wohnenderv, mit den Schriftzeichen für Himmel). Die Koreaner hatten eine einfache Lautschrift von neun Konsonanten und einigen Vokalen, sie haben sich jetzt gewöhnt, dieselben in chines. Art zu Vierecken zusammenzusetzen, wie dies die Umschrift zu einem chines. Texte (Tafel I, zeigt, welche lautet: Son tsam kun 60. Die Tataren ritzten in Stäbe und hatten ein einfaches Alphabet von 16 Zeichen. Man behauptet zwar, die tatarische S. sei von den Syrern entlehnt, aber das ist nicht wahrscheinlich, denn dann hätte sie mehr Zeichen gehabt. Die tatarische S. wird ebenfalls in Reihen geschrieben, wie die auf Tafel I, 6 gegebenen Proben eines uigurischen, eines kalmückischen und eines Mandschutextes zeigen. Der Keilschrift liegt eine Bilderschrift zu Grunde, aber dadurch, daß die Striche in Thon geritzt wurden, ging die Bildform noch mehr verloren, als bei der chinesischen S. Die älteste Keilschrift, die akkadische, war Wortschrift; nach der Eroberung durch die Assyrer wurde für diese eine Silbenschrift aus akkadischen Zeichen angefertigt, welche später vereinfacht wurde. Tafel 1, 7 gibt die ältere, die zweite Zeile die jüngere Form des assyr. Textes: Nebukadnezar, der König von Babylon, der Erbauer der Pyramiden». Die Keilschrift wurde später auch der medischen und pers. Sprache angepaßt, bei letzterer auch mehr eine Pfeilform als eine Keilform gewählt (s. 8, baga vazraka auramazdaa hya, Der große Gott Ahuromazda, welcher »). Hier sind auch die Worte durch Querkeile getrennt. Die ägyptische S. besteht aus Wortzeichen, Silbenzeichen und Lautzeichen, hat jedoch kein einheitliches Alphabet, sondern eine Mannigfaltigkeit von Lautzeichen, deren Wahl dem freien Ermessen überlassen blieb, wie dies namentlich die Namen palästinensischer Städte zeigen. Um gleichlautende Wörter zu unterscheiden, wurden dem Wortlaut noch Begriffszeichen (Determinativa) beigefügt. Die Griechen nannten die ägypt. Schriftzeichen (,9) „Hieroglypheno, d. h. heilige Eingrabungen, eine kürsivere Form derselben (9 7) chieratischer, d. i. priesterliche Zeichen, zum Unterschiede von der noch einfachern «demotischen v, d. i. Volksschrift (9). Es wird behauptet, daß die phönizische S. von der hieratischen S. stamme; wie haltlos diese Behauptung ist, zeigt die Vergleichung der ägypt. mit den phönizischen Zeichen (10): a b g d hfacht i kIm n 88 pets qrs th, welche sehr wenig Ahnlichkeit erkennen läßt, trotzdem man den Adler statt des Grashalms, den Vogel statt des Fußes (welche gebräuchlicher sind) in die Vergleichung einsetzte. Die Kethiter auf Cypern besaßen eine Silbenschrift, welche weder mit der ägypt. noch mit der phöniz. oder griechischen S. verwandt ist. Eonversations-Lexikon. 13. Aufl. XIV. Die phönizische S. ist die Erfindung eines in Palästina wohnenden oder eingewanderten Volks, man findet sie auch in Assyrien neben der Keilschrift vorkommend, doch kann sie nicht von den Juden hierher gebracht sein, die diese ihre S. ausdrücklich assyrische, also von den Assyrern entlehnte, nennen. Vgl. Tafel I, 10 ) das phöniz. Alphabet, das samaritanische (der in Palästina zurückgebliebenen Juden),) das aramäische (in Assyrien gebrauchte), 9 die aus diesem gebildete hebr. Quadratschrift, )die Estrangelo, d. i. die syrische S., in welcher die Evangelien geschrieben waren, ) die Peschito oder syr. Volksschrift. Die arabische S. stammt aus Hira und Kufa, Städten im ehemaligen Babylonien. Man nimmt an, daß sie syr. Ursprungs ist, doch decken sich die Buchstaben nicht, auch zeigen schon syr. Buchstaben wesentliche Abweichungen von der phönizischen S., welche vermuten lassen, daß ein auswärtiger Einfluß vorherrschte, welcher auch an Stelle der isolierten Buchstaben der phönizischen S. die Verbindung einführte, die selbst an der hebräischen Quadratschrift Spuren zurückgelassen hat. Dieser Einfluß kann nur der tatarische gewesen sein. Vgl. 107 die kufische S., ) die arabische Gngere) Nesthi, ) das uigurische Alphabet. Das leßztere scheint auch bei der Bildung der Pehlewischrift (10 0 mitgewirkt zu haben, Wallewlich scheint die Punktuierung der Zeichen tatar. Ursprungs gewesen zu sein (ogl. arab. n). Die phöniz., hebr., syr., arab. und Pehlewischrift wurden von rechts nach links geschrieben, es sind jedoch Anzeichen vorhanden, daß die syrische wie die uigurische von oben nach abwärts geschrieben wurde. Eine genaue Vokalbezeichnung wurde von den Juden, Syrern und Arabern erst später angewendet, die Araber nahmen dazu ihre Halbvokale, die Syrer griech. Vokale, die Juden willkürliche Zeichen. Vgl. Tafel I, 11, hebräisch: breschith bara elohim eth haschamajim u eth-haarez, d. h. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erdev; 12, syrisch: brischith itoche hao meltho, vhu meltho itoche heo loth alohe, d. h. Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gotto; 13 ist ein arab. Text: „Das Leben des Mannes in der Ehre ist wie sein Leben»; 14 ist derselbe Text in der flüchtigen pers. Taalik; 15 in der türk. Kanzleischrift Diwani und 16 in der verschlungenen Dscheri; 17 ist ein Zendavestatext. Die älteste bekannte indische S. ist eine Inschrift zu Magadha (Tafel II, 1) aus dem 3. Jahrh. v. Chr. Hier stehen die Buchstaben noch einzeln, die Vokale sind durch kleine Striche an den Konsonanten bezeichnet. Dieser S. nahe ist die Guzurateschrift, Tafel II, 2; die heilige S. der Inder ist die Devanagari (Tafel II, 3), welche sich von der Nr. 2 dadurch unterscheidet, daß die Buchstaben oben durch einen Querstrich verbunden sind, der, wenn kein anderes Vokalzeichen steht, alautet, kommen mehrere Konsonanten nacheinander, so werden sie untereinander gesetzt. Tafel II, 4 ist ein tibetanischer Tert, 5 ein bengalischer, 6 orissisch,7 singalesisch, 8 malabarisch, 9 birmanisch in Palisprache, 10 javanisch. Diese S. zeigen, wie Verschiedenheit des Schreibmaterials und fonstige Umstände die Züge zu verändern vermögen. Die betreffenden Texte lauten: Piyadasa ladzã tsa pisu wihälatä tsa widitewa bhäte äwatake, d. i. Pigardarsi, der König, an die ehrwürdige Synode zu Magadha, die er grüßt, wünscht ihr wenig Sorgen und ein angenehmes Leben u. s. w. » 2) Aré swargmã, rehawäwäl amäräà bäp tärũ näm pawitr thäe, d. i. 40 Himmel in wohnender unser Vater, euer Name heilig seiv. 3)0 namo narãyanaàya nät, d. i. Om! Verehrung dem Narayana, welcher durch das bloße Denken über das Höchste aus der Fessel des Kreislaufes der Geburt erlöst wirde. 4) Ne-num-Kkhyi yap nam-Ichei lon tu Zu-bei, Khye-khyi tzen thanc-tse ne san-kye-bar (Vater unser). 5) He amärder swargastha pitä tomär nam pabitra mänya haül (dasselbe). 6) He ämbhamänankar swargastha pitâ tumbhar näm pawitr mänga heu (dasselbe). 7) Swargagehi waedasitina apagé piyànanwahansa ebawahamségé namaya (dasselbe). 8) Nanelute swarggasthanäya pitawé ninte namä parisuddhamäkkappetename. 9) Saggatha nõ pitã tawa nãmõ pawittõ hõtu'(dasselbe). 10) Rama kahula hika wonten 1 swarga, wasta sampeyan dadossa sutsi (dasselbe). Die armenische (Tafel II, 11) und die georgische S. (12) sind im 5. Jahrh. erfunden worden. Die beiden Texte lauten: 11) Isgzpane er pann· yew pann er arr asduadz. Lewasduadz er pann. Na er isgzpane arr asduadz (Joh. 1, 1—3). 12) Mamao tsweno romeli Jar tsatha sina. Tsmida-idawn sa/ eli seni (Vaterunser). Die griechische S. stammt von der phönizischen (. Griechische Schrift); 13 zeigt den Anfang des Vaterunsers in Druckschrift, 14 in neugriech. Schreibschrift, 15 denselben in gotischer S., welche aus der griechischen gebildet wurde. Der glagolitischen S. der Westslawen (16) liegt eine den Slawen eigentümliche Runenschrift zu Grunde, dagegen ist die cyrillische S. der Ostslawen (17) aus der griechischen S. gebildet; 18 liefert eine Probe der russ. Druckschrift, 19 der russ. Schreibschrift; der Text lautet: Otse nas sustsii na nebesa Da swyatitsya imya Twoye (Vaterunser). Die Entwickelung der lateinischen S. bis zur jetzigen Form zeigt Tafel III, hieran schließen sich die Proben: Tafel II, 20 der Anfang des Vaterunsers vom Mönch Otfried (9. Jahrh.), 21 die S. im 13. Jahrh., 22 Gutenbergs Bibelschrift, 23 die deutsche Schreibschrift im 17. Jahrh., 24 die franz. Ronde des 17. Jahrh., 25 die lat. Schreibschrift des 18. Jahrh. Tafel III enthält 1) die röm. Kapitalschrift der Kaiserzeit, 2) die gerundete Uncial im 3. Jahrh., 3) die Diplomschrift der Merovinger, 4 die S. der irischen Mönche (Alkuins Schule), 5) die Minuskel im 9. Jahrh., 6) Gutenbergs Bibelschrift, zugleich die S. der Missalbücher, aus welcher die neugotische S. entstand, 7) eine gerundete Bücherschrift des 15. Jahrh., welche französisch Batarde (Bastardschrift aus der Bücher⸗ und Briefschrift) heißt, d) die sog. Schwahacherschrift, 9) die lateinische S. (Antiqua) der Bücher im 16. Jahrh., Mediaeval genannt, 10) die Theuerdankschrift, aus welcher die deutsche Fraktur entstand, 11) die deutsche Schreibschrift des 17. Jahrh., 12) die Schreibschriftversalien im 18., Jahrh. Vil. Amelang, „Von dem Altertum der S. in der Welto (Lpz. 1800); Hug, Erfindung der Buch- und Entwickelung der S (Berl. 1869); Wuttke, Geschichte der S. und des Schrifttumsd (Bd. 1, Opz. 1872; Abbildungen hierzu Lpz. 1873); Faulemann, „Buch der S.„ (2. Aufl., Wien 1880); dergselbe, „Illustrierte Geschichte der S. (Wien 1880) ²Taylor, The Alphabeto (Lond. 1883). rVerschiedenheit des Stammes oder der Sonderbildung zeigenden Schriften der verschiedenen Völker. —Im engern Sinne bezeichnet man damit die Nebenrarten einer Schrift, als Druckschrift (. d.) und

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 496Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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