FeedGewand oder Gewandung
Bildende KunstBrockhaus 1882

Gewand oder Gewandung, Drapierung, nennt man in der bildenden Kunst die Bekleidung an menschlichen Figuren. Ein Haupterfordernis dabei ist, daß das G. die 1 und die Bewegung des Körpers erkennen lasse. Plastik und Malerei dhwie indes jede ein anderes Bedürfnis bei dieser chwierigen Aufgabe. In der Plastik sind die sog. nassen Gewänder, welche sich an die Formen des Körpers so anschließen, daß sie diese und die Bewegung des Nackten durchscheinen lassen, von großem Nutzen; 42—* entgegengesetzt sind die weiten, faltigen und fliegenden Gewänder. Welche Art nun aber ein Künstler auch wähle, so muß alles so angeordnet werden, wie Natur, Bedeutung und Geschmack es erfordern. Die Falten dürfen keine spitzigen Licht⸗ und Schattenwinkel machen, weil die scharfen Durchschnitte das Auge beleidigen, den fleischigen Formen das Sanfte benehmen und übel zusammenstimmende Teile bilden. Sind sich die Falten alle gleich, so entsteht Steifheit. Der älteste griech. Stil zeigt zahlreiche enge, parallel laufende Falten, die in ängstlich gewellte Säume auslaufen, was auch später in dem sog. archaistischen Stil fortdauerte. So noch an der Minerva des Äginetenfrieses in München aus der Zeit um 490 v. Chr. An den edelsten Statuen und Basreliefs aus der schönsten Zeit der Griechen findet man die Gewänder auf mannigfaltige Weise zur höchsten Schönheit ausgebildet, und unübertroffene Muster sind in dieser Hinsicht die Elginschen Marmor (vom 5106 Maler aus der Zeit des Perikles. Daß auch die Maler des Altertums überhaupt eine hohe Trefflichkeit in der Drapierung der Gewandung erreicht, läßt sich aus erhaltenen Gemälden schließen. Bei den ältern Malern der neuern Zeit findet man schon seit Giotto eine gute und richtige Grundlage der Drapierung; aber erst Leonardo da Vinci, Michel Angelo und Rafael haben die Gewänder zu der Größe und Schönheit ausgebildet, die der Idealstil der Malerei fordert. Besonders haben dieselben durch Rafael die Grazie erhalten, durch welche sie gleichsam an dem Leben der Gestalt, an der Anmut ihrer Bewegungen Anteil nehmen und fähig werden, die verhüllten Schönheiten zu ersetzen und durch eigentümliche Reize die Lust der Betrachnders verhält es sich in den nordischen Schulen, welche im 11. und 12. Jahrh. an den Skulpturen des frühroman. Stils enge, parallel laufende Falten zeigen, die auffallend an jene altgriech. Bildwerke erinnern. Dann folgt mit dem 13. und 14. Jahrh. in der ältern Gotik ein freier, höchst würdiger und fließender Faltenwurf, bis die Schule der van Eyck zunächst in der Malerei und bald auch in der Skulptur einen neuen Stil der Gewandung einführte. Ihnen verdankt man nämlich die schweren, dicken Gewänder mit harten, eckigen Brüchen und Falten, welche in allen deutschen Schulen des 15. Jahrh. und selbst noch bei Dürer herrschen. Erst mit dem Eindringen des ital. Stils im 16. Jahrh. verschwand mit so vielen Eigentümlichkeiten der deutschen Kunst auch diese. Der Wurf des G. muß in der Anlage schon durch die Idee des Künstlers bestimmt sein; aber die Wahrheit der Brüche und Falten läßt sich nur der Natur absehen. Hat der Künstler den Wurf des G. der Wahrheit und hne behon gemäß angeordnet, so bleibt ihm noch eine besondere Rücksicht auf das Kolorit übrig. Viele Falten bringen sicher eine üble Wirkung hervor, wenn der Künstler die Regel von den Massen nicht beobachtet und daher es verabsäumt, in den beleuchteten Partien der Gewänder alle kleinern Falten gleichsam nur anzudeuten. Durch Mannigfaltigkeit der Vertiefungen, Brüche und Widerscheine werden die dunkeln Massen belebt, und es gewähren in dieser Beziehung dünne, faltenreiche Gewänder unleugbare Vorteile.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 937Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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