Sedan, franz. Kreisstadt im Depart. Ardennen, Handels⸗ und Fabrikstadt, bis 1875 Festung zweiter Klasse, 22 km südöstlich von Mezieres und 10 km von der belg. Grenze entfernt an der von Bouillon aus Belgien kommenden Straße, an beiden Ufern der Maas und an der Ostbahn (Linie Diedenhofen-Mezieres), die hier nach Lerouville abzweigt, zählt (1881) 19556 E. und ist mit großartigen Militärmagazinen, Arsenal, Schloß, schönen Plätzen und Springbrunnen, sowie einem Denkmal Turennes, welcher 1611 daselbst geboren wurde, ausgestattet. In gewerblicher Beziehung ist S. namentlich durch seine Tuchfabrikation bekannt, die gegen 10000 Arbeiter beschäftigt und jährlich 52000 Stück Tuche im Werte von 35 Mill. Frs. herstellt. S. wird urkundlich zuerst 1259 erwähnt, wurde 1400 zum Lateur 5 2. erhoben, kam 1588 an Heinrich von atour d'Auvergne, den Vater des Marschalls Turenne, und 1642 in den Besitz der Krone. Bis zur Vertreibung der Protestanten hatte S. eine berühmte Hochschule. Die Festung wurde 25. Juni 1815 von den Hessen bombardiert und kapitulierte am folgenden Tage, nur die Citadelle hielt sich bis 15. Sept. Von Okt. 1815 bis Nov. 1816 war der Platz von preuß. Truppen besetzt. Durch Gesetz vom 23. Aug. 1875 wurde S. als Festung aufgehoben. In der neuern Kriegsgeschichte hat S. eine weltgeschichtliche Bedeutung erlangt durch die Schlacht bei Sedan am 1. Sept. 1870 und die derselben folgende Kapitulation des franz. Heeres und Gefangennahme des Kaisers Napoleon III. am 2. Sept. S. liegt an einem der schönsten Punkte des Maasthals zwischen terrassenförmig aufsteigenden, von Laubwald bekränzten Höhenzügen, rings umgeben von einer großen Zahl von Ortschaften, Donchéry, Iges, Villette, Glaire, Daigny, Bazeilles u. s. w., die sämtlich in der Schlacht bei S. eine Rolle spielten. Längs der Maas läuft, am linken Ufer, die Hauptstraße von Donchéry über Frénois, um bei der Vorstadt Torcy den Fluß zu Überschreiten und in S. einzutreten. Steil ansteigende Obst⸗ und Weingärten, enge, von Steinmauern eingeschlossene schluchtengleiche Straßen, die Hauptwege von Waldungen überhöht, deren Ausgänge teilweise jäh abfallen, das sind die charakteristischen Eigentümlichkeiten des Schlachtfeldes von S. Der Schlacht gingen in den letzten Augusttagen die Kämpfe bei Buzancy, Nouart und Beaumont (s.d.) voraus. (S. Deutsch-Französischer Krieg von 1870 und 1871.) Deutscherseits wollte man wegen der den Truppen in den letzten Tagen zugemuteten außerordentlichen Anstrengungen erst 2. Sept. schlagen, gab diese Absicht jedoch im Kriegsrate zu Chéméry 31. Aug. abends auf. Damals stand die Armee des Kronprinzen von Sachsen auf dem rechten Flügel, die bayr. Korps standen in der Mitte und die übrigen Korps der Armee des Kronprinzen von Preußen auf dem linken Flügel. Rechts stand das 12. Korps in der Vorhut, dahinter das 4. preuß. Korps, die preuß. Garden und die 4. Kavalleriedivision mit dem Rücken gegen Remilly; hieran schloß sich das 1. und dann das 2. bayr. Korps bei Bazeilles, worauf das 11. und das 5. Korps und bei Dom-le-Mesnil die Württemberger folgten; das preuß. 6. Korps hielt zwischen Attigny und Le Chöne in Reserve. Die franz. Armee von Chälons, bei welcher sich der Kaiser Napoleon III. befand, stand unter Befehl des Marschalls Mac-Mahon in Stärke von 135 000 Mann zwischen Bazeilles, S., Floing und Givonne. Deutscherseits galt es, den Feind einzuschließen und am überschreiten der belg. Grenze zu verhindern. Die Schlacht bei S. entwickelte sich folgendermaßen: Um 6 Uhr morgens eröffneten die Bayern bei Bazeilles den Kampf, noch ehe die Sachsen hatten herankommen können; dann griffen diese La Moncelle an und nahmen die vorgeschobenen Posten der Franzosen. Um 10 Uhr war Bazeilles von den Bayern gestürmt, das Gardekorps auf Givonne und Daigny herangerückt und der Flankenmarsch des 5. und 11. Korps, welche bei Donery die Maas überschritten und die von S. nach Mezieres führende Straße abschnitten, ausgeführt. In der franz. Oberleitung war durch die Verwundung Mac-Mahons ein Wechsel eingetreten; General Ducrot übernahm sie zuerst, dann General Wimpffen, welcher die Hochfläche zwischen Illy und Flaigneux zum Stützpunkt einer verzweifelten Gegenwehr wählte. Nach zweistündigem Geschützkampfe (11—1 Uhr) erstürmte die Infanterie des 11. Korps Floing, wobei der kommandierende General von Gersdorff fiel, und das 5. Korps drang auf dem linken Flügel über St.⸗Menges vor. Die Sachsen hatten schon um 11 Uhr Daigny, die Garden Givonne genommen. Das Gardekorps drang von Givonne aus in nordwestl. Richtung weiter vor, trat in Verbindung mit dem 5. Korps und damit war der Ring geschlossen. Zwischen 12 und 1 Uhr bereits begann eine ungeheuere Flucht, ein Drängen nach S. hinein, das nicht Raum für so viele Flüchtlinge zu bieten vermochte. Die franz. Korps waren aufgerollt, von den Sachsen und den Garden allein mehr als 11000 Gefangene gemacht, Bazeilles infolge längern Häuserkampfs niedergebrannt. General Wimpffen versuchte zwar noch, an der Spitze von 8000 Mann in der Richtung auf Bazeilles vorzustoßen, und die franz. Kavallerie unternahm gegen 3½ Uhr einen verzweifelten Angriff gegen die vordringenden Kolonnen des 5. Korps, doch wurden diese Versuche mit großem Verlust abgewiesen. Das franz. Heer war von den Höhen nach dem Thalkessel von S. zurückgetrieben und dem Feuer von 500 deutschen Geschützen wehrlos preisgegeben. Gegen 4 Uhr wälzte das geschlagene Heer sich auf die eingeschlossene Festung los, während bereits etwas Ruhe auf der langen Schlachtenlinie eingetreten war. Nach halbstündiger Pause begann das Artilleriefeuer auf die Stadt, aus deren Häusern bald die ersten Flammen aufschlugen. Ein deutscher und ein franz. Parlamentär, welche die Festung zur Übergabe aufforderten, beziehungsweise deren Ergebung anzeigen Lage von Sedan. wollten, begegneten sich. Der deutsche Offizier wurde in das Präfekturgebäude zu S. und zu seinem Erstaunen vor den Kaiser Napoleon III. geführt, über dessen Anwesenheit bei der Armee man deutscherseits nicht unterrichtet war. Der Kaiser ab dem deutschen Parlamentär den franz. General Reille und durch diesen einen Brief mit, in welchem er dem König von Preußen mit seinem Degen sich selbst übergab. Auf einer 3. Wülh zwischen Frenois und Donchenn, wo König Wilhelm während der Schlacht gehalten hatte, wurde General Reille empfangen, das Anerbieten seines Kaisers wie dessen Degen angenommen und vom König an Napoleon III. eine kurze Rückantwort abgeschickt. Nachdem Graf Bismarck und General Moltke mit den nötigen Vollmachten zum Abschluß der Kapitulationsverhandlungen mit dem General Wimpffen versehen waren, begab König Wilhelm sich nach seinem Hauptquartier Vendresse. Bei den in der Nacht vom 1. zum 2. Sept. geführten Unterhandlungen wurden deutscherseits d. Materiat der Waffen, Übergabe der Stadt und des Materials, Gefangennahme des Heeres als Bedingungen und für dieselbe die Stunde 9 Uhr morgens bestimmt. Französischerseits wurden anfangs diese Forderungen als zu hart bezeichnet; doch erklärte sich ein deshalb zusammentretender Kriegsrat sehr bald fast einstimmig für Annahme derselben, da jeder weitere Aufschub die Lage nur erschweren konnte und die Wiederaufnahme des Kampfes zur Vernichtung des ganzen Heeres führen mußte. Am 2. Sept. wurde die Kapitulation in Frenois vollzogen. Zwischen 11 und 11½ Uhr überbrachte General Moltke die unterzeichnete Kapitulation dem König, der sich darauf zur Begegnung mit dem Kaiser Napoleon III. nach dem nahegelegenen Schlosse Bellevue begab, dann aber einen fünfständigen Ritt längs der deutschen Stellungen unternahm. Das deutsche Heer hatte in der Schlacht bei S. 465 Offiziere und 8459 Mann an Toten und Verwundeten verloren. Französischerseits betrug der Verlust in der Schlacht 17000 Mann an Toten und Verwundeten und 21000 Gefangene; infolge der Kapitulation wurden kriegsgefangen 83 000 Mann, außerdem in Belgien entwaffnet 3000 Mann; 1 Adler, 2Fahnen, 419 Feld⸗, 139 Festungsgeschütze, 1072 Fahrzeuge, 60000 Gewehre und viele Pferde fielen mit der Festung in deutsche Hand. Frankreich hatte über keine Feldarmee mehr zu verfügen, während den Deutschen die Dritte und Vierte Armee zu fernern Operationen verfügbar blieb und der Weg nach Paris offen stand. Die Festung S. wurde noch am Abend des 2. Sept. von deutschen Truppen besetzt. Mit dem Ausgang der Schlacht bei S., der Gefangennahme des Kaisers Napoleon III., der seinen Aufenthalt in Wilhelmshöhe bei Kassel angewiesen erhielt, war der Fall des Kaisertums so gut wie vollzogen; schon 2. Sept. war Paris in Gärung, 4. Sept. aber Frankreich zur Republik erklärt. (S. Frankreich, Geschichte.) In Deutschland wird seitdem regelmäßig alljährlich der Sedantag (2. Sept.) als Nationalfesttag gefeiert, da kein anderes Ereignis des großen Kriegs so allgemeinen Jubel hervorrief, wie die Kunde von der Gefangennahme Napoleons III. Vgl. «Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 und 18715 (bearbeitet vom preuß. Großen Generalstabe, Tl. 1, Bd. 2, Berl. 1875); Enquéte parlementaire sur les actes du gouvernement de la défense nationalen (Par. 1873); Helmuth, «Sedanv (Berl. 1874); Des causes qui ont amené la capitulation de S. Par un officier attaché à I'Etat-Major-Généralo (Brüss. 1870; von Napoleon III. auf Wilhelmshöhe diktiert); Wimpffen, «Sedany (Par. 1871); Ducrot, La journée de S. (Par. 1871); Réponse au général Ducrot par un officier supérieuro (General Wimpffen, Par. 1871); Hassel, «Von der Dritten Armee (Lpz. 1872); Rud. Lindau, «Die preuß. Garde im Feldzuge 1870—71 5 (Berl. 1872).