Sibyllen nannten die Griechen Frauen, welche, von Begeisterung ergriffen, geweissagt haben sollen. Ansätze zu den Sagen von S. finden sich zuerst in der Sage von Kassandra. Lange Zeit sprach man nur von einer Sibylle; später nahm man bald mehr, bald weniger, bis zu 12 S. an, die in verschiedenen Orten und Ländern heimisch gewesen sein sollten. In Italien erzählte man von der S. von Cumä und Tibur. Vgl. Maaß, De Sibyllarum indicibus⸗ (Greifsw. 1879). Die Cumäische S. bot der Sage nach dem röm. König Tarquinius Superbus neun Rollen (Sibyllinische Bücher)ihrer Weissagungen zum Kauf an und warf, als dieser den geforderten Preis zu hoch fand, drei und wiederum drei Rollen ins Feuer, bis der König für die drei letzten die anfangs für alle neun verlangte Summe zahlte. Diese Libri Sibyllinio wurden in Rom als heiliges Gut im capitolinischen Tempel unter Aufsicht einer eigenen, anfangs aus 2, seit dem J. 367 v. Chr. aus 10, seit Sulla aus 15 Mitgliedern bestehenden priesterlichen Behörde (s. Decempviri) aufbewahrt und durften nur auf ausdrücklichen Befehl des Senats befragt werden. Im J. 83 v. Chr. wurde die ältere Sammlung mit dem Tempel ein Raub der Flammen. Man sandte deshalb Boten aus, besonders nach Kleinasien, um das, was in Tempeln des Apollo oder sonst an sibyllinischen Sprüchen aufzutreiben war, zusammenzubringen, woraus dann eine neue Sammlung in mehrern Büchern hergestellt wurde. Augustus ließ eine strenge Sichtung derselben vornehmen, wobei vieles Verdächtige ausgeschieden und verbrannt wurde; die als echt anerkannten Sprüche wurden nun in den Tempel des palatinischen Apollo versetzt und blieben dort ein Gegenstand gläubiger Verehrung bis Anfang des 5. Jahrh. n. Chr., wo Stilicho sie verbrennen ließ. Erhalten ist noch unter dem Titel «Sibyllinische Sprüches eine aus verschiedenartigen, teils jüd., teils christl. Bestandteilen verschiedener Zeiten zusammengesetzte Sammlung von Weissagungen in griech. Versen, die am vollständigsten und besten herausgegeben ist von Alexandre (mit lat. Übersetzung, 2 Bde., Par. 1841—56) und von Friedlieb (mit deutscher übersetzung, Lpz. 1852). Vgl. Volkmann, De oraculis sibyllinis dissertatios (Lpz. 1853); Ewald, «Abhandlung über Entstehung, Inhalt und Wert der Sibyllischen Bücherd (Gött. 1858); Bouché-Leclercg, Mistoire de la divination dans Pantiquitén (4 Bde., Par. 1879—82). „Sicard (Roch Ambroise Lucurron, Abbe), verdient um den Taubstummenunterricht, geb. zu Fousseret bei Toulouse 28. Sept. 1742, machte seine Studien in Toulouse, wurde dann in Bordeauxr Kanoniker und bald nachher Mitglied der Akademie und des Museums. Hier begründete er eine Anstalt für Taubstumme und hatte das Glück, sich an dem taubstummen Jean Massieu einen ausgezeichneten Mitlehrer zu erziehen. Als der Abbeé de l'Epée 1789 starb, ward er an dessen Taubstummenanstalt nach Paris berufen. Doch trotz seiner gemeinnützigen Wirksamkeit sah sich S. während der Revolution verfolgt, wurde eingesperrt und entging den Septembermetzeleien nur durch Zufall. Kaum gerettet, hatte er den Mut, sich aufs neue an die Spitze seiner Anstalt zu stellen, ward aber nach dem 18. Fructidor (1797) als Herausgeber der Annales catholiqueso zur Deportation nach Cayenne verurteilt, von wo er jedoch entfloh. Später wurde er Mitglied des Instituts bei dessen Gründung und 1816 der Französischen Akademie. Er starb 10. Mai 1822. Unter seinen Schriften ist die KThéorie des signes pour Pinstruction des sourds-muetso (Par. 1808; neue Aufl. 1828) hervorzuheben.