FeedSieyes (Emanuel Jos.)
GeschichteBrockhaus 1882

Sieyes (Emanuel Jos.), hervorragender Publizist und Staatsmann der Französischen Revolu⸗ „tion, wurde zu Fréjus 3. Mai 1748 geboren. Als Knabe kam er in das Seminar St.⸗Sulpice zu Paris, wo er sich 12 Jahre hindurch den geistlichen Studien und der Philosophie widmete. Er wurde EAbbé, Generalvikar des Bischofs von Chartres und später Mitglied der Ersten Kammer des Klerus von Frankreich. Im J. 1788 schickte ihn sein Stand als Abgeordneten auf die Provinzialversammlung nach Orléans. Anhänger der neuen Ideen, veröffentlichte er nach der Rückkehr mehrere Flugschriften, darunter den Essai sur les priviléges v und das berühmte Pamphlet «Qu'est-ce que le tiersétat o (erschienen im Jan. 1789). Als pariser Deputierter des dritten Standes wurde er in die Generalstände gewählt, deren Umwandlung in die Nationalversammlung auf der Grundlage jener Flugschrift niemand mehr bewirkt hat als er. Auch bei den spätern Verhandlungen über die Menschenrechte, das Veto, Ein-oder Zweikammersystem, die Departementseinteilung war er eifrig beteiligt. Später zog sich der wenig redefertige Theoretiker von der Tribüne zurück, war aber ein eifriger Arbeiter in den Kommissionen. In der Legislative wie im Konvent, wo er als Deputierter vom Departement der Sarthe eintrat, hielt er sich im Hintergrund, folgte aber stets dem revolutionären Strom. So stimmte er für den Tod des Königs, schloß sich im Kampf gegen die Girondisten an Robespierre an und folgte diesem in den Excessen seines Despotismus und in stummer Furcht bis zur Katastrophe des 9. Thermidor. Auch danach bewahrte er seine Zurückhaltung. So lehnte er im April 1795 die Präsidentschaft des Konvents ab; statt dessen ging er mit Rewbell nach Holland, dem er den Friedensschluß diktierte. Im Herbst lehnte er den Eintritt in das Direktorium ab und arbeitete nur im Rat der Fünfhundert mit. Trotzdem entging er nicht dem Attentat eines Geistlichen, der ihn 12. April 1797 mit der Pistole an Hand und Brust leicht verwundete, und erst der Sturz der Jakobiner am 18. Fructidor (4. Sept. 1797) ließ ihn freier aufatmen. Ende 1798 schickte ihn das Direktorium als Gesandten nach Berlin, 1799 trat er für Rewbell ins Direktorium, aber nur, um die Regierung vollends zu stürzen und Frankreich durch eine republikanische Verfassung nach seinen chhen rien glücklich zu machen. Obschon er die Absichten Bonapartes erriet, sah er sich doch genötigt, mit demselben in Gemeinschaft zu treten. Dennoch mußte S. nach dem Staatsstreich das Feld räumen. Von seinem Verfassungsentwurf wurden nur einige Ideen in die Konstitution des Jahres VIII aufgenommen. Bonaparte als Erster Konsul nahm ihn in den Senat auf und gab ihm die reiche Staatsdomäne Crosne. Als Kaiser erhob er 6 zum Grafen und ernannte ihn zum Präsidenten des Senats, welches Amt S. nur kurze Zeit behielt. Während der Hundert Tage trat S. in die Pairskammer; nach der zweiten Restauration wurde er als Königsmörder verbannt und ging nach Brüssel. Erst nach der Revolution von 1830 kehrte er nach Paris zurück, wo er in die Französische Akademie aufgenommen wurde und 20. Juni 1836 starb. Boulay veröffentlichte unter dem Titel Théorie constitutionnelle de S.5 einige Bruchstücke aus S. ungedruckten Memoiren. Vgl. Mignet,‚, «Notice bistorique sur la vie et les travaux de S.v (Par. 1836); Beauverger, Etude sur S.v (Par. 1851).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 810Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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