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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Skepsis und Skeptizismus (grch.). Unter skeptischen Vorstellungen versteht man im gewöhnlichen Leben Ansichten, durch welche die Gewißheit irgend welcher herrschender Vorstellungsweisen und Autoritäten, besonders der religiösen, in Zweifel gesetzt wird. In der Wissenschaft versteht man unter Skepsis diejenige erkenntnis⸗-theoretische Ansicht, welche darauf hinausläuft, daß der Mensch mit seinem Empfinden und Denken eine wahre Erkenntnis der Dinge nicht gewinnen, oder wenigstens sich derselben nicht in einer über jeden Zweifel erhabenen Weise versichern könne. Dieselbe trat zuerst bei den griech. Sophisten (s. d.) als eine absolute Verzweiflung an jeder allgemeingültigen und festen Erkenntnis hervor und gab dadurch der von den Sophisten vertretenen Aufklärung einen theoretisch und praktisch gleich gefährlichen Charakter. In der spätern Zeit nahm auch das skeptische Denken an der allgemeinen ethisierenden Tendenz der spätgriech. Philosophie teil, indem Pyrrho und sein Schüler Timon aus der Betrachtung der Relativität und Wandelbarkeit der menschlichen Urteile die Mahnung abzuleiten suchten, sich des Urteils zu enthalten und dadurch die für den sittlichen Menschen nötige Gemütsruhe (Ataraxie) zu bewahren. Die Anhänger dieser Lehren, welche der Natur der Sache nach keinen eigentlichen Schulzusammenhang bildeten, nannten sich daher Pyrrhonier oder Aporetiker (d. h. die Ungewissen) oder Ephektiker (d. h. die sich Enthaltenden). Eine weitere Entwickelung der skeptischen Lehren geschah durch die sog. mittlere Akademie (. Plato), deren erster Vertreter, Arcesilaus, die Skepsis hauptsächlich zur Bekämpfung der stoischen Lehren und vielleicht noch als Vorbereitung für die Platonische Lehre verwendete, während später Karneades, weniger radikal verwerfend, hauptsächlich für das praktische Verhalten sich dem Probabilismus (s. d.) zuneigte und in diesem Sinne fruchtbare Anregungen für eine Theorie der Wahrscheinlichkeit gab. In den Ausläufen der antiken Philosophie griff um 100 n. Chr. Anesidemus auf die Lehren Pyrrhos zurück, und suchte die skeptischen Einwürfe auf 10 sog. Tropen zusammenzufassen, deren Anzahl man weiterhin vereinfachte. Besonders wichtig wurde es, daß die Schule der ärztlichen Empiriker sich dieser Ansichten bemächtigte und die Angriffe der Skepsis hauptsächlich auf die Erkenntnis der ursächlichen Verhältnisse richtete; in dieser Hinsicht faßte um 200 n. Chr. Sextus Empiricus den ganzen Gedankengehalt der antiken Skepsis in scharfsinniger Weise zusammen. Vgl. Maccoll, The Greec Sceptics krom Pyrrho to Sextusv (Lond. 1869). — In der neuern Philosophie wurde der Skeptizismus der Alten zunächst durch Montaigne erneuert, welcher jedoch den Zweifel hauptsächlich als eine Art der individuellen Denkfreiheit auffaßte und damit die Herrschaft der kirchlichen Autorität zu brechen suchte. Umgekehrt aber ließ sich der Nachweis von der Unmöglichkeit einer abschließenden Vernunfterkenntnis auch zu Gunsten des Autoritätsglaubens verwerten; solche orthodoxe Skeptiker waren Charron, Sanchez (1562 —1632), Le Vayer (1586—1672), P. Daniel Huet (1630—1721) in Frankreich, Jos. Glanvil (1636—80) in England, Hier. Hirnhaym (1637 — 79) in Deutschland. Die wissenschaftlich bedeutendste Vertretung aber fand der Skeptizismus durch Pierre Bayle, welcher, persönlich durchaus bibelgläubig, die Widervernünftigkeit aller Grunddogmen des Christentums darzulegen sucht und gerade darin das Verdienst des Glaubens finden wollte. Unter diesen Umständen gewöhnte man sich im 18. Jahrh. daran, einen Skeptiker denjenigen zu nennen, welcher aus irgend welchen Gründen an der vernünftigen Erkennbarkeit der religiösen Überzeugungen zweifelte. Das war auch zunächst der Grund, weshalb man den größten der engl. Philosophen, David Hume, einen Skeptiker nannte. Doch verdiente derselbe diese Bezeichnung auch des—⸗ halb, weil er nachwies, daß die psychologisch notwendige Anwendung der beiden Grundformen der menschlichen Weltvorstellung, der Substantialität und der Causalität, keinen objektiven Wert beanspruchen dürfe. Seinen Angriff auf die Causalität glaubte Kant widerlegt zu haben, und denselben erneuerte infolge dessen Gottlob Ernst Schulze bei seiner skeptischen Polemik gegen die Kant-Reinholdsche Philosophie. Gerade darin, wie Kant durch Hume und Fichte durch Schulze zu ihren bedeutendsten Schöpfungen angeregt wurden (s. Deutsche Philosophie), liegt ein überaus wertvolles Beispiel für die Bedeutung vor, welche dem Skeptizismus in der Entwickelung der Wissenschaft zukommt. Wo derselbe nicht ein Ausdruck der geistigen Erschlaffung oder der feigen Blasiertheit ist, bereitet er durch die Aufdeckung der Mängel bisheriger Erkenntnisprinzipien die richtige und häufig die schöpferische Problemstellung vor. Er ist in seinen bessern Formen der Ausdruck des kritischen Geistes, der nur dadurch irre wird, daß er die Kritik selbst für das letzte Ergebnis des Nachdenkens hält; und er kann auch dies nur, indem er, mehr oder minder stillschweigend, selbst wieder gewisse Voraussetzungen macht und mit sich selbst in Widerspruch gerät. Vgl. Stäudlin, (Geschichte und Geist des Skeptizismus, vorzüglich in Rücksicht auf Moral und Religiono (2 Bde., Lpz. 1794—95); Tafel, «Geschichte und Kritik des Skeptizismus und Irrationalismuso (Tüb. 1834½).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 861Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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