FeedSophisten
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Sophisten nannte sich in Griechenland eine besondere Klasse von Lehrern der Beredsamkeit, Staatskunst und Philosophie vom 5. Jahrh. v. Chr. an. Der Name bezeichnet Weise oder Lehrer der Weisheit. Die berühmtesten sind Gorgias, Protagoras, Hippias, Prodikos, Trasymachos u. a. Zumeist aus Kleinasien oder aus Großgriechenland gebürtig, gehörten sämtliche dem Zeitalter des Perikles und Sokrates an. Ihre Lehrfächer waren Physik, Geometrie und Arithmetik, Astronomie, Musik, Politik, Poetik, Grammatik Dialektik und Beredsamkeit. Da sie alle diese Kenntnisse in gewandter und glänzender Rede vortrugen und dafür in der geistreichen Beweglichkeit des griech. Volkscharakters einen fruchtbaren Boden fanden, so wurden sie überall mit Beifall und Bewunderung angehört. Auch zeichneten sie sich nicht selten als geschickte Staatsmänner aus. Indem sich diese Männer aber gewöhnten, als bezahlte Lehrer der polit. Beredsamkeit gegen den Inhalt der Rede sich gleichgültig zu verhalten, wurden sie zuerst praktisch und dann auch theoretisch die Vertreter einer gefährlichen überugungslosigkeit. Dazu kam, daß auch ihre wissenschurilichen Untersuchungen in der Ansicht gipfelten, es gäbe keine allgemeingültige Wahrheit, sondern nur subjektive Gewißheit. Hiergegen trat nun Sokrates mit der ganzen Energie seines logischen und ethischen Bewußtseins ein, und er sowohl als auch seine Schüler bekämpften die S. auf das heftigste und zugleich siegreichste. Daher nannten lato und Aristoteles die Sophistik die Kunst, durch eine falsche Dialektik das Wahre mit dem Falschen zu verwirren und über alles einen trügerischen Schein zu verbreiten. Dieses geschah bei den S. vorzüglich durch eine Menge Trugschlüsse und verfängliche Fragen, durch welche sie ihre Gegner zu verwirren wußten. Auch noch gegenwärtig werden die Worte Sophist und Sophistik in dieser Bedeutung genommen. Gleichwoh würde ohne die setzende Kraft der Sophistik die Reaktion des Sotrates und seiner Schule nicht eingetreten sein, wie denn überhaupt die Sophistik als ein Symptom des allgemeinen Kulturzustandes in Griechenland zu betrachten ist: sie bezeichnet für die Entwickelung des hellenischen Geistes das Zeitalter der Aufklärung. des Staatslebens im Sinken begriffen waren, mußte der Besitz vielseitiger Kenntnisse und der Gewandtheit im Denken und Sprechen als überaus wertvoll erscheinen, aber auch zugleich ohne eine tiefere religiöse und sittliche Grundlage die Ausartung vermehren. Vgl. Roller, „Die griechischen S. zu Sokrates' und Platos Zeitv (Stuttg. 1832): Schildener, Die S.v (in Jahns «Archiv der Philologies, Bd. 17, 1851); Th. Gomperz, „Die griechischen S. (in Deutsche Jahrbücherv, Bd. 7, Berl. 1863); Siebeck, «Uber Sokrates' Verhältnis zur Sophistiko (in Untersuchungen zur Philosophie der Griecheno, Heft 1, Halle 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 937Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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