FeedSoziale Republik
Recht & StaatBrockhaus 1882

Soziale Republik, soviel wie Rote Republik, s. unter Rot. „Sozialismus ist die Theorie einer wirtschaftlichen Gesellschaftsordnung, in welcher die Individuen nicht selbständig und auf eigene Verantwortlichkeit produzieren und miteinander im Verkehr stehen, sondern eine größere Gemeinschaft mittels einer besondern Organisation die Produktion sowohl wie die Verteilung der Güter regelt. In seiner äußersten Konsequenz wird der S. zum Kommunismus (s. d.), oder —— Kollektivismus (s. d.), der das private Kapita eigentum gänzlich aufheben und demnach auch die Verteilung des Produktionsertrags ganz unabhängig von dem Kapitalbesitz ordnen will. m engern Sinne dagegen nennt man S. die gemäßigten Lehren, die zwar die kapitalistische Unternehmungsform durch Arbeiterassociationen ersetzen, aber das Privateigentum und selbst den Kapitalzins bestehen lassen wollen. Diese Umgestaltung Produktionsordnung soll nach den einen durch e Vereinigung der durch das Gefühl ihrer Soliät mächtigen Arbeiter, nach den andern durch staatliche Eingriffe durchgeführt werden. Eine scharfe Grenze zwischen diesem gemäßigten S., den man mit dem von Marlo vorgeschlagenen Worte Assozialismus bezeichnen könnte, und dem Kommumiennus ist übrigens nicht zu ziehen. Die Saint-Simonisten (s. d.) würd man noch zu den Sozialisten rechnen dürfen, obwohl die von ihnen vorgeschlagen-Aufhebung des Erbrechts eine wesentliche Anderung der bestehenden Eigentumsordnung bilden würde. Fourier (s. d.) dagegen wollte ganz und gar auf dem Boden des be ichenden Rechts bleiben, indem er überzeugt war, daß sein Associationssystem sich ohne irgend welche Beihilfe des Staats durch seine innern Vorzüge überall freien Eingang verschaffen werde. Er wollte die Gesellschaft in kleine sich selbst zur reichlichen Befriedigung aller ihrer Bedürfnisse ö ductzonfon Gruppen Aomumiiot zerlegen; die Produktion sowohl wie die Konsumtion sollte in den Phalansteren gemeinschaftlich auf die zweckmäßigste Art organisiert, bei der Verteilung des Ertrags aber nicht nur die Arbeit, sondern auch das Talent und das Kapital in bestimmten Verhältnissen bedacht werden. Die phantastischen Spekulationen und Theorien, mit denen Fourier seine ökonomischen Darstellungen verunstaltete, ließen seine Schüler, unter denen V. Considérant der bedeutendste ist, beiseite und begnügten sich mit der genauern Ausmalung der geplanten Organisation. In den vierziger Jahren zählte der Fourierismus in Frankreich ziemlich viel Anhänger, seit dem Ende der Februarrepublik ist er jedoch, abgesehen von den wenigen noch lebenden frühern Führern, gänzlich verschwunden. Als ein drittes sozialistisches System pflegt man das von R. Owen (s. d.) gepredigte aunein doch ist dieses seiner Tendenz nach kommunistisch, wenn auch seine Anhänger für die Gründung freier Associationen, insbesondere von Kooperativgenossenschaften eifrig thätig gewesen sind. Gemeinsam ist den drei erwähnten Systemen die Annahme, daß in dem gesellschaftlichen Ideal eine möglichst große Befriedigung der Genußsucht und der Triebe der werden. Durch streng sittlichen Ernst und Vera tung des von den Utopisten geträumten Genu Raum einnehmen. Auch di Lass befürworteten Produktiwassociationen mit Staatsunterstützungen gingen noch nicht über den Rahmen des S. im engern Sinne hinaus, würden aber die leichen Konsequenzen gehabt haben wie die Blancchen. Rodbertus (s. d.) hält zwar für die ferne Zukunft eine kommunistische Entwickelung für wahr-z cheinlich, für die Gegenwart aber will er nur durch tervention des Staates den Arbeitern einen reativ größern Anteil am Arbeitsprodukt verschaffen. Wenn man auch voneinem konservativen«Staatseinem achristlichend S. spricht, so wird dem Worte nicht weniger eine zu weite Bedeutung gegeben, als wenn man es auf alle sozialötonomischen Reformbestrebungen überhaupt anwendet. Die eigentlich sozialistischen Schulen haben prinzipiell die Absicht, eine vollständige Umgestaltung der bestehenden Produktionsordnung und dadurch eine volle Lösung der sozialen Frage, wenn auch vielleicht nur allmählich, herbeizuführen. Die auf Reformen bedachten Sozialpolitiker dagegen streben nur nach möglichster Verbesserung der Zustände auf Grundlage der gegebenen Gesellschaftsorganisation, und wenn sie auch zu diesem Zwecke auf vielen Gebieten eine ausgedehnte Anwendung des gemeinwirtschaftlichen Prinzips für nützlich erachten, so bezweifeln sie doch nicht, daß der größte Teil der Produktion stets unter der Leitung des Privatkapitals bleiben wird. So steht auch z. B. Schulze-Delitzsch (s. d.) dem S. durchaus fern, obwohl er für die praktische Verbreitung des Associationswesens mehr gethan hat, als wohl irgend ein anderer. Auch die engl. Gewerkvereine (s. d.) sind, wenigstens in ihrer ursprünglichen Anlage, nicht als Institutionen von sozialistischem Charakter zu betrachten, da vielmehr ihr Zweck darauf gerichtet ist, den Arbeitern auf der Grundlage der kapitalistischen Produktionsordnung eine bessere Stellung zu verschaffen. In Frankreich dagegen haben die assozialistischen Ideen unter den Arbeitern stets günstigen Boden gefunden. I. den sechziger ahren gewann dort namentlich die Proudhonistische chule Einfluß, besonders auch auf die seit jener Zeit ins Leben tretenden Gewerkvereine (Syndikalkammern). In neuester Zeit wurde jedoch diese Coiiulden Richtung immer mehr durch die radikale ozialdemokratie (s. d.) zurückgedrängt. — Über die Litteratur s. unter Kommunismus.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 952Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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