Speier, auch Speyer (lat. Spira), Hauptstadt der bayr. Rheinpfalz, früher eine Freie Reichsstadt im Gebiete des gleichnamigen Bistums, an der Mündung des Speierbachs in den Rhein, Station der Linien Schifferstadt-Germersheim der Pfälzischen Ludwigsbahn und Heidelberg-S. der Badischen Bahnen, von denen letztere den Rhein auf einer Schiffbrücke überschreitet, ist Sitz der Kreisregierung, eines Bezirksamts, eines Amtsgerichts, einer Reichsbanknebenstelle, eines prot. Konsistoriums und eines kath. Bischofs und zählt (1885) 16228 E., darunter etwa die Hälfte Katholiken. Die breiten Haupt⸗ und engern Nebenstraßen der Stadt laufen in unregelmaßiger Richtung, die Häuser selbst haben, mit wenigen Ausnahmen, nichts Altertümliches. Außer dem Dom sind von alten Gebäuden nur noch ein hoher Thorturm (das Altpörtel), ein mit dem Dom gleichzeitiges unterirdisches Judenbad und Mauerreste eines alten Palastes (des sog. Retscher) erhalten. Das merkwürdigste Gebäude ist der Dom, dessen von Konrad II., dem Salier, 1027 beschlossener Bau nach gewöhnlicher Annahme am 12. Juli 1030 lam gleichen Tage mit dem der Benediktinerabtei Limburg, s. unter Dürkheim) mit der Grundsteinlegung begann und 1061 unter Heinrich IV. vollendet wurde. Der Kaiser baute 1064 auch noch die Afrakapelle, in welcher er, als in ungeweihter Erde, nach seinem Tode fünf Jahre hindurch unbeerdigt stehen blieb, bis die Lösung seines Bannes erfolgte. König Ludwig I. begann 1846 die vollständige Restauration des Doms, die 1858 vollendet wurde. Drei gewaltige Portale führen in die Vorhalle des Doms, in welcher die Bildsäulen der im Dom ruhenden Kaiser stehen. Die Länge der im Rundbogenstil erbauten Kirche beträgt 138, die Breite des Querschiffs 57, die Höhe der Osttürme 72,35 m. Vom Schiffe gelangt man 12 Stufen hinauf zum Königschor, unter welchem die Kaiser Konrad II. und seine Gemahlin Gisela, Heinrich III., Heinrich IV. nebst seiner Gemahlin Bertha, Heinrich V., Philipp von Schwaben, Rudolf von Habsburg, Adolf von Nassau und Albrecht von Ssterreich, ferner Beatrix, die zweite Gemahlin Friedrichs I., nebst ihrer Tochter Agnes begraben liegen. Von da führen einige Stufen in den Bischofschor, der die Vierung, die beiden Querschifse und den runden Chorschluß umfaßt, wo sich über der Vierung die hohe, mächtige Kuppel wölbt. Nach den Bränden von 1159 und 1289 folgte 6. Mai 1450 ein bedeutenderer Brand, doch war nach 18 Monaten der Dom wiederhergestellt. Später (1509) wurde vor der südl. Flanke ein got. Turm (der Olberg) mit einer Darstellung des Leidens Christi am GÖlberge errichtet. Bei der Zerstörung von S. im orleansschen Kriege 31. Mai 1689 hatte Monclar den Bürgern erlaubt, ihre Habe in den Dom zu flüchten. Als dies geschehen war, ließ er denselben anzünden. Der 28stündige Brand ließ nur den Rumpf und zwei Türme übrig, deren Sprengung nur ein Befehl des Marschalls Duras verhütete. Der Dom wurde erst 1772—78 unter dem Bischof Phil. Karl von Limburg-Styrum mit verunstalteter Vorderseite wieder aufgebaut, aber bereits 1794 von den Franzosen wieder demoliert und in ein Heumagazin verwandelt. Durch Maximilian Joseph IJ. hergestellt, konnte er 19. Mai 1822 wieder eingeweiht werden. König Ludwig ließ ihn endlich 1846—53 durch die Maler Schraudolph, Koch und Schwarzmann mit Fresken und Ornamenten ausschmücken. Darunter zeichnen sich besonders die Steinigung des Stephanus, die vier Großen Propheten und die vier Evangelisten aus. Dem Andenken Rudolfs von Habsburg und Adolfs von Nassau sind zwei Denkmäler im Königschor gewidmet, ersteres von Schwanthaler (1843), letzteres von Ohmacht (1824) gearbeitet. Den Dom umgeben schöne Anlagen mit dem Olberg und Denkmälern des Physikers und Astronomen Schwerd und des Regierungspräsidenten und Schöpfers der Domanlagen von Stengel. Geissel, «Der Kaiserdom zu S.v (2 Bde., Mainz 1828), Blaul, Der Kaiserdom in S.» (Reustadt 1860); Remling, Der speierer Domo (Mainz 1861). Außer dem Dom gibt es zu S. zwei kath. und zwei prot. Kirchen und eine Synagoge. Das ehemalige Jesuitenkollegium dient als Kaserne. Es bestehen zu S. ein Gymnasium mit Lateinschule, eine Realschule, ein kath. Priesters eminar, eine kath. Lehrerbildungsanstalt, eine höhere Töchterschule, eine Frauenarbeitsschule, eine Erziehungsanstalt für jugendliche Sträflinge, ein großes Bürgerhospital, ein Diakonissenhaus, ein Waisenhaus und ein namentlich an prähistor. und röm. Fundgegenständen reiches Historisches Museum. Die industrielle Thätigkeit der Stadt ist von ziemlicher Bedeutung; sie umfaßt Fabriken fsür Tabak und Cigarren, Schuhwaren, Maschinen, Stroh⸗ und Pauspapier, sowie Eisen-und Messinggießereien, Handelsgärtnerei, bedeutende Bierbrauereien und Ziegeleien. Eine fernere Erwerhsquelle bildet der Feld⸗, Wein-und Obstbau. Der Freihafen am Rhein wird wenig benutzt. S. ist das alte Noviomagus Nemetum der Römer. Ein Bischof von S. wird schon um 348 erwähnt; dann scheint die christl. Gemeinde durch Einfälle heidnischer Germanen zerstört worden zu sein, da erst um 610 wieder ein Bischof von S. genannt wird. Die deutschen Kaiser hatten hier eine Pfalz, hielten sich häufig daselbst auf und machten S. 1294 zur Freien Reichsstadt. Stadt und Domstift waren sehr reich, und 64 Ahnen gehörten dazu, um Mitglied des Stifts werden zu können. Von 1527 an, einige Unterbrechungen abgerechnet, war S. bis 1689 Sitz des Reichskammergerichts, das hierauf nach Wetzlar verlegt wurde. Auch wurden daselbst mehrere Reichstage gehalten, unter denen der von 1529 der wichtigste war. Zur Erinnerung an die damals erfolgte «Protestationo soll eine monumentale got. Kirche erbaut werden. Bei der Verwüstung der Rheinpfalz durch die Franzosen wurde S. 31. Mai 1689 vom General Monclar in einen Aschenhaufen verwandelt und die Festungswerke bis auf einen Turm (das Altpörtel) völlig zerstört. Erst nachdem die Stadt 10 Jahre wüst gelegen, wurde sie ärmlich wieder aufgebaut. Seitdem hat sie sich zu ihrem vorigen Wohlstand nicht wieder zu erheben vermocht. Auch in den span., poln. und österr. Erbfolgekriegen, im Siebenjährigen Kriege und in den franz. Revolutionskriegen hatte S. viel von den 40r1.— zu leiden. S. gehörte 1801 —14 zum franz. Depart. Donnersberg. Vgl. Zeuß, «Die Freie Reichsstadt S. vor ihrer Zerstörungo (Speier 1843); Weiß, «Geschichte der Stadt S. (Speier 1876); Hilgard, Urkunden zur Geschichte der Stadt S. (Straßb. 1885). Das ehemalige Bistum Speier, eins der ältesten in Deutschland, war reichsunmittelbar, lag im Oberrheinischen Kreise zwischen Kurpfalz, Baden, dem Elsaß und der Grafschaft ätthatne zählte auf 1540 qkm gegen 55000 meist kath. E. und gewährte dem Fürstbischof ein Einkommen von 300000 Fl. Durch den Revolutionskrieg und den Zandes zu Lunéville kam die kleinere Hälfte des andes auf dem linken Rheinufer (690 alem) an uPnr dasübrige nebst der ehemaligen bischöfl. aupt⸗ und Residenzstadt Bruchsal wurde 1802 an Baden gegeben. Vgl. Remling, «Geschichte der Bischöfe zu S. „ (2 Bde., Mainz 1852—54); dazu „Urkundenbuch (2 Bde., Mainz 1852—54).