FeedSpinöla (Ambrosius, Marquis)
GeschichteBrockhaus 1882

Spinöla (Ambrosius, Marquis), berühmter span. Feldherr, wurde zu Genua 1571 geboren, aus altem ghibellinischen Geschlecht. Sein Bruder, Friedrich S., war Befehlshaber der an der niederländ. Küste aufgestellten Flotte und bewog ihn, gegen Ende des 16. Jahrh., 9000 Mann alter ital. und span. Truppen nach den Niederlanden zu führen. Ostende, vor dem Erzherzog Albrecht länger als zwei Jahre gelegen, fiel S. 1604 in die Hände, nachdem es sich drei Jahre und zwei Monate verteidigt hatte. Er wurde dann zum Oberbefehlshaber aller span. und ital. Truppen ernannt, die in den Niederlanden standen und begann nun den Kampf mit dem Prinzen Moritz von Oranien, der ihn von fernern Fortschritten abhielt. Bei dem allgemeinen Friedensbedürfnis kam es im Mai 1607 in Haag zwischen beiden zu einer persönlichen Unterredung, die jedoch nicht zum Zie führte. Erst 1609 wurde ein zwölffähriger Stillstand geschlossen. Im Sommer 1614 standen beide von Aachen bis Wesel wieder gegeneinander, aber das Friedensbedürfnis überwog noch einmal. Als der Waffenstillstand 1621 zu Ende ging, begann S. aufs neue sich mit Moritz zu messen, nachdem er schon 1620 gegen Kurpfalz und die Union rheinaufwärts gezogen, alles Land bis Frankfurt und Worms occupiert und April 1621 im Mainzer Accord die Union zur Niederlegung der Waffen gezwungen Hatte. Moritz starb (23. April 1625) unter den Anstrengungen, seinen Gegner zur Aufhebung der Belagerung von Breda zu zwingen; aber auch S. war durch die sumpfige Luft krank geworden. Endlich nach einer zehnmonatlichen Belagerung öffneten sich im Mai 1625 die Thore. S. gewährte der tapfern Besatzung freien Abzug. Seine Gesundheit nötigte ihn, den Befehl niederzulegen. Zwar trat er noch einmal 1630 in Italien auf, wo er die Festung Casale erobern wollte, aber noch im nämlichen Jahre, 25. Sept., starb er 30 Castel-Nuovo di Scrivia. Vgl. Sivet, «S., épisode du temps d'Albert et d'Isabelles (Par. 1851). Spinoza oder Spinosa (Baruch, lat. Benedikt), einer der bedeutendsten Philosophen der neuern Zeit, geb. zu Amsterdam 24. Nov. 1632, stammte aus einer jüd. Familie, die sich aus Portugal nach Holland gewendet hatte. Er genoß den gewöhnlichen Unterricht der Rabbiner, studierte aber schon früh die mittelalterlichen jüd. Religionsphilosophen, wie Maimonides und andere. Seine religiösen Ansichten entfernten sich aber frühzeitig von den jüd. Lehren, und nachdem mehrere Versuche, ihn wieder an die Synagoge zu knüpfen, gescheitert, kam es dahin, daß er durch die strengste Form des Bannes, die der Synagoge zu Gebote stand, aus der Judengemeinde ausgestoßen wurde. Er nahm dies gleichmütig auf und schloß sich später niemals als Mitglied einer bestimmten religiösen Gemeinde an. S. widmete sich von nun an gänzlich der Philosophie, für deren Studium er hauptsächlich in den Schriften des Cartesius Nahrung fand. Um sich seine Subsistenz zu sichern, lernte er das Schleifen optischer Gläser. Das wissenschaftliche Studium der Optik, welches er mit dieser Beschäftigung verband, brachte ihn mit mehrern Physikern und Naturforschern seiner Zeit in Verbindung. Sein Aufenthalt war, nachdem es den Juden gelungen, bei dem Magistrat von Amsterdam auf einige Monate seine Verbannung zu erlangen, ziemlich unstet. Er bezog erst das Landhaus seines Freundes, ging dann nach Rheinsburg bei Leiden, darauf nach Voorburg bei Haag, bis er endlich nach einigen Jahren auf Bitten seiner Freunde sich im Haag selbst niederließ. Als sein Name bekannter wurde, erhielt er unter Zusicherung voller Lehrfreiheit von dem Kurfürsten von der Pfalz einen Ruf als Lehrer der Philosophie an die Universität zu Heidelberg. Doch schlug er das Anerbieten aus, weil er nicht wisse, wie weit sich diese Lehrfreiheit erstrecken werde, und er auf keinen Fall andern einen Anstoß geben wolle. S. starb 21. Febr. 1677 an der Schwindsucht. Ihm ward 14. Sept. 1880 im Haag ein Denkmal errichtet. Die Hauptquelle über sein Leben ist die freilich sehr befangene Biographie von Colerus (holländ. 1698; franz. 1706; deutsch 1733; neue Ausg. in dem von Ginsberg herausg. «Briefwechsel des S.», Lpz. 1876); außerdem haben es Lucas (Amsterd. 1719), Diez (Dess. 1783), Philipson (Braunschw. 1790) und Saintes (Par. 1842) beschrieben, am besten Kuno Fischer (Geschichte der neuern Philosophiev, 3. Aufl., Bd. 1, Abteil. 2, Münch. 1880). Von seinen Schriften hat S. selbst nur zwei herausgegeben: Renati Cartesii principia philosophiae (1663), wozu die Cogitata metaphysica den Anhang bilden, eine Darstellung der Cartesianischen Philosophie, und den Tractatus theologico-politicuso (1670), in welchem er den Begriff der Offenbarung, sowie den Ursprung und die Authentie der Bücher des Alten Testaments einer Kritik unterwirft und die Denkfreiheit egenüber der positiven Religion verteidigt, weil Philosophie und Religion zwei ganz heterogene Dinge seien. Viele Sätze, welche der Rationalismus des 18. Jahrh. geltend machte, finden sich hier schon bestimmt ausgesprochen. Nach seinem Tode gab der Arzt Ludw. Meyer seine Opera posthumav (1677) bloß mit der Bezeichnung B. d. S. heraus. Sie enthalten außer einer hebr. Grammatik das Hauptwerk des S., die Ethica ordine geometrico demonstratao, den Tractatus politicuso, die Abhandlung De intellectus emendationes, die beiden letztern unvollendet, und eine Anzahl sehr wertvoller Briefe. Vollständige Sammlungen seiner Schriften besorgten Paulus (2 Bde., Jena 1802—3), Gfrörer (Stuttg. 1830) und Bruder (3 Bde., Lpz. 1843—46); die beste, welche auch den erst im 19. Jahrh. entdeckten sog. «Tractatus brevis umfaßt, ist die von van Vloten und Land besorgte (2 Bde., Haag 1882 u. 1883). Die Lehre des S. hat auf die Gestaltung der deutschen Philosophie nach Kant einen großen Einfluß geübt, und S. hat das Schicksal gehabt, in neuerer Zeit ebenso urteilslos gepriesen und bewundert zu werden, als er früher verdammt und verketzert wurde. Sein System ist ein Pantheismus, der auf der Konsequenz beruht, mit welcher S. den Cartesianischen Begriff der Substanz geltend gemacht, und dessen Gestaltung durch den Cartesianischen Dualismus Ral, 3. Denken und Ausdehnung bedingt ist. Vgl. H. Ritter, «über den Einfluß des Cartesius auf die Ausbildung des Spinozismuso (Opz. 1816); Sigwart, «über den Zusammenhang des Spinozismus mit der Cartesianischen Philosophies (Tüb. 1816). Der Mittelpunkt des Systems ist der Satz: Es gibt nur eine unendliche Substanz (Gott) mit unendlichen Attributen, von denen der Mensch nur zwei, nämlich das Denken und die Ausdehnung, erkennen kann. Aus der Unendlichkeit der einen Substanz muß Unendliches auf unendliche Weise folgen, und zwar mit Notwendigkeit, daher der Zweckbegriff vollkommen wegfällt und unter die Vorurteile des menschlichen Verstandes gerechnet wird. Gott oder die eine, unteilbare Substanz ist die innere (immanente), nicht äußere (transiente) Ursache alles dessen, was ist und geschieht: frei, insofern sie nur nach den Gesetzen der eigenen Natur handelt; die Welt ist die Selbstdarstellung Gottes, die keine andere sein kann, als sie ist. Das Endliche ist eine beschränkte, begrenzte Modifikation der Attribute Gottes, die Körper des Attributs der Ausdehnung, die Geister des Attributs des Denkens. Die Frage, wie die Endlichkeit in das Unendliche komme, berührt S. gar nicht: die einzelnen endlichen Dinge werden einfach empirisch angenommen. Zwischen den Modifikationen des Denkens und der Ausdehnung besteht kein ursachlicher Zusammenhang, sondern ein vollkommener Parallelismus, darin Cubitunn daß beide Attribute einer und derselben ubstanz angehören. Jedes endliche Ding kann daher auf doppelte Weise angesehen werden, teils insofern es in andern endlichen Modifikationen desselben Attributs gegründet ist, teils insofern es eine Modifikation der unendlichen Substanz ist. Die erstere Art der Erkenntnis ist unangemessen (inadäquat), die zweite, welche die Dinge unter dem Gesichtspunkte ihrer Ewigkeit (sub specie aeternitatis) auffaßt, ist adäquat, die eigentlich philosophische, welche in allen den mannigfaltigen Gestalten des Unendlichen immer dieses selbst erkennt. Der Geist (mens) ist die Gesamtheit der Modifikationen der denkenden Substanz, welche der Reihe der Veränderungen eines modus der ausgedehnten Substanz, nämlich dem menschlichen Leibe, entsprechen; Begehrungen, Neigungen, Affekte und Leidenschaften sind Darstellungen der Natur des Geistes, der wie jedes andere Ding sich in seinem Sein und Wirken zu erhalten strebt. Was diesem Streben angemessen ist, ist gut, was ihm zuwiderläuft, ist übel und bös; die erste Tugend ist, sich in seinem Sein erhalten. Das, was dem Wesen des Geistes am angemessensten ist, ist das Erkennen; die höchste Tugend ist daher die Erkenntnis Gottes, d. h. der Einheit alles Unendlichen. Liebe ist die Freude über unser eigenes Wohl, insofern dieselbe von dem Gedanken an etwas außer uns als dessen Ursache begleitet wird. Seligkeit ist nicht der Lohn der Tugend, sondern diese selbst, und nicht deshalb sind wir selig, weil wir unsere Affekte bändigen, sondern dadurch, daß wir selig sind, wird es uns möglich, unsere Affekte zu bändigen. Die Liebe zu Gott ist der Ausdruck des Wohlgefühls, das uns aus seiner Erkenntnis zuwächst. Eigentlich ist die Liebe des Menschen zu Gott die unendliche Selbstliebe, womit Gott sich selbst liebt, nicht insofern er unendlich ist, sondern insofern er sich in der Form des menschlichen Geistes darstellt. Mit vollkommener Deutlichkeit tritt der Mangel jeder von der Begehrung unabhängigen Bestimmung über den sittlichen Wert oder Unwert des Wollens in der Rechtslehre des S. hervor. Macht ist ihm Recht; jeder hat so viel Recht, als er Macht hat; was auch immer jeder nach den Gesetzen seiner Natur thut, thut er kraft seines Rechts, und Verträge und Versprechungen sind nur so lange gültig, als der, welcher sie brechen kann, es seinem Vorteile angemessen findet, sie nicht zu brechen. Der Staat ist daher dem S., wie dem Hobbes, nur der Notbehelf gegen die Nachteile, welche der uneingeschränkte Gebrauch seines natürlichen Rechts bei der Feindseligkeit der Menschen untereinander für jeden Einzelnen, der allemal schwächer ist als die Gesamtheit der übrigen, herbeiführen würde; nur daß S. nicht, wie Hobbes, eine unbedingte Unterwerfung unter die Macht im Staate verlangt, sondern die letztere davor warnt, den Gesamtvorteilen der ihr Unterworfenen entgegenzutreten, weil sie in diesem Falle von ihrem natürlichen Rechte Gebrauch zu machen sich veranlaßt finden werden. Durch die leidenschaftslose Ruhe seiner Darstellung, durch die Freiheit von aller Rhetorik, durch die nüchterne „urch den scheh mit welcher er seine Sätze hinstellt, durch den scheinbar enggeschlossenen Zusammenhang seiner Beweise, endlich durch die großartige Resignation, mit welcher er die Dinge und Ereignisse nimmt, wie sie sind, und in alledem, was ist und geschieht, eine Reihe von Naturerfolgen sieht, an denen sich nichts ändern läßt und über deren Wertunterschiede sich u härmen für den denkenden Menschen sich nicht r Mühe lohne, machte S. auf sehr ausgezeichnete Geister bedeutenden Eindruck, erfuhr aber auch ebenso rücksichtlich seines sittlichen Standpunktes wie in Beziehung auf die Haltbarkeit seiner theoretischen Lehrmeinungen gründliche Kritiken. l. f. R Jacobi, «über die Lehre des S. in Briesen an Mendelssohno (Bresl. 1785, neue Aufl. 1789, und in Jacobis „Schriftenv, Bd. 4); Herder, „Gott, einige Gesprächer (Gotha 1787), ein Versuch, die Lehre des S. der des Leibniz zu nähern; Sigwart, «Der Spinozismus historisch und philosophisch erläuterto (Tüb. 1839); K. Thomas, „S. als Metaphysikers (Königsb. 1840); van der Linde, S., seine Lehre und deren erste Nachwirkungen in Hollando (Gött. 1862); van Vloten, Baruch d'Espinoza, zyn leven en schrifteno (Amsterd. 1862); Kuno Fischer, „Geschichte der neuern Philosophier (3. Aufl., Bd. 1, Abteil. 2, Münch. 1880); Th. Camerer, „Die Lehre S.sv (Stuttg. 1877). Von besonderer Wichtigkeit für das Verständnis des S. und die nähere Einsicht in die Perioden seines Bildungsganges ist der neu aufgefundene Tractatus de Deo et hominen geworden (herausg. von Vloten, Amsterd. 1862; deutsch von Sigwart, Tüb. 1870). Vgl. darüber Sigwart, «S.s neuentdeckter Traktato (Gotha 1866), und Trendelenburg, «über die aufgefundenen Ergänzungen zu S.s Werkene in den «Histor. Beiträgen zur Philosophies (Bd. 3, Berl. 1867). Eine deutsche übersetzung von S.s Sämtlichen Werkend (5 Bde., Stuttg. 1841; 2. Aufl., 2 Bde., Stuttg. 1871) besorgten Berthold Auerbach (s. d.), der das Leben S.s auch zum Gegenstande eines Romans (Spinozav, 6. Aufl., 2 Bde., Stuttg. 1871) wählte, und Kirchmann (Philos. Bibliotheko, Lpz. 1868 fg).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 85Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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