FeedSpiritusfabrikation
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Spiritusfabrikation, höchst wichtiger Industriezweig, dessen Produkt, der Alkohol, zum bei weitem größten Teil zur Bereitung des Branntweins dient. Die S. wird in Deutschland nur vereinzelt als selbständige Großindustrie betrieben; sie ist vielmehr in den meisten Fällen ein landwirtschaftliches Gewerbe, welchem die Aufgabe zufällt, die auf dem eigenen Boden erzeugten Stoffe in eine verkaufsfähige Ware, unter Gewinnung eines höchst wertvollen Nebenprodukts, der Schlempe, umzuwandeln. In der Erzeugung dieses Nebenprodukts liegt die eigentliche wirtschaftliche Bedeutung der S., insofern als die Schlempe ein wichtiges Nahrungsmittel für Milchtiere ist, wodurch es den mit S. verbundenen Gütern ermöglicht wird, eine verhältnismäßig große Zahl von Tieren zu halten, die die genossene Schlempe in Milch und Fleisch umwandeln und außerdem in ihren Entleerungen reichliche Mengen von Dünger liefern, wodurch wieder das Ertragsvermögen des Ackers gesteigert wird. Dazu kommt noch, daß das für unsere Verhältnisse wichtigste Rohmaterial, die Kartoffel, auch auf Bodenarten gedeiht, welche für den Anbau von Körnerfrüchten wenig geeignet sind, die aber durch die reichliche Zufuhr von Dünger und durch die mit der Kultur der Kartoffel innig verknüpfte Bearbeitung in ihrer Beschaffenheit so verbessert werden, daß sie auch zur Produktion von Korn verwendbar werden. Die S. ist daher in staatswirtschaftlicher Beziehung von großer Wichtigkeit; die östl. Provinzen Deutschlands mit ihrem armen Sandboden verdanken 910 zum großen Teil ihren Wohlstand. Als Rohmaterial können in der S. alle Stoffe dienen, welche gärungsfähigen Zucker enthalten, oder deren Bestandteile auf geeignete Weise sich in Zucker umwandeln lassen. In technischer Beziehung von Wichtigkeit sind, außer den Kartoffeln, die verschiedenen Körnerarten, der Roggen, Mais, Durrha, die Melasse der Zuckerfabriken, das Obst und Abfälle der Weinbereitung. Die technische Bedeutung dieser Rohstoffe erhellt aus folgenden Zahlen. Die höchste Produktion anSpiritus hattenwit in Deutschland im Jahre 1881/82 mit einem Gesamtertrage von 4200000 hl von 100 Proz., davon wurden 3900 000 hl aus Kartoffeln, 150000 hl aus Getreide, 167 000 hl aus Weintrestern, 17 200 aus Obst hergestellt. (gl. Brennerei.) Die Ausführung der S. ist eine verschiedene, je nach der Art des verarbeiteten Rohmaterials und je nach dem in den einzelnen Ländern eingeführten Modus der Steuererhebung. Letztere bringt es mit sich, daß in Deutschland auf ganz andere Weise gearbeitet werden muß, als in England, dort wieder anz anders als in Frankreich, Österreich u. s. w. Im deutschen Spiritussteuerverbande, welcher die sämtlichen deutschen Länder, mit Ausschluß von Bayern, Württemberg und Baden umfaßt, ist die seit 1820 in Preußen bestehende Besteuerung der jedesmaligen Benutzung des Gärraums eingeführt. Da hierbei ganz gleiche Steuer gezahlt wird, gleichviel ob aus dem Gärraum eine hohe, oder eine geringe Ausbeute erzielt wird, so liegt es im Interesse der Fabrikanten, durch Auswahl von passendem Rohmaterial und durch eine entsprechende Betriebsweise den Ertrag aus einem gegebenen Volum des Gärraums möglichst hoch zu steigern. In Ssterreich wird gegenwärtig die Steuer nach der Menge des erzeugten Fabrikats, ohne Rücksicht auf dessen Qualität, bemessen. Dort fallen also alle die Rücksichten, welche der deutsche Fabrikant zu nehmen hat, fort, der österr. Fabrikant hat dagegen seinen ganzen Fleiß und seine Aufmerksamkeit auf die Erzielung eines möglichst wertvollen Produktes zu verwenden, da das minder wertvolle eine gleiche Steuer zu tragen hat. Ähnliche Verschiedenheiten finden sich auch in den übrigen Ländern, und deshalb wird das gleiche Gewerbe oft an zwei, nur durch eine Landesgrenze getrennten, benachbarten Orten auf ganz verschiedene Weise betrieben. Bei der Verarbeitung von Kartoffeln nach der in Deutschland üblichen Methode werden die Kartoffeln zunächst in eigenen Waschmaschinen von anaftender Erde und Steinen befreit und nach dem Vaschen gedämpft und zerkleinert. Bis 1871 erfolgte das Dämpfen in hölzernen Fässern, in welche, nachdem sie mit gewaschenenKartoffeln gefüllt waren, so lange Dampf eingelassen wurde, bis die Kartoffeln ar waren; die Zerkleinerung wurde durch Zerquetchen mittels eiserner Walzen vorgenommen. Eine andere Methode wurde in dem angegebenen Jahre von Hollefreund zuerst in Pest gezeigt. Nach dieser werden die Kartoffeln in einem starken eisernen Gefäße einem Damfdruck von drei bis vier Atmosphären ausgesetzt. Ist dieser Druck erreicht, so wird er plötzlich durch Sffnen eines Abblaseventils beseitigt, infolge dessen wird das in den Zellen der Kartoffeln eingeschlossene, auf eine Temperatur von 140 bis 150 C. erhitzte Wasser fast momentan in Dampf von gewöhnlicher Spannung verwandelt. Die fast explosionsartig erfolgende Dampfbildung erreißt dabei alle Zellen und macht das in denselben eingeschlossene Stärkemehl frei und zertrümmert den Bau jedes Körnchens auf das vollständigste. Hollefreunds Erfindung, der es an Reklame nicht fehlte, machte das größte Aufsehen und würde zu weitgehendster Bedeutung gelangt sein, wenn nicht wenige Jahre später, 1874, ein schles. Gutsbesitzer Henze, unter Beibehaltung desselben Prinps, das Verfahren und den dazu erforderlichen pparat ungemein vereinfacht und dasselbe der allgemeinen Benutzung preisgegeben hätte. Der jetzt in jeder größern Brennerei sich findende helter, Dämpfer besteht aus einem konischen Beälter, in welchem die Kartoffeln dem Dampfdruck ausgesetzt werden. Unter dem vollen Druck des Dampfes wird schließlich ein in der Spitze des abwärts gerichteten Kegels befindliches Ventil geöffnet, wodurch die Kartoffeln unter dem vollen Dampfdruck durch ein Ausblaserohr in den Maischbottich getrieben werden. In dem Moment, wo die Kartoffeln das Ausblaserohr verlassen, erfolgt die Dampfbildung und damit das Zerreißen der Zellen. Bei dieser Dampfbildung verlieren die Kartoffeln zugleich eine erhebliche Menge von Wasser, und es kommt somit ein ergiebigeres Rohmaterial zu weiterer Verarbeitung. Um die Verdunstung des Wassers zu fördern und darheien eine Abkühlung der heißen Kartoffelmasse herbeizuführen, läßt man dem ausblasenden Kartoffelbrei einen starken, durch einen Dampfstrahlexhaustor angesogenen Luftstrom entgegentreten. In der Maischmaschine von ähnlicher Konstruktion, wie sie im Artikel &Bierobeschrieben und abgebildet ist, befindet sich das zur Verzuckerung des Stärkemehls erforderliche Malz, welches vorher Daden st Man rahne und mit Wasser angerührt worden ist. Man rechnet dabei Kartoffeln durchschnittlich 3 g Grünmalz. (S. Malz.) Bei genügender Zerkleinerung der Kartoffeln erfolgt die Verzuckerung des Stärkemehls durch die Diastase (s. d.) rasch und . Bieten bei einer Maximaltemperatur von 60“ C. Diese Temheratur ist nicht zu überschreiten, da bei benden ärmegraden das m Dertrin vom entstehenden Zucker (Maltose) zum Dextrin ein ungünstigeres und da bei 75 C. die Diastase ganz unwirksam wird. Zur exaktern Regelung der Temperatur sind die meisten der neuern Maischmaschinen mit Kühlvorrichtungen versehen. Die heiße Maische ist auf die Gärtemperatur von 15 C. herabzukühlen. Dazu dienen die verschiedensten Vorrichtungen; das Kühlschiff, der Lawrence-Kühler, die im Artikel Biers sich finden, und viele andere, bei denen meist die Wärme der Maische auf Wasser übertragen wird. Die Gärung wird immer durch Zusatz von Kunsthefe (s. d.) eingeleitet. Der Zucker wird dabei der Hauptmenge nach in Alkohol und Kohlensäure zerlegt. (S. Gärung.) Dieser Zersetzungsprozeß ist mit dem Freiwerden einer namhaften Menge von Wärme verknüpft und es steigert sich die Temperatur bei konzentrierten Maischen auf 30 bis 33 C. Um die Gärung nicht allzu lebhaft werden zu lassen, regelt man die Temperatur während der Hauptgärung durch in den Gärbottich eingehängte Kühlröhren, in welchen kaltes Wasser cirkuliert. Nach beendigter Hauptgärung fügt man, wenn sehr konzentrierte Maischen verarbeitet werden, zweckmäßig kaltes Wasser zu, um den prozentischen Alkoholgehalt der Flüssigkeit zu verringern. Dies geschieht, weil der von der Hefe produzierte Alkohol, sobald seine Menge ein bestimmtes Maß übersteigt, gärungshemmend auf die Hefe wirkt, wodurch die vollständige Vergärung des noch vorhandenen Zuckers verhindert werden würde. Nach beendeter Gärung ist der in der weingaren Maische enthaltene Alkohol durch Destillation soweit wie möglich vom Wasser und fremden flüchtigen Stoffen, sowie von den nicht vergärbaren Teilen der Maische zu trennen. Dies geschieht in Destillierapparaten, von denen zwei Haupttyven in dem Artikel Destillation beschrieben und abgebildet sind. Der nicht flüchtige Anteil der Maische, der Destillationsrückstand ist die Schlempe, welche als Viehfutter verwertet wird. Vgl. Märcker, „(Handbuch der S. » (4. Aufl., Berl. 1886); Stohmann, Artikel 4Alkohol » in Stohmann und Kerl, (Encyklopädisches Handbuch der technischen Chemie (Muspratt, 4. Aufl., Braunschw. 1886), Stammer, „Die Branntweinbrennereiv (Braunschw. 1875); Bersch, Die S. und Hefenbereitungo (Berl. 1881). Wegen des hohen Ertrags, welchen die S. gewährt, beabsichtigte die deutsche Reichsregierung, dieselbe zu monopolisieren. Der von den verbündeten Regierungen im März 1886 dem Reichstage vorgelegte Entwurf eines Branntweinmonopols enthielt folgende wesentliche Bestimmungen: Sämtlichen Rohbranntwein des Inlandes bezieht das Reich von den Herstellern; dem Reiche ausschließlich gebührt die Reinigung, die Weiterverarbeitung und der Verkauf von Branntwein, ingleichen der Bezug ausländischer Branntweine. Die Branntweinbereitung der vorhandenen Brennereien ist auf das bisher bereitete Quantum beschränkt; die Neuerrichtung von Brennereien bedarf der Erlaubnis. Das Reich übernimmt den abgelieferten Branntwein nach einem bestimmten Tarif, von Kartoffelbrennereien zum Preise von 30 bis 40 Mark für das Hektoliter reinen Alkohols und verkauft den ordinären Trinkbranntwein zum Preise von 2 bis 3 Mark für das Liter reinen Alkohols. Dieser Entwurf wurde indes vom Reichstage, entsprechend dem Antrage der Kommission, mit großer Majorität abgelehnt. Darauf legten die verbündeten Regierungen im Mai 1886 einen Gesetzentwurf vor, welcher eine erhöhte Besteuerung des Branntweins in Form einer Verbrauchsabgabe enthielt. Auch dieser Entwurf wurde vom Reichstage abgelehnt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 90Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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