Sprachstörungen im engern Sinne die Störungen des Vermögens, sich in Wort und Schrift korrekt zu äußern; im weitern Sinne auch die Störungen der Geberdensprache. Die Störungen der Lautsprache betreffen teils die Artikulation, teils die Diktion. Bei den Störungen der Artikulation leidet die Fähigkeit, die Muskelbewegungen, welche zur Hervorbringung von Einzellauten, Silben und Wörtern dienen, zweckmäßig (insbesondere geordnet) auszuführen; es liegen hier vielfach Fehler der äußern Sprachwerkzeuge (Kehlkopf, Mundhöhle etc. und ihre Muskeln) zu Grunde, teils krankhafte Zustände der zugehörigen Nerven und der Nervencentren, insbesondere des Gehirns. Bei den Störungen der « Diktion » leidet die Fähigkeit, für eine gegebene Vorstellung das richtige, d. i. übliche Wort zu gebrauchen, sowie die betreffenden Worte grammatisch zu formen und syntaktisch zu gliedern. Hier liegt stets ein Leiden des Gehirns, insbesondere der den geistigen Verrichtungen dienenden Teile desselben vor. Störungen der Artikulation sind das Stottern „Stammeln, Lallen u. s. w. Störungen der Diktion finden sich bei den unter der Bezeichnung Aphasie zusammengefaßten Erscheinungen. „(Auch kommen Mischformen von schwerern Diktions „Hund Artikulationsstörungen vor.) Besonders wichtig für die Erforschung der psychol. Vorgänge beim Sprechen sind die mediz. Erfahrungen über die verschiedenen Formen der Aphasie. Man unterscheidet hier gegenwärtig (abgesehen von einigen seltenen deshalb nicht speziell aufgeführten Varietäten): 1) Die amn estische phasie, das Unvermögen der Erinnerung der Wörter ihrem Klange nach. Dem amnestisch Aphasischen fällt z. B. beim Anblick eines Gegenstandes das hierfür gebräuchliche Lautwort nicht ein; wird es ihm vorgesagt, so kann er es aber nachsprechen, sofern nicht noch andere S. vorliegen; 2) die ataktische Aphas ie. Dem Kranken schweben im Bewußtsein die Wörter ihrem Laute nach richtig vor, er findet aber nicht die zur lauten Außerung führenden willkürlichen Bewegungsimpulse (übergang zu den Artikulationsstörungen). 3) Die sensorische Aphasie (Worttaubheit) besteht in dem Unvermögen, gesprochene Worte bei gutem Gehör und im allgemeinen guter Intelligenz ihrem Sinne nach zu verstehen. 4) Die Paraphasie, krankhaftes Sichversprechen, Gebrauch entstellter Worte oder solcher, die den richtigen Sinn nicht wiedergeben. Allen den angeführten Formen von Störungen der Lautsprache, welche jede für sich allein vorkommen können, indes meist sich kombinieren, entsprechen solche der Schriftsprache. Insbesondere entspricht hier der Aphasie die Agraphie, von welcher man wieder eine amnestische, ataktische u. s. w. Form unterscheidet. Die Unfähigkeit, bei gesunden Augen und guter Intelligenz Geschriebenes dem Sinne nach zu verstehen, wird als Schriftblindheit (sensorische Agraphie) bezeichnet. Die Störungen der Laut- und Schriftsprache können unabhängig voneinander vorkommen; die Fähigkeit zu schreiben ist also unabhängig von der zu sprechen, sodaß auch für beide getrennte seelische Apparate bei Benleh: sein müssen. — Aphasie hat man häufig bei Verletzung sehr wenig ausgedehnter Abschnitte der Großhirnoberfläche gefunden; insbesondere ührt, wie Broca zuerst beworgehoben, häufiger erletzung der dritten Stirnwindung (Brocasche Windung) der linken Seite zu Aphasie. Man hat hieraus geschlossen, daß diese Windung das pfychische«Centrum der Spracheventhalte. Indes haben neuere Untersuchungen ergeben, daß nur die ataktische Aphasie annähernd regelmäßig bei Verletzung dieser Windung vorkommt, während die andern Formen der Aphasie sich häufig bei Zerstörung weit entfernter Teile des Gehirns finden (Worttaubheit bei Zerstörung der linken Schläfenwindungen). Bei linkshändigen Personen führt häufiger Zerstörung der rechten dritten Stirnwindung zu Aphasie. Es ist demnach in der Regel nur eine Hemisphäre des Gehirns der Ausgangspunkt der beim Sprechen stattfindenden Willensimpulse. Wird diese Hemisphäre in Din zur Sprache in näherer Beziehung stehenden Teilen zerstört (durch Blutung, Blutgefäßverstopfung und andere Erkrankungen), so tritt so lange Aphasie ein, bis sich die andere Hemisphäre auf die entsprechenden Funktionen eingeübt hat. So erklärt man wenigstens die Wiedererlangung des Sprachvermögens nach länger dauernder Aphasie, trotz Fortbestehens der ursächlichen Zerstörungen im Gehirn. Bei der ärztlichen Behandlung der Aphasie ist, abgesehen von den durch die Natur der Krankheit gegebenen Heilanzeigen, besonders methodischer Sprachunterricht von Bedeutung. Eine tiefere Störung der Intelligenz braucht bei Aphasie nicht vorhanden zu sein, wenn sie auch oft genug (wie andere Symptome von Hirnkrankheiten, Lähmungen u. s. w.) daneben vorkommt. Gebildete Kranke haben nach der Heilung behauptet, während ihres aphasischen Zustandes zu komplizierten geistigen Operationen fähig gewesen zu sein. Indes ist dies nur denkbar bei der ataktischen Aphasie und bei mäßigen Graden derübrigen Formen. Das abstrakte Denken leidet bei hochgradiger amnestischer und sensorischer Aphasie zweifellos not. Vgl. Kußmaul, „Die Störungen der Sprachev (2. Aufl., Lpz. 1881).