FeedStempelschneidekunst
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Stempelschneidekunst oder Stempelglyptik, die Kunst, Figuren und Schrift zur Herstellung von Stempeln in Metall je nach Erfordernis erhaben oder vertieft zu erzeugen. (Vgl. Gravieren.) Hiernach gehören zu den Stempelschneidern auch die Petschaftstecher und Schriftschneider, doch findet die eigentliche Anwendung der S. besonders beim Prägen von Münzen (s. Münze und wesen) und Medaillen (s. Medaille) statt. Als Material der Prägstempel dient hauptsächlich Gußstahl, der entweder in Stangen oder in eigens vorgerichteten konischen Stücken bezogen wird; im erstern Fall werden von der Stahlstange Stücke von entsprechender Größe abgetrennt und durch Schmieden auf die erforderliche Durchschnittsstärke gebracht. Der Stempelschneider entwirft (bossiert) sellung die auf den Stempel zu gravierende Dartellung, indem er auf einer Glas⸗, Holz⸗ oder Schieferplatte gefärbtes Wachs ausbreitet und mit einem hölzernen Griffel die Zeichnung in allen ihren Details ausführt. Um ein vertieftes Muster zu erhalten, gießt der Graveur von der Bossierung die Hohllem in Gips ab, 4½57 ihm für erhabene Arbeit ohne weiteres die Bossierung als Vorlage dient. Das durch Ausglühen möglichst weich gemachte und zu der entsprechenden Form ab edrehte Stahlstück wird auf dem Arbeitstisch durch Schrauben in einer Büchse befestigt, worauf der Umkreis der Münze oder Medaille auf der vollkommen eben abgedrehten Bildfläche eingeritzt und auf dieselbe die Contour der Zeichnung mittels der Radiernadel übertragen wird. Der Stempelschneider fängt gewöhnlich seine Arbeit damit an, daß er die Zeichnung mittels verschiedener Arten von Grabsticheln im Relief ausarbeitet. Bei Gravierungen in der Tiefe wird mit den am seichtesten herzustellenden Teilen begonnen, die der Künstler aus freier Hand mittels des Grabstichels herausschneidet; die tiefen Partien werden mit Meißel und Hammer ausgeschlagen. Wenn die Arbeit bis zu einem gewissen Grade gediehen ist, wird der Stahl gehärtet, eine Operation, die infolge der verhältnismäßigen Dicke des Stahlkörpers und da die Gravierung sorgfältig geschont werden muß, bedeutenden Schwierigkeiten unterliegt, und dann in ein ähnlich geformtes weiches Stahlstück mittels eines kräftigen Prägwerks eingedrückt, wodurch man eine erhabene Reproduktion des Bildes, eine Patrize, erhält, die durch Abprägen in Stahl einen vertieften Stempel, eine Matrize, liefert. Man kann die Matrize sofort zur Verfertigung von Münzen, Medaillen u. s. w. gebrauchen, sofern nicht eine zu große Anzahl derselben geprägt werden soll. Andernfalls stellt man durch Abprägen der Matrize ein zweites, mit der Originalgravierung übereinstimmendes Stahlrelief dar, welches weiter ausgearbeitet, dann gehärtet und nach Bedarf zur Herstellung der eigentlichen (vertieften) Prägstempel benutzt wird, welche in allen Details fertig ausgearbeitet, mit Um⸗ und Inschrift, sowie mit Verzierungen, meist durch Anwendung von Bunzen, versehen werden. An diesen werden die breiten Vertiefungen mit kleinen gekrümmten Feilen (Riffelfeilen) geglättet; die letzte Vollendung gibt man jedoch allen Teilen, welche durch den Grabstichel nicht glatt genug ausfallen, mittels kleiner Olschleifsteine, die wie ein Bleistift gehalten werden und denen man durch Wetzen auf einem Sandstein die angemessene Form erteilt. Schließlich erhält der Stempel auf der Drehbank seine definitive Gestaltung und wird durch nochmaliges Härten, sowie durch vollkommenes Polieren der ebenen Flächen vollständig zum Prägen vorgerichtet. Neuerlich wird das Gravieren von Prägstempeln, namentlich zur Verfertigung von Medaillen, oft mit Hilfe sog. Kopiermaschinen (s. d.) vorgenommen, welche, auf dem Prinzip des Panto-Maßtat beruhend, das in etwa fünffach größerm Majßstab in weichem Metall oder Masse hergestellte Exemplar abprägen und zugleich verkleinern. Die ältesten erhalten gebliebenen Münzstempel sind römische aus dem 2. Jahrh. der christl. Zeitrechnung; sie sind aus gehärtetem Stahl verfertigt, mit einer Art Zwinge eingefaßt und in einen Erz- oder Eisenkegel eingelassen. Dagegen scheint die ungemeine Mannigfaltigkeit der Stempel bei griech. Münzen, welche in derselben Stadt und in demselben Jahre ausgegeben wurden, zu beweisen, daß die Griechen das Härten für ihre Münzstempel nicht anwendeten, sondern sich bloß eines weichen Metalls bedienten, das unter den Hammers chlägen des Arbeiters sich sehr schnell abnutzte. Übrigens kann man nur aus den Münzen selbst auf das Mamen der griechischen S. schließen. Die ältesten Münzen aben auf der Vorderseite ein erhöhtes Bild zur ezeichnung der Stadt oder der Regierung, welche die Münze prägen ließ, und auf der Rückseite ein mehr oder minder vertieftes Viereck, das, wie man meint, von einem die Münze beim Prägen festhaltenden Vorsprung eingedrückt wurde. Das Münzbild Aginas, der ersten Stätte des Münzprägens, war die Schildkröte; Teos hatte den Greif, Theben den böotischen Schild, Argos das Vorderteil des Wolfs, Milet den Löwenkopf, Korinth den Pegasus. In dem Verhältnis, in welchem Kunst und Technik sich vervollkommneten, ging man von dieser ursprünglichen Einfachheit ab. Das vertiefte Feld verlor allmählich seine Unförmlichkeit, verschwand später gänzlich und es trat an seine Stelle gleichfalls ein Bild, meist eine ganze Figur von kleinem Verhältnis, Tier oder Symbol, als Seitenstück des auf der Vorderseite abgebildeten Kopfes oder Brustbildes von größern Dimensionen. Die Wahl der Münzbilder (Typen) blieb in jener Zeit dem Ermessen der Künstler, welche für die freien Städte Griechenlands arbeiteten, anheimgestellt und waren stets religiöser oder emblematischer Art. Die Städte Griechenlands und Unteritaliens, vor allem Syrakus, Tarent, Neapel, welche die zierlichsten Münzen prägten, weisen wahre Wunderwerke der S. auf. Die Verfertiger dieser vortrefflichen Münzstempel scheinen, so große Meister sie waren, zu ihrer Zeit nicht zu den Künstlern ersten Ranges gezählt worden zu sein, da die Kunstgeschichtschreiber des Altertums es nicht als der Mühe wert erachtet haben, den Namen eines einzigen von ihnen zu überliefern; doch standen sie wenigstens in solchem Ansehen, daß man ihnen zuweilen gestattete, auf ihren Werken ihren Namen neben denjenigen der verantwortlichen Magistratsperson, obwohl an einer nicht sehr in die Augen fallenden Stelle, zu setzen. Auf den Münzen Siciliens, der großgriech. Städte, von Klazomenä in Jonien, Kydonia auf Kreta u. a., hat man bereits eine ziemlich große Anzahl solcher Namen aus der schönsten Kunstepoche aufgefunden. Die geschicktesten unter denjenigen, von welchen man bezeichnete Stücke besitzt, sind Kimon und Cuänetos, Urheber der wunderbaren syrakusanischen Silbermünzen, der sog. Pentecalitren, welche das Höchste der Münzkunst ausmachen; Eukleides und Parmenides, die ebenfalls für Syrakus arbeiteten; Theodotos, dessen Werke man unter den Münzen von Klazomenä antrifft; Zoilos, der die Stempel ewisser Tetradrachmen des macedonischen Königs erer geschnitten. Alexander d. Gr. ist der erste hrieche, dessen Bildnis, allerdings idealisiert oder Run⸗ den Attributen des Herakles versteckt, als ünztype vorkommt. In den aus Alexanders Weltreich ervorgegangenen Monarchien wurden jedoch die Bildnisse der Herrscher immer individueller, und so bildeten sich die Reihenfolgen königl. Porträts von Macedonien, Agypten, Syrien, Pontus, Bithynien, Pergamos Syrakus, welche den röm. Kaisern zum Muster dienten. Unter der Cäsarenherrschaft wurde dieses Bildnis das vorherrschende Zeichen des Geldwerts. Die Vorderseite des Geldstücks blieb demselben anschen Her während die Rückseite eine dem abgöttichen Respekt vor der absoluten Staatsgewalt entsprechende Darstellung erhielt. Von den in Rom geprägten Münzen sind diejenigen des Augustus bei weitem die vorzüglichsten. WiWerte der Zeit Hadrians gibt es noch einzelne Werke von Derral Schönheit; erst mit den Antoninen wird der Verfall der Kunst sichtbar. Ende des 3. Jahrh. verlieren die Brustbilder alles Relief; die Heuhant wird stümperhaft, die ganze Darstellung platt und so weni charakteristisch, daß die verschiedenen Personen fast nur durch die Umschriften zu unterscheiden sind. Bald nachher tritt völlig der tarre, leblose Stil ein, in dem die byzantin. Münzen gearbeitet sind. Die Gründe, welche den Verfall der Künste im allgemeinen herbeiführten, wirkten auch auf die S. ein. Der übergang von den letzten röm. und byzant. Münzen zu den karolingischen Denaren und 8 den Bracteaten (s. d.) war sehr allmählich; die orbilder zu den letztern gaben die Siegel der kaiserl. und päpstl. Urkunden. Durch die große Fläche der Bracteaten war den Stempelschneidern Raum zu den mannigfaltigsten Verzierungen geboten; aber die Münzen blieben noch ganz barbarisch, nachdem die übrigen Künste schon längst einen Aufschwung genommen hatten. Erst seit dem 12. Jahrh. bemerkt man ein Streben nach gefälligerer Form. Die franz. Tournois, die florent. Liliengülden, die Münzen der Venetianer und Pisaner wurden durch die Weltverhältnisse am bekanntesten und am meisten nachgeahmt. Auf den Goldmünzen Kaiser Friedrichs II. bemerkt man zum ersten mal wieder ein Eingehen auf antike Vorbilder, das jedoch dann wieder lange Zeit ohne Nachfolge blieb. Im 14. Jahrh. zeichnete sich namentlich das reiche Flandern und Brabant durch schöne Münzen aus. Im allgemeinen wurden die antiken Münzen, besonders die röm. Großbronzen, Muster für die neuere S. und namentlich waren es ital. Künstler, die im 15. Jahrh. das Schneiden von Münz⸗ und Medaillenstempeln sorgfältig betrieben. Im 16. Jahrh. erwarb der bolognesische Maler Francesco Francia, der mailändische Goldschmied Caradosso (vgl. Medaille), die Steinschneider Giovanni Bernardi und Valerio Vicentino zugleich als Stempelschneider sich einen angesehenen Namen. Die größte Be-Ceaari, il als solcher erlangte aber Allessandro Cesari, il Greco genannt, welcher für den Papst Paul III. eine Denkmünze arbeitete, die von Michel Angelo außerordentlich gelobt wurde. Zu den Künstlern dieser Epoche gehören noch der Aretiner Leo Leoni, der als Steinschneider und Münzgraveur am Hofe Kaiser Karls V. arbeitete, Jacopo Trezzo und Giovanni Paolo Poggi, die für Philipp II. von Spanien thätig waren. Im 17. Jahrh. thaten sich besonders G. Dupré und J. Varin an den Höfen Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV. in Frankreich, Thomas Simon und N. Briot unter Karl J. und Cromwell in England hervor. Die Kunst, die menschlichen Gesichtszüge lebendig aufzufassen und rappant wiederzugeben, wurde von jenen Münzgraveuren auf eine seltene Höhe der Ausbildung gebracht und ihre Werke sind hinsichtlich des feinen Naturgefühls wie der vortrefflichen Arbeit gleich bewunderungswürdig. Seit Ende des 17. Jahrh. bis auf die neueste Zeit hat sich die Zahl der Stempelschneider zwar sehr vermehrt: ihre Leistungen haben er im allgemeinen eine niedere Stufe künstlerischer Ausbildung. Liebhaber schätzen der leichten, geschmackvollen Behandlung wegen hauptsächlich die Arbeiten von Hedlinger aus S9 Losch in Münen, K. F. Voigt aus Berlin, A. Galle, A. Michaut, rre dem Altern und Depaulit in Paris.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 203Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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