FeedStil
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Stil (vom lat. stilus) oder Styl (vom grch. röhoc, d. i. Griffel) ist ursprünglich ein Begriff der Rhetorik und bezeichnete die Kunst des guten schriftlichen Ausdrucks. Der S. als die durch das Ganze der schriftlichen Darstellung herrschende Art, den Gegenstand aufzufassen und auszudrücken, hängt teils von dem Inhalt und der Bedeutung des Gegenstandes, teils von dem Charakter des Schreibenden oder vielmehr Darstellenden ab. Nur mit dem Charakter bildet sich aus dem selbständigen Urteil über die Dinge die Form ihrer Darstellung, und darauf bezieht sich das berühmte Wort Buffons: „Der S. ist der Mensch selbst. Schon die Alten unterschieden einen niedern, mittlern und höhern S. Die Theorie des S. oder Stilistik ist ein Teil der Rhetorik. Von der Rhetorik hat man sodann den Begriff S. in die Asthetik übertragen, und in diesem Sinne ist er einer der wichtigsten Grundbegriffe der gesamten Asthetik geworden. Man muß in diesem ästhetischen Stilbegriff wesentlich drei Momente unterscheiden. 1).Der S. als Gesetz der verschiedenen einzelnen Kunstarten. Weil jede Kunst in einem andern Darstellungsmaterial arbeitet, schreibt jede Kunst der künstlerischen Auffassungs⸗ und Behandlungsweise ihre ganz bestimmten, nur ihr eigenartig angehörigen, unüberspringbaren Gesetze vor. In diesem Sinne spricht man von architektonischem, plastischem, malerischem, musikalischem, poetischem S.; innerhalb der einzelnen Künste wieder von Steinbau, Ziegelbau⸗, Holzbaustil, von Marmor⸗ und Erzstil, von Freskostil, von Kirchenmusik⸗ und Opernstil, von epischem, dramatischem (tragischem und komischem) Stil re. Rumohr nennt treffend nach dieser Seite den S. das zur Gewohnheit gediehene Sichfügen in die innern Forderungen des Darstellungsstoffs. Das Überspringen der einen Kunstart in die andere, das Vermischen B. des Plastischen mit dem Malerischen, heißt stillos, manieriert. 2). Der S. in seiner geschichtlichen Bedeutung. Weil die Kunst innerster Ausdruck des menschlichen Denkens und Fühlens ist, wandelt sie sich verschieden je nach den verschiedenen menschlichen Entwickelungsstufen, ist bedingt durch Zeit und Grtlichkeit, ist ein Zeugnis der Eigentümlichkeiten der einzelnen Völker und Zeitalter. In diesem Sinne spricht man von einem ägyptischen, griechischen (dorischen, ionischen), römischen, romanischen, gotischen, normannischen, maurischen, italienischen, niederländischen S., Renaissance⸗, Rokokostil re. Nach dieser Seite bezeichnet Rumohr den S. als das in sinnlich künstlerischen Formen verkörperte Empfindungsvermögen einer bestimmten Zeit und Nationalität. 3) Der S. als der Begriff der höchsten künstlerichen Idealität. So wichtig die technischen Forerungen und Bedingungen einerseits und die geschicht ice Einwirkungen andererseits sind, die eigentliche Seele des Kunstwerks ist und bleibt doch die Idee und Empfindung des Künstlers, die nach angemessener, klarer und sinnlich ergreifender Gefa tung ringt. Idee und Form, Gehalt und Getalt müssen um o setpale müssen sich decken. Ein Werk ist um so stilvoller, je freier es ist von ufälligen, der darzustellenden Idee fremden, oft 10 ar widersprechenden Bestandteilen, je reiner und edler der Geist des schaffenden Künstlers darin sich ausprägt. Weil sich je nach den verschiedenen Auffassungsweisen die Behandlungsweise modelt, unterscheidet man strengen (herben), hohen, schönen, anmutigen S. Dagegen spricht man von Manier und Stillosigkeit, wenn die Würde und Weihe der künstlerischen Idee, sei es aus Sucht nach dem Sonderbaren oder aus künstlerischer Unzulänglichkeit, nur verzerrt oder gar nicht zum Ausdruck kommt. Vgl. Semper, «Der S. in den technischen und tektonischen Künsten (Bd. 1 u. 2, Stuttg. 1860—63).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 240Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6