Stolberg (Friedr. Leopold, Graf zu), der Bruder des vorigen, geb. 7. Nov. 1750 in dem holstein. Flecken Bramstedt, ebenfalls Mitglied des Göttinger Dichterbundes, wurde 1776 fürstbischöfl. lubeckischer Gesandter in Kopenhagen. Am 11. Juni 1782 vermählte er sich mit der von ihm mehrfach besungenen Eleonore Agnes, Tochter Adam Levin von Witzlebens, geb. 9. Okt. 1761, gest. 15. Nov. 1788. Im J. 1789 wurde er dän. Gesandter zu Berlin, wo er sich 1790 mit der Gräfin Sophie von Redern vermählte, und im folgenden Jahre Präsident der fürstbischöfl. Regierung zu Eutin. Hierauf bereiste er die Schweiz und Italien, legte 1800 seine Stelle nieder, begab sich nach Münster und trat mit seiner ganzen Familie, bis auf die älteste Tochter Agnes, die sich mit dem Grafen Ferdinand von Stolberg-Wernigerode vermählte, zur röm.⸗kath. Kirche über. Dieser Übertritt erregte um so größeres Aufsehen im prot. Deutschland, je unerwarteter er geschah, indem S. noch kurz zuvor in seinem »Sendschreiben an einen holstein. Kirchspielvogt in Schwedens sich, was er früher nicht gewesen, als einen eifrigen orthodoxen Lutheraner gezeigt. Den schärfsten und bittersten Tadel deshalb hakte er von Joh. Heinr. Voß zu ertragen. Vgl. Schott, Voß und S., oder der Kampf des Zeitalters u. s. w.» (Stuttg. 1820). Seine nachmals herausgegebene (Geschichte der Religion Jesu Christis (15 Bde., Hamb. 1807—18; nebst Register, 1824; fortgesetzt von Fr. Kerz, Bd. 19—45, Mainz 1825—45, und von Brischar, Bd. 46—53, Mainz 1849—64) zeugt durchgehends von der geistigen Befangenheit ihres Urhebers. 4Gedichten, «Schauspiele mit Chöreno und Vaterländische Gedichte gaber mit seinem Bruder gemeinschaftlich heraus. Als Dichter ist S. durch Oden und Lieder, Clegien, Romanzen, Satiren, poetische Gemälde und Dramen, als Prosaist durch seinen Roman-Die Insel⸗ (1788) und durch seine etwas weitschweifige Reise in Deutschland, der Schweiz, Italien und Sicilieno (Königsb. 1794; neue Aufl. von Janssen, 2 Bde., 1877)‚ als übersetzer durch die Jliade, Platos auserlesene Gespräche, vier Tragödien des Aschylos und Ossians Gedichte rühmlichst bekannt. Seine eigenen Gedichte unterscheiden sich von denen seines Bruders durch größere Kühnheit der Gedanken und Bilder. In allen waltet das wärmste Gefühl für Natur, Freundschaft und Freiheit. Ihr Ton ist sehr verschieden, von dem einfachsten Gesange des Liedes bis zum dithyrambischen Schwunge. Seine Jambeno (Lpz. 1784; 2. Aufl., Gotha 1821) sind Strafgedichte über Sittenverderbnis und gelehrte und polit. Vorurteile der Zeit. Sein «Leben Alfreds d. Gr.v (Münst. 1815; 2. Aufl. 1837), das durch seine einleitende Darstellung der angelsächs. Geschichte und durch die gründliche Behandlung des Gegenstandes sich auszeichnet, trägt doch auch deutliche Zeichen religiöser Befangenheit an sich. Er starb auf dem Gut Sondermühlen bei Osnabrück 5. Dez. 1819, nachdem er kurz zuvor Ein Büchlein von der Lieber geschrieben hatte. Seine Werke füllen den größten Teil der angeführten „Werke der Brüder S.v. Ein bisher ungedrucktes Gedicht von ihm: «Die Zukunfto, gab O. Hartwig heraus (Cpz. 1885). Vgl. Nicolovius, Friedrich Leopold, Graf zu S.» (Mainz 1846); Menge, Der Graf Friedrich Leopold S. und seine Zeitgenosseno (2 Bde., Gotha 1862); Wiedel, «Graf Friedrich Leopold S. v (2. Aufl., Frankf. a. M. 1866); Hennes, «Friedrich Leopold Graf zu S. und Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburges (Mainz 1870); derselbe, (Aus Friedrich Leopold von S.s Jugendjahrend (Frankf. a. M. 1876); Janssen, «Friedrich Leopold, Graf zu S.» (2 Bde., Freiburg 1877).