FeedStrauß (David Friedr.)
ReligionBrockhaus 1882

Strauß (David Friedr.), der berühmte Verfasser des Leben Jesubv, wurde 27. Jan. 1808 zu Ludwigsburg in Württemberg geboren und bildete sich zunächst in der Schule seiner Vaterstadt, dann in dem theol. Seminar zu Blaubeuren und in dem theol. Stift zu Tübingen. Nachdem er 1830 Pfarrvikar und 1831 Professoratsverweser am Seminar zu Maulbronn geworden war, ging er noch auf ein halbes Jahr nach Berlin, um Hegelsche Philosophie zu studieren und Schleiermacher zu hören. Er wurde 1832 Repetent am theol. Seminar zu Tübingen, hielt jedoch zugleich philos. Vorlesungen an der Universität. Großes Aufsehen erregte er durchDas Leben Jesu, kritisch bearbeiteto (2 Bde., Tüb. 1835; 4. Aufl. 1840), weil er darin das Ganze der evang. Geschichte als einen Inbegriff von Mythen zu erweisen suchte, die in den christl. Gemeinden des 1. und 2. Jahrh., großenteils nach Maßgabe des alttestamentlich-jüd. Messiasbildes, allmählich entstanden seien. Er suchte damit die Hegelsche Religionsphilosophie in konsequenter Weise durchzubilden, zerstörte aber damit das rechtgläubige Ansehen, welches dieselbe zum Teil an sich trug, und wurde so die Hauptveranlassung für die Parteischeidung in der Hegelschen Schule, welche sich an der religiösen Frage im Verlauf der dreißiger Jahre vollzog. Das Buch von S. rief eine mächtige Bewegung und zahllose Gegenschriften hervor: dem Verfasser selbst ward es verhängnisvoll; denn er wurde infolge desselben seiner Repetentenstelle enthoben und als Lehrer an das Lyceum zu Ludwigsburg versetzt, welches Amt er doch schon 1836 wieder aufgab, um in Stuttgart zu privatisieren und sich zunächst in den «Streitschrifteno (3 Hefte, Tüb. 1837) mit seinen Gegnern auseinanderzusetzen, während er in seinen „Zwei friedlichen Blättern (Altona 1838) seine Sache von der mildern Seite darzustellen suchte. Im Febr. 1839 wurde S. vom Erziehungsrate zu Zürich, hauptsächlich auf Betrieb des Bürgermeisters Hirzel, als Professor der Dogmatik und Kirchengeschichte an die dortige Universität berufen; allein dieser Schritt rief eine Aufregung hervor, welche sich durch die Pensionierung des kaum berufenen Professors nicht mehr beschwören ließ, sondern den Sturz der Regierung 6. Sept. zur Folge hatte. So von neuem auf schriftstellerische Thätigkeit hingewiesen, veröffentlichte S. sein zweites Hauptwerk: «Die christl. Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Entwickelung und in ihrem Kampfe mit der modernen Wissenschaft (2 Bde., Tüb. 1840—41). Als Vorarbeit zu diesem Werke ist die Abhandlung Über Schleiermacher und Daub zu betrachten, welche in seinen «Charakteristiken und Kritiken (Lpz. 1839) abgedruckt ist. Hierauf ließ S. „Der Romantiker auf dem Throne der Cäsaren, oder Julian der Abtrünniges (Mannh. 1847) erscheinen, welche Schrift durch die Streiflichter, die sie auf hochgestellte Persönlichkeit der Gegenwart warf, Aufsehen erregte. Im J. 1848 von seiner Vaterstadt als Kandidat für das deutsche Parlament aufgestellt, unterlag S. dem Mißtrauen, welches die klerikale Partei unter dem Landvolke des Bezirks gegen ihn wachzurufen wußte. Die von ihm bei dieser Gelegenheit gehaltenen Vorträge sind unter dem Titel «Sechs theol.-polit. Volksredeno (Stuttg. u. Tüb. 1848) erschienen. Statt dessen von der Stadt Ludwigsburg in den württemb. Landtag gewählt, zeigte S. wider Erwarten eine konservativpolit. Haltung, die ihm eine Mißfallensadresse zuzog, in deren Folge er im Dez. 1848 sein Mandat niederlegte. Er lebte dann zeitweilig in Stuttgart und namentlich in Darmstadt, und veröffentlichte «*Schubarts Leben in seinen Briefeno (2 Bde. Berl. 1849), «Christian Märklin, ein Lebens⸗ und Charakterbild aus der Gegenwarty (Mannh. 1851), „Leben und Schriften des Dichters und Philologen Nicodemus Frischlin »(Frankf. 1855), Ulrich von Hutten o (3 Bde., Lpz. 1858—60; 2. Aufl. 1871), „(Herm. Sam. Reimarus und seine Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes» (Ipz. 1862) und «„Kleine Schriften biographischen, litterar-und kunstgeschichtlichen Inhaltsv (Lpz. 1862), denen sich später eine zweite Sammlung (Berl. 1867) anschloß; endlich die für die damalige Prinzessin (nachmalige Großherzogin) Alice von Hessen gearbeitete und ihr gewidmete, meisterhafte Monographie «Voltaire. Sechs Vorträge » (Lpz. 1870; 3. Aufl. 1872). In allen diesen Arbeiten wetteifert mit der Gediegenheit der Forschung und der Beherrschung des Stoffs der Glanz der Darstellung. S. zählt zu den besten deutschen Prosassten. Als 1863 Renans Leben Jesur erschien, ließ S. eine Neubearbeitung seines ersten Hauptwerks Das Leben Jesu für das deutsche Volk bearbeiteto erscheinen (1. u. 2. Aufl., Lpz. 1864; 3. Aufl. 1874), welche bald in mehrere fremden Sprachen übersetzt wurde. An der weitern, polemisch bewegten Litteratur über das Leben Jesu beteiligte sich S. unter anderm mit der Schrift »Der Christus des Glaubens und der Jesus der Geschichtes (Berl. 1865), die gegen Schleiermachers Leben Jesup, und einer zweiten, Die Halben und die Ganzen» (Berl. 1865), welche gegen Schenkel und Hengstenberg gerichtet war. Um dieselbe Zeit erschien auch sein geistvoller Vortrag über „Lessings Nathan der Weisen Berl. 1865; 2. Aufl. 1867). Sein letztes Werk rief, wie sein erstes, eine gewaltige Bewegung hervor: es war „Der alte und der neue Glaube. Ein Bekenntniso (I. bis 7. Aufl., Lpz. 1872—74). Dies Werk liefert den Beweis, daß S. ebenso wie 30 Jahre zuvor Ludwig Feuerbach aus dem Hegelschen Lager in dasjenige des Materialismus übergegangen war. Es gibt teils eine Polemik gegen die religiöse Weltanschauung, teils den Aufbau einer materialistischen Welt- und Lebensbetrachtung. Dieselbe stützt sich auf die Thatsachen und Theorien der Naturwissenschaft, schließt sich namentlich der Darwinistischen 1 Trottes an und setzt an die Stelle des religiösen Trostes den ästhetischen Optimismus, welcher in der künstlerischen Produktion und dem künstlerischen Genuß die Erhebung über die Leiden der Wirklichkeit findet. Der Flut von Erwiderungen, welche auch dies Buch fand, setzte S. ein Nachwort als Vorworto (Bonn 1873) entgegen. D Sept. 1872 war er von Darmstadt in seine aterstadt Ludwigsburg übergesiedelt; er starb dort 8. Febr. 1874 an einem Magenleiden. Bald nach seinem Tode wurde unter Redaction seines Freundes E. Zeller die Herausgabe seiner gesamten Werke begonnen, welche unter Ausschluß der spezifisch theol. und dogmatischen Schriften neben seinen Hauptwerken besonders die von ihm hinterlassenen „Litterarischen Denkwürdigkeiten» und die formvollendeten Gedichtes enthalten (David Friedrich S. gesammelte Schriften, nach des Verfassers letztwilliger Bestimmung zusammengestellt o, 12 Bde., Bonn 1875—77). S. war vermählt mit der Sängerin Agnese Schebest (s. d.). Vgl. E. Zeller, «David Friedrich S. in seinem Leben und seinen Schriften geschilderto (Bonn 1874); Lang, «David Friedrich S.» (Lpz. 1874); Reuschle, «Philosophie und Naturwissenschaft, zur Erinnerung an David Friedrich S.» (Bonn 1874); Hausrath, David Friedrich S. und die Theologie seiner Zeito (2 Bde., Heidelb. 1876—78); Gottschall, «David S. (in «Porträts und Studien », Bd. 6, Opz. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 295Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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