Baur (Ferd. Christian), ausgezeichneter prot. Theolog, Begründer und Hauptvertreter der sog. Tübinger Schule, geb. 21. Juni 1792 zu Schmiden bei Canstatt, besuchte die Seminarien zu Blaubeuren und Maulbronn und studierte 1809 —14 zu Tübingen Theologie. Nachdem er dann an verschiedenen Orten als Pfarrvikar, zuletzt als Repetent u Tübingen thätig gewesen, wurde er 1817 Profestor am Seminar in Blaubeuren, in welcher Stellung er durch das Werk 4Symbolik und Mythologie oder die Naturreligion des Altertums 5 3 Bde., Stuttg. 1824 — 25) seinen Beruf zur philos. Auffassung der Religionsgeschichte erkennen ließ. B. folgte 1826 dem Rufe als ord. Professor 50 Kirchen⸗ und Dogmengeschichte an die evang. akultät zu Tübingen, wo er bis zu seinem Tode, 2. Dez. 1860, ununterbrochen wirkte. Seine größern dogmengeschichtlichen Werke sind: «Das Manichäische Religionssystem (Tüb. 1831), (Die christl. Gnosis oder die christl. Religionsphilosohier (Tüb. 1835), (Die christl. Lehre von der Versöhnung (Tüb. 1838) und «Die christl. Lehre von der Dreieinigkeit und Menschwerdung Gottes v (3 Bde., Tüb. 1841—43). Den Angriff Möhlers (s. d.) auf den Sorift ud der evang. Kirche wies er zurück in der Schrift «Der Gegensatz des Katholizismus und Protestantismus » (2. Aufl., Tüb. neuef und in der (Erwiderung gegen Möhlers neueste Polemik u. s. w. „ (Tüb. 1834). Neben diesen im allgemeinen geschichtlichen Darstellungen, zu welchen auch das Lehrbuch der christl. Dogmeneschichte (Stuttg. 1847; 3. Aufl., Lpz. 1867) geört, bilden eine zweite Reihe seiner schriftstellerichen Arbeiten die Untersuchungen auf dem Gebiete er neutestamentlichen Kritik. An der Spitze derselben steht die Abhandlung: „Die Christuspartei in der korinth. Gemeinde, der Gegensatz des paulinischen und petrinischen Christentums v (in der tübinger „Zeitschrift für Theologiev, Jahrg. 1831), in welcher er zuerst in dem Kreise des 8 Harmor tums, in dem man sonst nur Einheit und Harmonie zu sehen gewohnt war, die Keime tiefliegender Differenzen und Gegensätze nachwies. Seine Untersuchungen über die Gnosis führten ihn den Pastoralbriefen zu und hatten das in der Schrift „Die sog. Pastoralbriefe des Apostels Paulus v (Stuttg. 1835) dargelegte Resultat 290 Folge, daß diese Briefe Ennen, von dem Apostel Paulus verfaßt sein können, sondern ihre Entstehung aus denselben Parteitendenzen zu erklären sei, welche im Laufe des 2. Jahrh. das bewegende Prinzip der sich gestaltenden Kirche waren. Zusammengefaßt sind die auf die Apostelgeschichte und die Paulinischen Briefe sich beziehenden Untersuchungen in dem Werke: «Paulus, der Apostel Jesu Christi. Sein Leben und Wirken, seine Briefe und seine Lehrer (Stuttg. 1845). Ein weiterer Gegenstand seiner kritischen Bestrebungen wurde das Johanr. e Evangelium. Der unbedingte Vorzug, welchen man bis dahin diesem Evangelium vor den synoptischen gab, fand in ihm den entschiedensten Gegner. Vielmehr ergab sich ihm der nachapostolische Ursprung des Johanneischen Evangeliums sowohl durch die kritische Analyse seiner Komposition, als auch durch mehrere bisher noch zu wenig beachtete geschichtliche Daten. In B.s zweiter eKritsche l zur Kritik des Neuen Testaments: «Kritische ihr Verbält über die kanonischen Evangelien, ihr Verhältnis zueinander, ihren Ursprung und Charakterv (Tüb. 1847), sind die beiden, zuerst in den „Theol. Jahrbüchern » (1844 u. 1846) erschienenen Abhandlungen über das Johanneische Evangelium und das Lukas-Evangelium mit weitern Untersuchungen über die Evangelien des Markus und Matthäus zu einem Ganzen verarbeitet und vervollständigt durch Das Markus-Evangelium» (Tüb. 1851). Außerdem beschäftigte ihn noch teils die nähere Durchforschung einzelner kritischer Fragen (in einer Reihe kleinerer Schriften und — Abhandlungen in den von ihm und Zeller seit 1842 herausgegebenen „Theol. Jahrbüchern »), teils die abschließende Zuderr Wenter von Einzeluntersuchungen in gröere Werke. er den letztern gehört, außer der Schrift «Epochen der kirchlichen Geschichtschreibungo (Tüb. 1852), namentlich seine «Kirchen-Bande Von dieser wurden die ersten zwei ände: „Das uhrhwoerte und die christl. Auf. der drei ersten Jahrhunderter (Tüb. 1853; 2. Aufl. 1860) und die «Christl. Kirche vom Anfang des 4. bis zum Ende des 6. Jahrh.» (Tüb. 1859), noch von ihm selbst veröffentlicht, . nach seinem Tode die drei letzten Bände, «Die christl. Kirche des Mittelalters (Tüb. 1861; 2. Aufl., Lpz. 1869), „Die Kirchengeschichte der neuern Zeit, von der Reformation bis zum Ende des 18. Jahrh.» (Tüb. 1863) und die 12. Amn eschichte des 19. Jahrh.» (Tüb. 1862; 2. ufl „Lpz. 1877), von seinem Sohne, dem Professor Ferdinand Friedrich B., und von Ed. Zeller herausgegeben wurden. as Hauptverdienst B.s um die Theologie läßt I1. dahin zusammenfassen, daß er eine wahrhaft geschichtliche Auffassung des Christentums von seinen ersten Anfängen an durch die ½ w seiner Entwickelung begründet hat. it einer seltenen Schärfe begrifflichen Denkens begabt, angeregt durch die gerade in seiner Jugend System auf System erzeugende Philosophie, verdankt er Schleiermacher die Unterscheidung der Religion von der Theologie und Dogmatik, die ihn in allen Wandlungen des Dogmas den Kern der christl. Frömmigkeit wiedererkennen ließ, Hegel vor allem die Anregung zu philos. Betrachtung der Geschichte. Nachdem dur trauß' „Leben Jesud und die daran anschließenden Kämpfe unwiderleglich erwiesen ward, daß die Evangelien in der uns vorliegenden Gestalt kein geschichtlich treues Bild der Anfänge des Christentums liefern, suchte B., um über dies bloß negative Resultat zu positiven Festtellungen fortgehen zu können, anderswo einen esten Standpunkt für die Beurteilung der urchristl. Verhältnisse zu gewinnen. Er fand denselben in den Paulinischen Briefen, von denen jedoch nur die vier größern als echt festgehalten wurden. Hier zeigte sich ein Christentum, total verschieden von demjenigen, das die unmittelbaren Schüler Jesu verkündigten, und aus dem Kampfe dieser beiden Richtungen, des heidenchristl. Evangeliums des Paulus und des nahliches beider des Petrus, läßt nun B. durch allmähliches beiderseitiges Nachgeben die kath. Kirche entstehen, die den Paulus allerdings äußerlich anerkennt, aber seine Grundsätze prinzipiell abstumpft. Nach rückwärts hin wird, gestützt auf eine kritische Betrachtung der drei ersten Evangelien, die Person und Lehre Christi so ge-Petr daß die Möglichkeit der Paulinischen wie der etrinischen Auffassung daraus erhelle, nämlich in Christus neben universellen ethischen Grundsätzen ein partikulares Festhalten am jüd. Messiasglauben angenommen, nach vorwärts die ganze weitere Entwickelung der kath. Kirche in Leben und Lehre als notwendiges Produkt der einwirkenden Faktoren dargestellt. Die kritischen Bestrebungen S sind von mehrern talentvollen Schülern desselben, wie namentlich Zeller, Schwegler, Köstlin, Huchrann u. a., weiter verfolgt worden; die ganze ichtung be ule man mit dem Namen der Tübinger 80 e. Eine ausführliche Darstellung und Beurteilung der Leistungen B.s findet sich in „Unsere Zeite (Bd. 6, Lpz. 18629. ů