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Recht & StaatBrockhaus 1882

Strike (engl., spr. Streik; mehrseitig auch als „Streiko bereits in die deutsche Sprache eingeführt; frz. greye) ist das engl. Wort für Schlag (Streich) und bedeutet speziell die Arbeitseinstellung seitens der Lohnarbeiter zur Durchführung günstigerer Arbeitsbedingungen. Arbeitseinstellungen hat es auch schon in frühern Jahrhunderten gegeben. Fast jede gewerbsame deutsche Stadt hat während des Mittelalters ihre Handwerkerunruhen, Gesellenaufstände, Verrufserklärungen von Meistern und ganzen Städten erlebt, und die dagegen erlassenen Reichsgesetze zeugen hinlänglich von der Verbreitung und Tiefe gewisser gewerblicher und sozialer ÜUbel in damaliger Zeit. Diese Handwerkerunruhen hingen jedoch mit dem Zunftwesen eng zusammen und haben mit der Auflösung des Zunftverbandes aufgehört. Unter der Herrschaft der Gewerbefreiheit und unter dem Einfluß der Großindustrie sind die modernen Streiks erwachsen und das Wort ist aus England mit der Sache zugleich auf den Kontinent übertragen worden. Dem S., der Arbeitseinstellung seitens der Arbeiter, steht gegenüber das Lock-out, die Aussperrung der Arbeiter seitens der Unternehmer. Im Gegensatz — 6 Aussperrung » spricht man vom »Ausstand v er Arbeiter. Die S. hängen aufs engste zusammen mit den Arbeiterverbindungen, den sog. Gewerkvereinen (s. d.), welche man in England Trades-Unions nennt. Ohne die Mitwirkung und Unterstützung dieser Trades-Unions pflegt in England nur äußerst selten oder fast nie ein S. auszubrechen. Der einzelne gewöhnliche Arbeiter wird in der Regel viel zu schwach und entbehrlich sein, um für sich allein günstigere Arbeitsbedingungen durchzusetzen, erst die Vereinigung mit den Arbeitsgenossen macht ihn dem Unternehmer gegenüber stark und selbständiger. Die Geschichte der im größern Maßstabe ausgebrochenen S. reicht in England bis zu dem Anfang des 19. Jahrh. zurück. Im J. 1810 stellten die Spinner in allen Fabriken in der Umgebung von Manchester die Arbeit ein. An 30000 Arbeiter in Stockport, Macclesfield, Staleybridge, Hyde, Oldham, Bolton und Preston kamen außer Brot. Nach vier Monaten des Clends mußten die Arbeiter zu geringerm Lohn als früher wieder zu ihrer Arbeit zurückkehren. Im J. 1824 wurde in England das Verbot der Arbeiterkoalitionen aufgehoben, und seitdem wurden die S., begünstigt durch die Organisation der modernen Großindustrie und die fortschreitende Entwickelung der Gewerkvereine, allmählich immer häufiger, wenn auch mit Veränderungen, die von den allgemeinen wirtschaftlichen Konjunkturen abhingen. Von den neuern englischen S. sind bemerkenswert der von Preston im J. 1853, bei dem 17000 Arbeiter 9½ Monate feierten, schließlich aber doch zu den frühern Bedingungen zur Arbeit zurückkehren mußten. Ebenso mißlang 1861 der große S. der londoner Bauarbeiter, obwohl damals große Bauten, wie der Ausstellungspalast und andere im Gange waren. Im J. 1871 war der S. der Maschinenbauer in New-Castle on Tyne, im folgenden Jahre der der ebenfalls in die Gewerkvereinsbewegung eingetretenen landwirtschaftlichen Arbeiter von größerer Bedeutung. Während 1871 die von Bevan nachgewiesene Zahl der S. in England nur 98 betrug, stieg dieselbe parallel mit den wirtschaftlichen Anforderungen 1872 auf 343 und 1873 auf 365. Dann aber trat wieder ein stetiger Rückgang ein, sodaß für 1877 nur noch 180 verzeichnet sind. Die Jahre der größten wirtschaftlichen Depression, 1878 und 1879, veranlaßten die Arbeiter zu neuen Anstrengungen, um ihre Stellung zu behaupten, und die Zahl der S. stieg daher wieder auf 268 und 308; aber es zeigte sich, daß auch die Gewerkvereinsorganisation mit ihren Mitteln nicht ausreicht, um die Folgen allgemeiner ungünstiger Konjunkturen der Volks⸗ und Weltwirtschaft von den Arbeitern abzuwenden. In Frankreich kamen bis zum zweiten Kaiserreich S. nur vereinzelt vor und wurden dann mit der drakonischen Strenge des franz. Strafgesetzbuchs unterdrückt. Napoleon III. dagegen liß meistens Begnadigung der Verurteilten eintreten und veranlaßte 1864 die Aufhebung des Koalitionsverbots. Ralferr davon wurden in den letzten Jahren des Kaiserreichs die Arbeitseinstellungen sehr zahlreich, zumal dieselben in den um diese Zeit entstehenden gewerkvereinsartigen Verbänden und der internationalen Arbeiterassociation ihre Stützen fanden. In der neuesten Zeit ist besonders der im Frühjahr 1886 ausgebrochene S. der Kohlenarbeiter von Decazeville als eine symptomatische Erscheinung von dem Bedeutung zu betrachten. Gleichzeitig mit demselben fanden in Belgien, namentlich in Lüttich und im Becken von Charleroi Arbeiterbewegungen (der sog. Grevisten) statt, die mehr als anarchistische Meutereiversuche, denn als bloße S. zu charakterisieren sind. In Deutschland wurde für die gewerblichen Arbeiter das Koalitionsverbot durch die Gewerbeordnung von 1869 aufgehoben und die S. wurden besonders unter dem Einfluß der sozialdemokratischen Gewerkschaften bald ein häufig angewandtes Kampfmittel gegen die Unternehmer. Auch durch das Sozialistengesetz von 1878 ist den Arbeitern in dieser Hinsicht kein Hindernis entgegengestellt worden, wie z. B. der große berliner Maurerstrike von 1885 beweist. Arbeitseinstellungen von ungewöhnlichen Dimensionen hat Amerika aufzuweisen, wie die Eisenbahnstrikes von 1877 in Pennsylvanien und 1886 in den südwestl. Staaten. Noch mehr wurde die ganze Geschäftswelt durch den Telegraphistenstrike von 1883 in Mitleidenschaft gezogen. Außer den fachgewerblichen Vereinen spielt in den Vereinigten Staaten die Arbeiter aller Berufsarten umfassende, ursprünglich geheime Verbindung der Ritter der Arbeito (Knights of labor), die eine halbe Million Mitglieder zählen soll, in der Leitung der Arbeiterbewegung eine große Rolle. Im allgemeinen haben übrigens sowohl in Europa wie in Amerika die Gewerkvereine in der Frage der S. die eigentlich aggressive Politik aufgegeben. Sie betrachten den S. nur als eine Waffe für den äußersten Notfall und möchten stets lieber durch Unterhandlungen mit den Arbeitgebern zu einer, wenn auch für sie weniger befriedigenden Verständigung gelangen. Schiedsgerichte und Eini-Remen Mundel wie sie in England nach den Sytemen Mundellas und Kettles ins Leben getreten sind, haben in der That schon häufig drohende S. verhindert. Die Arbeiter haben eben die Erfahrung gemacht, daß nur selten die Vorteile eines sogar günstig für sie abgelaufenen S. die gebrachten Opfer vollständig aufwiegen. Bei schlechtem Geschäftsgange ist ein S. von vornherein hoffnungslos, da die Unternehmer lieber die Arbeit ganz ruhen lassen, als einen Lohn gewähren werden, bei dem sie nach dem Marktpreise ihrer Produkte geradezu Schaden zu leiden hätten. Bei günstigen Konjunkturen allerdings werden die Arbeiter durch geschlossenes Auftreten häufig eine unmittelbare oder mittelbare Lohnerhöhung durchsetzen können; es wird dann aber in den meisten Fällen schon ihre Vereinigung zur Erreichung ihres Zwecks genügen, ohne daß eine wirkliche Arbeitseinstellung erforderlich wäre. Berechtigt und erfolgreich kann auch ein S. sein, wenn es sich nicht um eine Lohnerhöhung, sondern die Abschaffung irgend welcher von rücksichtslosen Arbeitgebern festgehaltener Mißbräuche in der Fabrikordnung, der Arbeitsart u. s. w. handelt. In den günstigen Jahren 1872 und 1873 siegten die Arbeiter in England in 18 S. von 29, in den schlechten Jahren 1878 und 1879 dagegen nur in 5 von 121. In Amerika wurden von Herbst 1879 bis Herbst 1880 bei aufsteigender Konjunktur von 205 S. 111 gewonnen, 60 verloren und 34 mit teilweiser Befriedigung der Arbeiter verglichen. Vgl. Brentano, Zur Geschichte der engl. Ge-Schiedsgerichte und Einigungsämter » (Schriften des Vereins für Sozialpolitik II, Lpz. 1873); cliber Bestrafung des Arbeitsvertragsbruchs» (Schriften des Vereins für Sozialpolitik VII, Lpz. 1874) Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XV. Bevan, »The strikes in the past 10 yearso (im Journal of the Statistical Societys, Lond. 1880); Sartorius von Waltershausen, Die nordamerik. Gewerlschafteno (Berl. 1886).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 304Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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