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GeschichteBrockhaus 1882

Stuart, eins der ältesten Geschlechter in Schottland, das diesem Reiche und England eine lange Reihe von Königen gegeben hat, soll von einem Zweige der engl. normann. Familie Fitz-Alan abstammen, der sich in Schottland niederließ und schon im 12. Jahrh. am schott. Königshofe die erbliche Würde des Reichshofmeisters (Majordomus) oder Stewards erwarb. Von dieser Würde nahm die Familie ihren Geschlechtsnamen auf, welcher früher auch Steward geschrieben wurde. Alexander, Steward von Schottland, fiel 1264 in der Schlacht von Largs und hinterließ zwei Söhne, James und John. Der Sohn des ältern, Walter S., heiratete 1315 Marjoria, die Tochter König Roberts I. Bruce (s. Schottland), deren Nachkommen durch ein Erbfolgestatut die Thronfolge in Schottland nach dem Aussterben des königl. Mannsstammes zugesprochen war. — Als Roberts 1. Sohn, David II., 1370 27½ männliche Erben starb, erhielt demnach Walter S.s Sohn unter dem Namen Robert II. die schott. Krone und wurde hiermit der Gründer der Dynastie, deren Geschichte sich zu einer ununterbrochenen Kette verhängnisvoller Ereignisse gestaltete. Robert II. schon verdankte nur den Zerrüttungen, die damals in England stattanden, daß er die schott. Krone erhielt. — Ihm olgte 1390 sein lahmer Tesn Johann, der als obert III. regierte. Er besaß zwei vom Throne ausgeschlossene Stiefbrüder, Walter, Grafen von Athol, der 1437 als Verschwörer gegen König Jakob I. enthauptet wurde, und David, Grafen von Strathern, dessen Titel auf seinen Tochtermann, Sir Patrick Graham, überging. Ein jünerer rechter Bruder Roberts III., der Herzog von Albany, führte für denselben die Regierung und ließ, weil er selbst nach der Krone trachtete, 1402 den Kronprinzen David, Herzog von Rothsay, einsperren und verhungern. Hierauf schickte der König seinen jüngern Sohn Ja kob nach Frankreich, aber die Engländer fingen denselben auf und hielten ihn fast 20 Jahre fest. Robert III. starb schon 1404. Der Herzog führte nun im Namen des in England gefangenen Jakob I. die Reichsverwaltung fort. Nach seinem Tode trat 1419 M urdoch, sein Sohn und Erbe, an seine Stelle, welcher 1423 die Rückkehr Jakobs I. zuließ, dafür aber 1424 mit seiner ganzen Familie von dem Heimgekehrten unter das Beil gebracht wurde. Nur James S., der jüngste Sohn Murdochs, entkam, von dessen Urenkel, Andrew, Lord S. von Ochiltree, die jetzigen Grafen von Castle-Stuart abstammen. Jakob I. (s. d.), der kräftigste König des Hauses S., war mit Johanna Beaufort, Enkelin des engl. Herzogs von Lancaster, verheiratet. Er siel 1437 unter den Dolchen verschworener Großen, an deren Spitze sich sein Oheim, der erwähnte Graf von Athol, befand. — Ihm folgte auf dem Throne sein siebenjähriger Sohn, Ja kob II., der 1460 vor Roxburgh durch das Zerspringen einer Kanone getötet wurde. Derselbe hinterließ drei Söhne: den Thronfolger Jakob III.; Alexander S., Herzog von Albany, der 1485 in Frankreich mit Hinterlassung eines Erben starb; Johann S., Grafen von Mar, der 1480 auf Befehl seines königl. Bruders wegen freier Reden ermordet wurde. — Jakob III., der stets mit seinen Brüdern und den Großen zu kämpfen hatte, erlitt 1488 auf der Flucht nach einer bei Stirling verlorenen Schlacht einen gewaltsamen Tod. — Ihm folgte auf dem Throne sein in das Komplott verwickelter Sohn, Jakob IV. Derselbe vermählte sich mit Margarete, der ältesten Tochter Heinrichs VII. von England, knüpfte aber, als sein Schwager Heinrich VIII. seine Eroberungsgedanken auf Schottland richtete, eine enge Verbindung mit Frankreich an, ließ sich von Ludwig XII. zu einem unüberlegten Zuge nach England verleiten, und blieb 1513 bei Flodden. — Für seinen zweijährigen Sohn und Nachfolger, Jakob V., ergriff unter heftigen Parteiwirren 1515 der herbeigerufene Johann S., Herzog von Albany, Sohn des 1485 in Frankreich verstorbenen Albany, als Reichsverweser die Zügel der Regierung, legte dieselben aber, von dem Parteihader überwältigt, 1518 wieder nieder. Vergebens suchte er 1523 seinen verschwindenden Einfluß mit franz. Hilfe wieder zu erlangen. Während er in Frankreich Truppen warb, erklärten die schott. Großen den jungen Jakob V. für mündig, sodaß Albany in Frankreich blieb; er focht unter Franz J. in Italien, und starb 1536 ohne Nachkommen. Jakob V. heiratete die Prinzessin Marie von Guise und kettete dadurch seines Hauses Geschick an die kath. Kirche und an Frankreich. Er geriet darüber mit Heinrich VIII. von England in Krieg, ward besiegt und starb 1542. Kurz vorher waren seine beiden Söhne an Einem Tage gestorben und die Krone fiel seiner kaum geborenen Tochter Maria zu. — Maria Stuart (. d.) wurde von ihrer Mutter in früher Jugend mit Franz II. von Frankreich vermählt und kehrte erst nach dessen Tode 1561 auf ihren angestammten Thron zurück. Durch ihre Ansprüche auf die engl. Krone, ihre kath. Politik, ihre Vermählung mit ihrem Vetter, Heinrich Lord Darnley, und dessen Ermordung stürzte sie das Reich in endlose Wirren und verlor dabei selbst die Krone und die Freiheit. Während ihr und Darnleys Sohn als Jakob VI unter der Vormundschaft ihres Halbbruders, des Grafen von Murray, den schott. Thron einnahm, mußte sie nach 1Nähriger Gefangenschaft bei ihrer Erbfeindin, der Königin Elisabeth von England, 8. Febr. 1587 das Schafott besteigen. Der Familienzweig der S., zu welchem Darnley gehörte, stammte von Sir John S. von Bonkyll, dem zweiten Sohne des Steward Alexander, der 1298 bei Falkirk getötet ward und dessen Sohn, Sir Alan S. von Darnley, 1333 bei Halidon fiel. Der Urenkel des letztern, James S., der Schwarze Ritter von Lorn genannt, heiratete Johanna Beaufort, die Witwe Jakobs I., und hatte von ihr zwei Söhne, die Grafen von Lennox und von Buchan. Die Nachkommen des erstern rückten durch eine neue Heirat nicht nur dem schott. Throne, sondern auch den Erbansprüchen auf die engl. Krone sehr nahe. Margarete nämlich, die Witwe Jakobs IV. und Tochter Heinrichs VII. von England, heiratete 1514 in zweiter Ehe den Grafen von Angus, aus welcher Verbindung Margarete Douglas, gest. 1578, entsprang. Diese letztere vermählte sich mit Matthias S., Grafen von Lennox, und gebar von ihm den Lord Heinrich Darnley, der 1565 die Hand seiner königl. Base, Maria S., nebst dem Königstitel erhielt. Darnley war also, gleich seiner Gemahlin, Urenkel Heinrichs VII., und hatte nach ihr im Falle des Aussterbens der Tudor (s. d.) das nächste Recht auf die engl. Krone. Der Graf von Lennox erhielt nach Murrays Ermordung die Reichsverwaltung während der Minderjährigkeit seines Enkels, Jakobs VI., unterlag aber schon nach einem Jahre, auf einem Reichstage zu Stirling, 4. Sept. 1571 den Dolchen unzufriedener Großen. Seinem zweiten Sohn, Karl, gest. 1576, gebar Elisabeth Cavendish die schöne Arabella S. Dieselbe sollte durch die Pulververschwörung (s. d.), dann angeblich durch ein Komplott Walter Raleighs auf den engl. Thron gehoben werden und mußte darum ihr Leben im Tower zubringen. Sie hatte sich zwar insgeheim mit dem nachherigen Herzog von Somerset vermählt, starb aber 1615 ohne Nachkommen. Das Schicksal Arabellas hat Gottschall dramatisch behandelt. Jakob VI., der Sohn Marias und Darnleys, vereinigte als Abkömmling der Tudor von mütterlicher Seite nach dem Tode der Königin Elisabeth 1603 die Kronen von Schottland, England und Irland als Jakob I. (s. d.). Aus seiner Ehe mit Anna von Dänemark entsprangen Heinrich, Prinz von Wales, der 1612 im Alter von 18 Jahren starb, Karl I. und Elisabeth, die sich mit Friedrich V., Kurfürsten von der Pfalz, vermählte, 1662 starb und die Stammmutter des gegenwärtigen brit. Regentenhauses ist. Jakob I. starb 1625. — Ihm folgte sein Sohn Karl I. (s. d.), der die unkluge Politik seines Vaters fortsetzte und damit sich und seine Krone in den Abgrund der Revolution stürzte. Aus seiner Ehe mit Henriette von Frankreich, Tochter Heinrichs IV., die 1669 in der Verbannung starb, gingen hervor: Karl II.; Marie, verheiratet an Wilhelm von Oranien, gest. 1650; Jakob II. und Henriette (s. d.), die den Herzog von Orléans heiratete. Karl I. wurde 1649 entauptet. Nach dem Tode Cromwells erhielt arl II. (s. d.) 1660 die Kronen seiner Väter zurück. Er war mit Katharina von Portugal verheiratet und starb 1685 ohne eheliche Nachkommen. Aus Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XV. dem e von 0 mit Lucy Walters hinterließ er den Herzog von Monmouth (s. d.), von dem die jetzigen Herzöge von Buccleugh stammen. Barbara Villiers, die zur Gräfin von Southampton und Herzogin von Cleveland erhoben wurde, gebar ihm Henry Fitzroy, Herzog von Grafton, dessen Nachkommen noch diesen Namen führen. Von Eleonore Gwyn entsprang Charles Beauclere, Herzog von St.⸗ Albans, dessen Familie noch vorhanden ist. Ein Sprößling aus dem Verhältnis mit Luise de Keroualle war Charles Lennox, Herzog von Richmond (. d.), von dem die gegenwärtigen Herzöge dieses Namens abstammen. Außerdem hinterließ Karl II. noch acht natürliche Kinder, deren Nachkommen bereits erloschen. — Jakob II. (s. d.), der Bruder und Nachfolger Karls II., verlor infolge seiner Bestrebungen für Herstellung der absoluten Monarchie und Einführung der kath. Kirche durch die Revolution von 1688 seine Kronen. Er selbst war noch vor seiner Thronbesteigung zum Katholizismus zurückgekehrt, den sein Haus mit der Reformation in Schottland, in der Person Jakobs VI., abgelegt hatte. Jakob II. starb 1701 in der Verbannung in Frankreich. Er war in erster Ehe mit Anna Hyde verheiratet, die ihm die zwei im prot. Glauben erzogenen Prinzessinen Marie und Anna gebar. Aus zweiter Ehe mit Marie von Este gingen der kath. Prinz Jakob Eduard, als Kronprätendent unter dem Namen Jakob III. oder Ritter St.⸗George bekannt, und eine Tochter, Marie Luise, hervor, die 1760 unvermählt starb. Außerdem hinterließ Jakob II. von Arabella Churchill, der Schwester des berühmten Marlborough, den unehelichen Sohn Jakob, Herzog von Berwick (s. d.) und Fitzjames, von dem die Fitzjames in Frankreich abstammen. Nachdem das engl. Parlament 1688 Jakob II. des Throns verlustig erklärt, gingen die drei Kronen auf Jakobs älteste, prot. Tochter Maria und deren Gemahl, Wilhelm III. (s. d.) von Oranien, über. Letzterer war von seiten seiner Mutter ein Enkel Karls I. Die Königin Maria starb 1695 ohne Nachkommen. Ihr Gemahl, Wilhelm III., brachte hierauf mit dem engl. Parlament die berühmte prot. Successionsakte vom 12. Juni 1701 zu Stande, nach welcher den kath. Gliedern des Hauses S. das Thronrecht abgesprochen und die Erbfolge allein den prot. Nachkommen Jakobs I. zugesichert wurde. Wilhelm III. starb 1702. — Ihm folgte vorerst nach einer frühern Übereinkunft auf dem Throne die prot. Prinzessin Anna (s. d.), die zweite Tochter Jakobs II. Sie hatte in der Ehe mit Prinz Georg von Dänemark 19 Kinder geboren, die sämtlich vor ihrer Thronbesteigung starben. Als die Königin Anna 1714 starb, trat die Successionsakte von 1701 in Kraft. Der bisherige Kurfürst von Hannover, der einzige prot. Enkel von Elisabeth, der Tochter Jakobs I., bestieg als Georg I. (s. d.) den vereinigten Thron von Großbritannien und Irland. — Der kath. Sohn Jakobs II. nahm nach des Vaters Tode den Namen Jakob III. (s. d.) an. Er machte mehrfache Versuche, das verlorene Erbe wieder zu erlangen, vermählte sich 1719 mit Maria Sobieska und starb 1766. — Sein ältester Sohn Karl Eduard (. d.), bekannt durch seine glücklichen Unternehmungen in Schottland, denen von seiten der neuen Dynastie erst 1746 durch die Schlacht bei Culloden (. d.) ein Ziel gesetzt wurde, lebte unter dem Namen eines Grafen von Albany in . 4 und starb zu Rom ohne eheliche Kinder 30. Jan. 1788. — Sein einziger Bruder, Heinrich Benedikt, der 1747 die Kardinalswürde erhielt, legte sich hierauf den Königstitel bei. Nach der Eroberung Italiens durch die Franzosen ließ er sich zu Venedig nieder und lebte von einem Jahrgelde, das ihm der brit. Hof gab. Dieser letzte männliche Nachkomme des königl. Hauses S. starb zu Frascati 13. Juli 1807. Seine Ansprüche auf den brit. Thron hatte er Karl Emanuel IV. von Sardinien vermacht. Der König Georg IV. ließ ihm in der Peterskirche zu Rom durch Canova ein Denkmal errichten. Die wertvollen Familienpapiere, die er besaß, kaufte die brit. Regierung an und ließ sie veröffentlichen (4S. Paperso, Lond. 1847). Von andern Zweigen der Familie S. leben noch zahlreiche Glieder in Schottland, England und Irland. Sir John S., ein natürlicher Sohn Roberts II., war der Ahnherr der Marquis und Grafen von Bute, Lord Wharncliffes und Lord Stuart de Rothesays. Von den S. von Bonkyll stammen die Lords Blantyre und Douglas, die Grafen von Galloway und die Marquis von Londonderry; von Elisabeth, Tochter des Regenten Murray und Gemahlin Sir James S.s von Doune, die heutigen Grafen von Murray oder Moray. Außerdem leiten die Grafen von Traquair ihren Ursprung von einem natürlichen Sohne des Grafen James von Buchan, Stiefbruders König Jakobs II., ab. Der letzte Sprößling der Königsfamilie S., Lady Louisa S., starb zu Traquair House unweit Peebles in Schottland 5. Dez. 1875 im 100. Lebensjahre. Vgl. Vaughan, Memorials of the S. dynastys⸗ (2 Bde., Lond. 1831); Campana de Cavalli, Les derniers 8. à Saint-Germain-en-Layen (2 Bde., Par. 1871).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 320Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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