Stuttgart, Hauptstadt des Königreichs Württemberg und Residenz des Königs, liegt unter dem 48. nördl. Br. und 26. östl. L., 249 m über dem Meere an dem ganz unbedeutenden Nesenbach in nächster Nähe des Neckars und in einem freundlichen, von Rebenhügeln und waldigen Höhen umrahmten Thalkessel, der nur in der Richtung nach Cannstatt (s. d. offen ist. Mit den drei Vorstadtdörfern: Berg, Gablenberg und Heslach bildet die Stadt unter dem Namen Stadtdirektionsbezirk S. das erste der 64 Oberämter Württembergs. Mit Ausnahme des alten Stadtteils, welcher sich um den Marktplatz herum gruppiert, ist die Stadt fregelmäßig gebaut und wird durch die schöne Königsstraße und deren Fortsetzung, die Marienstraße, in eine nordöstl. und südwestl. Hälfte geteilt. Nächsidem verdienen noch Erwähnung die Alerander⸗, Friedrichs⸗, Goethe⸗, Hohenheimer⸗, Kriegsberg⸗, Neckar⸗, Olga⸗ Reinsburg⸗, Schloß⸗, Silberburg⸗, Uhlands-, Urban⸗ und Werastraße. Unter genwär den Gebäuden ist vor allen das neue königl. Resi-Prinzen denzschloß zu nennen, das 1746 —1807in einfachem, Von aber edlem Renaissancestil erbaut wurde; dasselbe Prinzes besteht aus einem Hauptgebäude mit 2 großen Weima Seitenflügeln und enthält etwa 360 Gemächer,‚ 1775worunter mehrere Prachtsäle; die im Erdgeschoß schule 1 befindlichen, von Gegenbaur gemalten Fresken sind Bildun, besonders bemerkenswert. Im Süden grenzt das thek, da Neue an das Alte Schloß, 1553—70 unter Herzog! denden! Christoph erbaut, heute noch dieselben Formen einer Privatbar mittelalterlichen turmfesten Burg bewahrend, in besonders welchem sich die Schloßkirche befindet. Im Norden 1436-90 ist das Residenzschloß durch einen kleinen Anbau protestanti mit dem Hoftheater verbunden, das 1845 -46 re⸗ Innern ge nopiert, 1883 infolge des Ringtheaterbrandes in nach den; Wien vollständig umgebaut und mit allen Sicher⸗ württemb. heitsvorrichtungen versehen wurde. Dem Schlosse Graf Hein: zegenüber liegt der Königsbau, 1856-60 von Hospitalkir Leins erbaut, getragen durch eine großartige Kolon-⸗ das Grabm iade von 26 ionischen Säulen, welche durch zwei Ferner die orstehende korinth. Portiken unterbrochen werden. die neue G Reben dem Königsbau steht das Kronprinzenpalais, linger, die 846—50 in einfachem röm. Stil erbaut und ge-und die rtig von dem präsumtiven Thronfolger, der n Wilhelm (Neffen des Königs), bewohn königl. Gebäuden sind noch zu erwähnen da ssinnenpalais und das Palais des Prinze u in der Neckarstraße, die Akademie, in welche 94 die von Herzog Karl gegründete Karle untergebracht war und Schiller seine erst ig genoß, die neue königl. öffentliche Biblic as Staatsarchiv und das Museum der bil Künste. An schönen Staats-⸗, städtischen un gart. uten besitzt S. eine hervorragende Anzahl; hervorzuheben sind: die Stiftskirche, in spätgot. Stil aufgeführt (seit 153² isch), 1841 von zachtphn renoviert, im schmückt durch prachtvolle Glasgemälde Zeichnungen von Neher und 11 Statuen Grafen (von Graf Ulrich, gest. 1265, bis trich, gest. 1519), die Leonhards- und die rche; letztere, 1471—93 erbaut, enthält nal des Reformators Reuchlin, gest. 1522. Berger Kirche in got. Stil von Gaub, zarnisonskirche in roman. Stil von Dole Johanniskirche in got. Stil von Leins eslacher Kirche in spätroman. Stil von Wolff erbaut; außer diesen protestantischen müssen noch die vortreffliche neue kath. Marienkirche in frühgot. Stil von Egle, die alte kath. Eberhards- und die engl. Kirche, sowie die in maur. Stil nach Breymanns Entwurf ausgeführte Synagoge erwähnt werden. Andere bemerkenswerte Gebäude sind: der Bahnhof (1867 vollendet, einer der schönsten Europas), das Hauptpostamt, die technische Hochschule (Polytechnikum) mit zwei trefflichen allegorischen Darstellungen von Kunst und Wissenschaft, die Baugewerkschule, der Justizpalast mit den Kolossalgruppen der Justitia und Lex von Kopp, das Realgymnasium, das Rathaus, die neue Realschule, die beiden Gymnasien und die verschiedenen andern Schulgebäude, das Ständehaus (in welchem die Kammern der Standesherren und die Abgeordneten ihre Sitzungen abhalten), die zwei Infanteriekasernen und die Reiterkaserne, das Ludwigsspital, das Diakonissen⸗ und das Armenhaus, die Olgaheilanstalt (Krankenhaus für Kinder und Lehrlinge), die Gewerbe⸗ und die Liederhalle (mit dem größten Saale Deutschlands), das obere Museum, die Württemb. Vereins⸗ und die Deutsche Reichsbank, der Bazar, die Villa Siegle von Gnauth, das Bohnenbergersche Haus von Beisbarth, Rustiges Haus von Leins u. a. m. An Denkmälern besitzt S. die kolossale Jubiläumssäule auf dem Schloßplatz (errichtet 1841 zur Erinnerung an die 25jähr. segensreiche Regierung des Königs Wilhelm); die Reiterstatuen des Her—⸗ zogs Eberhard im Bart und des Königs Wilhelm, beide in Erzguß nach Hofers Modell (erstere im Hofraum des Alten Schlosses, letztere im Vorhofe der Kunstschule), ferner das Schiller-Denkmal von Thorwaldsen (1839 als das erste Schiller-Denkmal errichtet), die Uhland-Mörike-Hauff-Denkmäler, die Büsten Gustav Schwabs, Franz Schuberts und Johann Jakob Mosers, die Statuen Keplers und Dürers und das dem Gedächtnis des 1877 verstorbenen Herzogs Eugen von Württemberg gewidmete Eugen-Denkmal. Der Schloßplatz und die sich an denselben anschließenden königl. Anlagen sind von besonderer Schönheit und werden nicht so leicht von ähnlichen Anlagen in andern Städten übertroffen. Unter den Sammlungen für Wissenschaft und Kunst sind hervorzuheben: die königl. öffentliche Bibliothek, besonders reich in den Gebieten der Geschichte und Theologie (500000 Bände, 2400 Inkunabeln, 7200 Bibeln in mehr als hundert Sprachen, 3600 Handschriften u. s. w.); die königl. Privatbibliothek, 45000 Bände, mit schätzbaren alten Werken und Handschriften, sowie zahlreichen neuern Prachtwerken; das Staatsarchiv mit seinen reichen Sammlungen, die Münz⸗, Kunst- und Antikensammlung (mit der Bibliothek in Verbindung); die Bibliothek und die Mustersammlungen der Centralstelle für Gewerbe und Handel; die Sammlung vaterländischer Altertümer, die Gemäldeausstellung des Kunstvereins und die permanente Kunstausstellung, das Naturalienkabinett, das Museum der bildenden Künste (Skulpturen und Gemälde) u. s. w. An höhern Bildungsanstalten bestehen zu S. eine technische Hochschule, zwei Gymnasien, ein Realgymnasium, eine Realschule, eine Kunstschule, Baugewerk- und Kunstgewerbe⸗, höhere Handels⸗, Frauenarbeitsschule, kaufmännische und gewerbliche Fortbildungsschule, ein Konservatorium für Musik, eine mit der Nikolauspflege für blinde Kinder verbundene Blindenarbeitsschule, eine Tierarzneischule, Turnlehrerbildungsanstalt u. s. w. Außerdem sind noch zu nennen das Katharinenstift und das Olgastift, beides Anstalten für Töchter höherer und mittlerer Stände, ersteres von der 1819 verstorbenen Königin Katharina, letzteres von der Königin Olga (1873) ahlreiche &. viele andere Schulen aller Art, sowie zahlreiche Vereine für bildende Regterift nae und gesellige Zwecke. Außer dem Hoftheater ist noch zu erwähnen das Sommertheater in Berg. An Wohlthätigkeitsanstalten sind zu nennen: das Bürgerhospital, das Armenhaus, zwei große Hospitäler (Katharinenhospital und Ludwigsspital), die Diakonissenanstalt, die Olga-Heilanstalt für arme Kinder, die orthopädische Heilanstalt für Arme, das Waisenhaus u. s. w. Nach der Zählung vom 1. Dez. 1885 zählte S. mit den Vorstädten Heslach, Berg und Pfarrweiler Gablenberg 125906 E.; hiervon waren 106 288 evangelisch, 16062 katholisch und 2566 israelitisch. S. ist der Sitz sämtlicher Ministerien, Oberbehörden und Centralstellen für Württemberg, wie des Oberlandesgerichts, des Staatsgerichtshofs, des evang. Konsistoriums, des kath. Kirchenrats, der israel. Oberkirchenbehörde, der Ministerialabteilung für die Gelehrten- und Realschulen, des Oberbergamts, der Generaldirektion der Württembergischen Staatseisenbahnen, der Posten und Telegraphen, Forstdirektion, eines Landgerichts und zweier Amtsgerichte, einer Stadtdirektion, eines Oberamts und eines Hauptzollamts, einer Kammer für Handelssachen und des Statistischen Landesamts; ferner des Generalkommandos des 13. deutschen (königl. württemb.) Armeekorps, des Kommandos der 26. Division und mehrerer Brigadestäbe. S. ist eine sehr gewerbreiche Stadt, deren Handelsbetrieb fortwährend im Steigen begriffen ist. Der Betrieb der Landwirtschaft (besonders Wein⸗ und Obstbau) ist in S. bedeutender als in andern Städten von ähnlicher Größe: der alljährlich daselbst stattfindende Pferdemarkt ist von besonderer Wichtigkeit für die Pferdezucht Württembergs. Die Hauptgegenstände der Industrie, mit welchem S. auf dem großen Markte eine hervorragende Stelle einnimmt, sind Farbstoffe, Chemikalien, Droguen, Bijouteriewaren, Musikinstrumente, Zucker, Korsetts, Goldleisten, Möbel, Spiegelrahmen, Reiseartikel, mechan. und optische Instrumente, Kautschukwaren, Maschinen, Posamentierartikel, Chokolade, Liqueure, Schaumweine, Konditoreiwaren, Bier, Essig. Das Landesgewerbemuseum in der Legionskaserne und das Exportmusterlager in der Gewerbehalle sind während des ganzen Jahres geöffnet. S. ist ein Hauptknotenpunkt der Eisenbahnen Württembergs und wird auch von dem Orientexpreßzug Konstantinopel-Wien-Paris berührt; außerdem sind folgende Linien zu verzeichnen: Bretten-S.⸗Friedrichshafen, S.⸗Plochingen-Villingen, S.⸗Zuffenhausen-Calw, S.⸗Waiblingen-Backnang und S.⸗Freudenstadt. In Bezug auf Buchhandel und typographische Gewerbe nimmt S. die erste Stelle in Süddeutschland ein, und ist seit 1853 Sitz der Generalversammlungen und jährlichen Abrechnungen des Vereins der süddeutschen Buchhändler. Bedeutende gießereien, Buchbindereien, Xylographische Anstalö ten u. s. w. sichern S. neben Leipzig und Berlin eine ganz hervorragende Stellung im deutschen Buchhandel. Den Handel unterstützen eine Reichsbankhauptstelle und mehrere Privatbanken. Ein telephonisches Netz vermittelt den raschen Verkehr der großen Geschäftshäuser in S. und Umgegend. Pferdebahnen verbinden S. mit den Vorstädten Berg und Heslach und mit Cannstatt. In der Umgebung sind besonders die Stadt Cannstatt (s. d.), das königl. Lustschloß Rosenstein nebst der Wilhelma und der königl. Villa in Berg, und, etwas weiter (10 km) entfernt, das Lustschloß Solitude, mit Wildpark und dem Bärensee, zu nennen. Eine Zahnrädbahn führt auf die südl. Höhe zum Dorfe Degerloch, eine Vollbahn(Linie S.⸗Freudenstadt) zur Station Hasenberg; beide Höhen tragen stattliche Aussichtstürme. — S. ist schon seit 1229 urkundlich bekannt und wurde 1320 vom Grafen Cberhard dem Erlauchten zur Residenz erhoben. Graf Ulrich vergrößerte und verschönerte die Stadt 1436 bedeutend, und 1482 erhob sie Eberhard VII. (im Bart) zur Hauptstadt sämtlicher württemb. Lande. Das eigentliche Aufblühen der Stadt datiert seit der Mitte des 18. Jahrh. Das Meiste geschah jedoch erst unter dem Könige Friedrich und namentlich durch die Könige Wilhelm und Karl, unter deren Regierung der größte Teil der vorhandenen Prachtbauten aufgeführt wurde. Vgl. Bühren, «S. und seine Umgebungen⸗ (Stuttg. 1835); Zoller, 4 S. und seine Umgebungeno (Stuttg. 1840); Hartmann, 4S.s romantische Umgebungen» (Stuttg. 1847) und &S.s Gegenwarto (Stuttg. 1847); Pfaff, 4«Geschichte der Stadt S.» (2 Bde., Stuttg. 1815—47); „Beschreibung des Stadtdirektionsbezirks S.5 (Stuttg. 1856); Wochner, 4«S. seit 25 Jahren» (Stuttg. 1871); Nick, «Stuttgarter Chronik und Sagenbuch » (Stuttg. 1875); 4Führer für S. und Ümgebung» (10. Aufl., Stuttg. 1880); «Führer durch S. und seine Bautene (herausg. vom Württembergischen Verein sür Baukunde, Stuttg. 1884); Führer durch S. und Umgebunge (herausg. vom Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs, Stuttg. 1885); „Führer durch S.5 (Würzb. 1885); Hartmann, «S. und Cannstatto (Zür. 1885); (Beschreibung des Stadtdirektionsbezirks S. » (herausg. vom königl. Statistischen topographischen Bureau, Stuttg. 1885); Hartmann, «Chronik der Stadt S. (Stuttg. 1886).