Tübingen, Oberamtsstadt im Schwarzwaldkreise des Königreichs Württemberg, liegt an einem Hügel am obern Neckar, in welchen hier die Ammer und die Steinlach mündet, in einer der malerischsten Gegenden des Neckarthals, ist Station der Linien Plochingen-Villingen und T.⸗Sigmaringen der Württembergischen Staatsbahnen, Sitz eines Landgerichts, eines Amtsgerichts, einer Generalsuperintendenz und anderer Behörden, hat außer der Universität, ein Gymnasium und eine Realschule, und zählt (1885) 12 660 meist prot. C. Das Innere der Stadt besteht aus unregelmäßigen, engen, abschüssigen Straßen mit alten, kunstlos gebauten Häusern. Zwei in den letzten Jahrzehnten entstandene Vorstädte tragen einen modernen Charakter, wie namentlich im östl. Teile der Stadt die Wilhelmsstraße mit verschiedenen neuen Gebäuden der 105 Bohaut Üüberragt wird die Stadt von dem Schloß Ho entübingen, dessen Bau im Renaissancestil vom Herzog Ulrich 1507begonnen und 1540 vollendet wurde. In demselbenist die Universitätsbibliothek aufgestellt und man hat von hier eine schöne Aussicht auf die Schwäbische Alb. Von ältern Bauwerken ist noch die Stiftskirche 1469—83 erbaut) zu erwähnen, mit alten Glasbildern im Chor und rabmälern verschiedener württemb. Fürsten (unter andern Eberhard im Bart, gest. 1496, und Herzog Ulrich, gest. 1550). Dem hier geborenen Dichter Uhland wurde 14. Juli 1873, dem Komponisten Silcher 7. Mai 1874, dem Dichter Hölderlin 30. Juni 1881 ein Denkmal gesetzt. Berühmt ist T. durch seine Universität, welche 1477 vom Grafen Eberhard im Bart, nachmaligem ersten Herzog von Württemberg, gestiftet und 1534 reformiert wurde: 1536 erhielt dieselbe in dem evang.⸗theol. Seminar (dem sog. Stift) eine Anstalt, welche den theol. und philos. Studien seitdem eine hervorragende Stellung unter den verschiedenen Lehrfächern gesichert hat. Seit 1806 ist die Universität dem Ministerium des Kultus untergeordnet. Nach der 1831 festgestellten Universitätsverfassung liegt die Leitung der Universität in den Händen eines vom akademischen Senat alljährlich gewählten Rektors, dem ein Kanzler als Bevollmächtigter der Regierung zur Seite steht. Während die übrigen deutschen Unipersitäten meist nur vier oder fünf Fakultäten besitzen, zählt T. deren sieben, indem 1817 eine eigene staatswissenschaftliche und eine katholisch-theologische (früher in Ellwangen), 1863 eine besondere naturwissenschaftliche Fakultät errichtet wurde. Mit der kath.⸗theol. Fakultät wurde auch das kath.⸗theol. Konvikt (Wilhelmsstift) von Ellwangen nach T. verlegt. An der Universität sind thätig 53 ordentliche und 17 außerordentliche Professoren und 10 Privatdocenten. Die Zahl der Studierenden hat in der neuesten Zeit bedeutend zugenommen und beträgt 1200— 1400 (1422 im Sommersemester 1885), darunter 5 —600 Nichtwürttemberger. Im Aug. 1877 wurde unter Beteiligung der königl. Familie die vierte Säkularfeier der Universität fettich begangen. Berühmt ist die von Baur (s. d.) begründete sog. Tübinger Schule in der Theologie geworden. Die Stadt Tübingen wird zuerst 1078 erwähnt. Sie gehörte den Grafen von Tübingen, bis sie 1342 durch Kauf an den Grafen Ulrich von Württemberg kam. Am 10. Juli 1514 wurde zu T. der Tübinger Vertrag zwischen dem Herzog Ulrich und dem Landtage abgeschlossen, wodurch das Land die Schulden des Herzogs übernahm, und die Freiheiten und Rechte der Landschaft dem Herzog gegenüber feststellte. Die Stadt wurde 1519 vom Schwäbischen Bund belagert und mußte sich 25. April samt dem Schloß ergeben; 1647 wurde sie von den Franzosen unter Turenne erobert und mußte bei dem Franzoseneinfall von 1688 sich 15. Dez. an den Brigadegeneral Peysonnel ergeben, welcher die Festungswerke schleifen ließ. In der Nähe von T. liegt das alte Cistercienserkloster Bebenhausen (s. d.). Vgl. Klüpfel und Eifert, «Geschichte und Beschreibung der Stadt und Universität T.v (Tüb. 1849); Klüpfel, »Die Universität T. in ihrer Ver angenheit und Gegenwarte (Tüb. 1877); „L. und seine Umgebungend (3. Aufl., Tüb. 1884).