Sündenvergebung heißt in der religiösen Sprache der von Gott ausgehende Erlaß von Schuld und Strafe der Sünde (s. d.). Der Glaube daran 1 schon im Heidentum, besonders klar in den heil. Schriften der Inder (den Veda), ausgesprochen und an bestimmte, teils ceremonielle, teils sittliche Bedingungen auf seiten des Menschen ge-Inüpft. In der israelitischen Religion sind zum Zwecke der S. für unfreiwillige Sünden des einzelnen die Sünd⸗ und Schuldopfer, für die des ganzen Volks das große Versöhnungsopfer eingesetzt; dieselben haben aber nur religiösen Wert als Ausdruck demütiger und bußfertiger Gesinnung. An dieselben sittlichen Bedingungen knüpft das Evangelium Jesu die Verkündigung der göttlichen S. Wie Jesus aber schon selbst seinem Tode die Bedeutung auf Errettung seiner Gemeinde von dem bevorstehenden Strafgericht Gottes gegeben hat, so faßte schon dies Urchristentum diesen seinen Tod als ein zum Zwecke der S. gestistetes Sühnopfer unb das an die Stelle der alten Opfer getreten sei, und die kirchliche Dogmatik hat daraus die Theorie von der stellvertretenden Genugthuung (s. d.) ausgesponnen, welche Christus durch seinen Tod der Strafgerechtigkeit Gottes geleistet habe. Die Aufklärungszeit hat sich viel mit der Frage beschäftigt, inwiefern Überhaupt S. möglich sei, und dieselbe bestritten, sofern man darunter einen um fremder Leistung willen ausgesprochenen Erlaß der Sündenstrafe verstand. Die Lösung der Schwierigkeit ergibt sich aber einfach aus der nur religioösen Fassung der S., nach welcher dieselbe weder Straferlaß, noch eine wunderbare Umwandlung des Sünders in einen Gerechten, sondern vielmehr die Wieder-Herstellung des durch die Sünde gestörten normalen Iur Bedineun des Menschen zu Gott, oder die unter Bedingung von Demut und Glauben dem Menschen von neuem zugesicherte väterliche Gesinnung Gottes bedeutet.