Tempus (lat., Zeit) ist ein der griech.Iat. Grammatik entlehnter Kunstausdruck für gewisse Formen des Verbums, die nach der Auffassung der Grammatiker eine bestimmte Zeit ausdrückten. Das Verbum des Indogermanischen entwickelte zunächst r drei Formen, die nicht die Zeit, sondern eine be-d stimmte Art der Handlung bezeichneten: eine Form zum Ausdruck der dauernden Handlung (Präsens), eine zur Bezeichnung der vollendeten Handlung (Perfectum), eine mit der Bedeutung der momentanen oder eintretenden Handlung (Aorist). Um Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, also die wirklichen Zeiten auszudrücken, hatte die Sprache keine besondern Formen, sondern deutete die Vergangenheit an durch Zusetzung gewisser Partikeln, welche etwa »damalso bedeuteten (solcher Art ist ursprünglich das griech.Augment), oder bildete Zusammensetzungen aus bereits vorhandenen Formen, so das Futurum aus dem Stamme des Verbums und einer Präsensform der Wurzel, welche »seins bedeutet. Auf diese Weise entstanden das Imperfektum, die Vergangenheit der dauernden Handlung ausdrückend, also zum Präsens ehörig; das Plusquamperfektum (in einfacher Sorm fast nur im Griechischen vorhanden), die Vergangenheit der vollendeten Handlung bezeichnend, also zum Perfektum gehörig; das Futurum; das Futurum exactum (nur im Griechischen und Lateinischen) zum Ausdruck der Vollendung in der Zukunft, daher vom Perfelt abgeleitet: endlich noch eine zusammengesetzte Form für die momentane Handlung lerster oder zusammengesetzter Aorist). Die wenigsten indoerm. Syr haben diese Tempusreihe volländig. So hat z. B. das Deutsche schon in seiner ältesten uns vorliegenden Gestalt, im Gotischen, nur zwei Tempora, Präsens und Perfektum. Das Perfektum drückt hier, wie auch in andern Sprachen, nicht bloß den Zustand der Vollendung, sondern auch die Vergangenheit aus. Da der Zeitpunkt der Vollendung immer in der Vergangenheit liegt, konnte die Sprache die Begrisfe Vollendung und Vergangenheit zusammenwerfen, so gut wie sie die dauernde Handlung mit der Gegenwart identifiziert. So haben auch die Deutschen in ihrer Sprache nur jene beiden Tempora (z. B. ich treibe, ich trieb, Präsens und Perfektum, letzteres oft auch Präteritum oder Imperfektum genannt). Alle übrigen in der deut⸗ —— Grammatik aufgezählten Tempora sind Umschreibungen mit Hilfsverben: ich habe getrieben, werde treiben u. s. w. Die Namen der Tempora sind sämtlich aus den griech. und lat. Grammatikern in die Grammatik anderer Sprachen übertragen worden, ohne immer dasselbe zu bezeichnen wie dort. So z. B. ist das im Deutschen so genannte Imperfektum der Form nach ein wirkliches Perfektum, sodaß man von dem Namen nicht ohne weiteres auf die ursprüngliche Gestalt und Bedeutung eines T. schließen darf. Für die Bildung der Tempora vgl. W. von Humboldt, aliber die Entstehung grammatischer Formens (in den «Abhandlungend der berliner Akademie, 1825); Curtius, „Die Bildung der Tempora und Modi im Griechischen und Lateinischen» (Berl. 1846); derselbe, «Das Verbum der griech. Spracher (2Bde., Lpz. 1876); Delbrück, „Das altind. Verbume» (Halle 1874); Schleicher, Kompendium der vergleichenden Grammatik der indogerman. Sprachenv (4. Aufl., Weim. 1876).