FeedTheognis von Megara
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Theognis von Megara, ein bedeutender griech. Clegiendichter, dessen Blüte wohl in die zweite Hälfte des 6. Jahrh. v. Chr. fällt, war ein entschiedener Aristokrat und wurde daher, als in Megara die Demokratie zur Herrschaft gelangte, mit seinen Parteigenossen aus der Heimat vertrieben. Er hielt sich nun an verschiedenen Orten in Griechenland und Sicilien auf. Als aber die aristokratische Partei mit Waffengewalt die Herrschaft in Megara wiedergewann, kehrte auch T. zurück und lebte wieder in seiner Heimat. Unter seinem Namen ist eine Sammlung von Gedichten in elegischem Versmaß (im ganzen 1389 Verse) erhalten, deren weitaus größere Hälfte überwiegend polit. und moralischen Inhalts ist, also der gnomischen Poesie angehört, während die letzten 160 Verse aus Elegien zusammengesetzt sind, die auf heitern Lebensgenuß und Knabenliebe sich beziehen. Die Hauptsammlung bildet weder ein dusammenhängendes Ganzes, noch besteht sie aus Cedichte in sich abgerundeten und abgeschlossenen Gedichten, sondern ist eine mosaikartige Zusammenstellung von Bruchstücken, von denen mehrere andern Dichtern (namentlich Mimnermos und Solon) angehören: also eine Art Anthologie aus den Werken des T. mit Beimischung solcher von andern ältern griech. Elegikern. Den zweiten kleinern Teil sprechen einige T. ganz ab und einem spätern Dichter zu. Die Sammlung ist besonders herausgegeben, namentlich von Bekker (Opz. 1815 u. Berl. 1827, Welcker (Frankf. 1826), Ziegler (Tüb. 1868; 2. Aufl. 1880) und Sitzler (Heidelb. 1880) und steht in den Sammelwerken von Schneidewin (Delectus poetarum elegiacorum Graecorumo, Gött. 1838) und Bergk (Poetae lyrici graecio, 4. Aufl., Lpz. 1882). 1828), Weber (Bonn 1834) und Binder (Stuttg. 1859). Vgl. Rintelen, „De Theognide Megarensi poetav (Münst. 1863); Bernhardt, (Theognis quid de rebus divinis et ethicis senserito (Bresl. 1871); Müller, De scriptis Theognideis o (Jena 1877): Schneidewin, «De syllogis Theognideisv (Straßb. 1878). Theogönie (grch.) heißt bei den Alten die Lehre von der Eaae pab und Abstammung der Götter. Nach der Sage haben schon Musäus und Orpheus T. geschrieben, doch ist nur eine T. unter dem Namen des Hesiod (s. d.) erhalten. Theokraätie (grch., d. h. Gottesherrschaft) heißt eine Staatsverfassung, bei der man Gott selbst als den Regenten und die geltenden Gesetze als Befehle Gottes betrachtet. Die Priester sind dabei, als Verkündiger und Ausleger der göttlichen Befehle, die Stellvertreter des unsichtbaren Regenten. Der Name ist zuerst auf die israel. Staatsform angewendet worden, wie sie nach der spätern Auffassung vor der Königszeit bestanden haben soll und auch nachmals von der Priesterschaft wieder als Ideal angestrebt wurde. Eine ähnliche Staatsverfassung strebten im Mittelalter die Päpste an, die sich als Statthalter Gottes zur Herrschaft über alle Könige und Völker der Christenheit berufen glaubten. Theokrit (grch. Theokritos), der bedeutendste bukolische Dichter der Griechen, ein Sohn des Praxagoras und der Philinna, war in Syrakus (nach andern auf der Insel Kos) um 300 v. Chr. geboren. Nach einem Aufenthalt auf der Insel Kos ging er nach Alexandria, wo er den Unterricht des Asklepiades von Samos (s. d.) und des Philetas von Kos (s.d.), zweier von T. hochgeschätzter Dichter und Grammatiker (d. h. Philologen), genossen haben soll und sich um die Gunst des Königs Ptolemäos Philadelphos bewarb. Sein vertrautester Freund war der milesische Arzt-Nikias. Auch in Syrakus hat er sich längere Zeit aufgehalten, deren König Hieron II. er ebenfalls um seine Gunst anging. Die Erzählung, daß dieser den Dichter wegen Schmähungen auf seinen Sohn habe hinrichten lassen, ist gewiß falsch. 113 T. ist der Begründer derjenigen Dichtgattung, welche man die bukolische, d. i. Hirtendichtung, oder die Idylle (s. d.) nennt; doch hat er dieselbe nicht frei erfunden, sondern dafür volksmäßige Elemente, wie sie besonders in Sicilien vorlagen, und litterarische Vorbilder (hauptsächlich die Mimen des Sohron) benutzt und daraus eine neue, dem Geschmack einer Zeit, welche sich aus der Überfeinerung in die gesunde Luft des einfachen Naturlebens flüchtete, zusagende Litteraturgattung eschaffen. eine Dichtungen, besonders soweit sie Scenen aus dem Hirtenleben oder Genrebilder aus dem niedern Bürgerstande geben sind ausgezeichnet durch feinen Sinn für das Natürliche und Volkstümliche, frei von aller Sentimentalität und künstlicher Alleschilde voll Wahrheit und Kraft in der Charakterchilderung, hier und da auch Derbheit und gesunde Sinnlichkeit nicht verschmähend. Die Ausgaben des T. enthalten außer den bukolischen und einigen in der Form ähnlichen Gedichten auch lyrische und epische Dichtungen und ein in der Form einer Syrinx geschriebenes poetisches Kunst tück, zusammen 31 Gedichte, von denen aber einige wahrscheinlich, manche sicher nicht von T. herrühren; dazu kommt noch das Fragment eines panegyrischen Gedichts „Berenikes und eine Anzahl Epigramme, denen aber noch mehr nicht von T. herrührende beigegeben sind. Unter den neuern Ausgaben sind die von Ahrens (Textausgabe, Lpz. 1856; kritische Ausgabe mit den Scholien, 2 Bde., Lpz. 1855 u. 1859), von Meineke (Berl. 1856), von Fritzsche (mit deutschem Kommentar, 2. Aufl., Lpz. 1869; 3. Aufl., von Hiller, Lpz. 1881; mit lat. Kommentar, 2. Ausg., Lpz. 1870) und von Ziegler (Tüb. 1867; 3. Ausg. 1879), unter den deutschen Übersetzungen die von E. Mörike und F. Notter (Stuttg. 1855) und von Zimmermann (Stuttg. 1856) hervorzuheben. Theokrit von Chios war ein Redner der demokrat. und antimacedon. Partei daselbst, dem eine Sammlung Chrien, eine „wohl mit Libyens und Briefe zugeschrieben wurden, wohl mit Unrecht, nur daß unter den Chrien mündliche Aussprüche des T. sich befunden haben werden. Auch soll T., nach schlecht bezeugter Überlieferung, panegyrische Reden verfaßt haben. Theologie (vom grch. dechovle), der Wortbedeutung nach soviel als Lehre von Gott, bezeichnet nach allgemeinem Sprachgebrauch den gesamten Umkreis der Religionswissenschaft. Bei den Griechen bedeutete das Wort ursprünglich die Lehre von den Göttern, ihre Geschichte und ihre Verhältnisse zur Welt. Homer und Hesiod, aber auch der Syrer Pherekydes, der Kreter Epimenides hießen daher Theologen. Innerhalb der christl. Kirche kommt das Wort zuerst seit dem 4. Jahrh. in eingeschränktem Sinne als die Lehre von der Gottheit des Logos (s. d.) vor, und die Verteidiger dieser 1 wie der Evangelist Johannes und Gregor von Nazianz, erhielten den Beinamen Theologen. Seitdem übertrug man den Namen auf den ganzen Inbegriff der kirchlichen Gotteslehre. Im heutigen Sinne von Religionswissenschaft kam der Ausdruck erst im Mittelalter durch Abälard (s. d.) auf, welcher eine Theologia christiana schrieb. Schon die Scholastiker unterschieden, je nach den verschiedenen Erkenntnisquellen, eine natürliche und eine geoffenbarte T., von denen jene die auch der natürlichen Vernunft zugänglichen Wahrheiten, die letztere die durch übernatürliche göttliche Belehrung mitgeteilten Erkenntnisse umfaßte. Als Erkenntnisquelle der geoffenbarten T. galt die Autorität der Heiligen Schrift und der kirchlichen Überlieferung. Der ältere Protestantismus behielt die Unterscheidung der natürlichen und der geoffenbarten Gotteserkenntnis bei. V nach der Form des Vortrags unterschied man die akrogmatische oder wissenschaftliche und die katechetische oder populäre T., ferner die thetische, didaktische oder positive (systematische) und die polemische T.; je nach der Verprallishe des Inhalts die theoretische und die praktische T. Als der Inbegriff des zum Kirchendienst erforderlichen Wissens zerfällt die T. in drei Hauptteile, die historische, systematische und praktische TZ. Die istorische Theologie handelt teils von der gechichtlichen der Kiehe teils von der geschichtlichen Entwickelung der Kirche in der Welt: mit jener hat es die Bibelwissenschaft, mit dieser die Kirchen⸗ und Dogmengeschichte zu thun. Die systematische Aussagen des frommen Selbstbewußtseins und die eigentümlichen Gesetze religiöser Erkenntnis zu ermitteln (theol. Prinzipienlehre), sodann den objektiven Wahrheitsgehalt der christl. Heilsidee im Zusammenhange mit aller anderweiten Erkenntnis theoretisch zu entwickeln (spekulative Dogmatik), endlich den ethischen Wert des christl. Heils als des höchsten Guts in seinem Zusammenhange mit allen anderweiten Lebensgütern der Menschheit und das der Verwirklichung dieses Guts dienende individuelle und gemeinsame Leben als ein System sittlicher Willensbestimmungen darzustellen (theol. Ethik). Die praktische Theologie entwickelt uerst die Idee der Kirche in ihrer lebendigen Ent-Iuluung als gegliederter Organismus (Ecclesiastik, die in die Lehre von der Natur des kirchlichen Lebens überhaupt, vom Kirchenamt und von den kirchlichen Ordnungen zerfällt), dann die konkrete Selbstdarstellung des kirchlichen Lebens oder die kirchliche Feier (Theorie des Kultus), endlich die auf die Verwirklichung ihrer Bestimmung gerichtete Thätigkeit der Kirche nach ihren verschiedenen Beziehungen hin (Arbeit an der Lehre, Seels orge, Mission). Die Geschichte der T. wird 489 die Reformation in Wise Perioden geteilt. Das edürfnis einer theol. Wissenschaft hat so ziemlich seit den ersten nfängen der christl. Kirche sich geltend gemacht, sobald man die ssenschaft des christl. Heilsglaubens gegen wissen chaftlich gebildete Gegner zu verteidigen hatte. Die älteste christliche T. war ebenso wie die jüdische T. Exegese oder Schriftgelehrsamkeit. Mit Hilfe sog. pneumatischer oder allegorischer Auslegung suchte man die neuen christl. Gedanken in die heiligen Urkunden des Alten Testaments hineinzudeuten. Seit der nähern Berührung mit den Bildungselementen der heidn. Welt mußte namentlich die Verbindung des christl. Glaubens mit griech. Philosophie dazu dienen, eine die wahr T. zu begründen, welche sich zugleich als die wahre Philosophie erweisen sollte. Den ersten großartigen, aber in Religionsmengerei entartenden Versuch machten die Gnostiker; ihnen folgten mit besserm Glück die Logoslehrer, die christl. Apologeten und Alexandriner. Die Schrift des Origenes (. d.y über die Grundlehren kann als die erste christl. Dogmatik bezeichnet werden. Als Quelle der christlichen T. galt nächst der sog. „Glaubensregelo die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments. In der Auslegung der biblichen Urkunden unterschieden sich seit dem 4. Jahrh. ie antiochenische und die alexandrinische Schule. Aus den kirchlichen Streitigkeiten des 4. bis 7. hrh. und den von den großen Kirchenversammlungen jener Zeit festgesetzten Lehrbestimmungen ing almählich ein ganzes kirchliches Lehrsystem ervor, das zuerst von Johannes von Damascus im 8. b 5 zusammengestellt wurde. Im Abend⸗ „lande fiel diese Arbeit der mittelalterlichen Scholastik anheim, welche seit Abälard (gest. 1143) — Peter dem Lombarden (gest. 1164) von der Erörterung einzelner dogmatischer Fragen zur systematischen Zusammenfassung des Lehrganzen fortschritt. ö Rurch Aufgabe war lediglich, den Glauben der Kirche, die Loci communesv Melanchthons, sind fest Balsbenz ae Dogmas, an dessen „Bekenntnisd der Heilsbesitz gebunden schien, zugleich das Beempfand, wurde diese Autorität nur an anderer Stelle gesucht als bisher. Das immer ausschließ licher dogmatische Interesse us einem unfehlbaren, göttlich eingegebenen Lehrodex stand nicht nur dem —4 tändnis der Bibel im Wege, sondern drängte auch das Schriftstudium selbst, mit Ausnahme einer jusgezogenen Sammlung von „Bibelstelleno, hinter ie Verteidigung der in den Bekenntnissen enthalenen reinen Lehre und hinter di —1. Papisten, Calvinisten, Philippisten, Syneristen u. s. w. zurück. Mit' dem allmählich wieer hervorgesuchten Apparat der mittelalterlichen Scholastik rüstete sich die orthodore Dogmatik des 17. Jahrh. zum Kampfe wider alle möglichen Gegner und zum Aufbau eines dem scholastischen nahe verwandten, mit unendlichem Scharfsinn durchgeführten Lehrsystems. Die Hauptvertreter der ausebildeten luth. Dogmatik sind Joh. Gerhard, önig, Calov, Quenstedt, Baier und Hollaz. Ahnlich wie die lutherische entwickelte sich die reformierte T., wenn auch die größere Mannigfaltigkeit der methodischen Behandlung eine etwas freiere biotne Bewegung und lebendigere Reproduktion iblischer Anschauungsformen offen ließ. Auf dem gemeinsamen Boden der äußern Autorität und der dogmatischen Lehrüberlieferung erwies sich die katholische T. durch prinzipielle Kon-Reihad und innere Einheit nicht minder wie durch Seroa tung der Kontinuität mit der kirchlichen ergangenheit und häufig auch in der gelehrten Kenntnis der letztern der protestantischen überlegen. Aber die protestantische T. zog ihre Kraft aus den auf Entfesselung der Subjektivität gerichteten Tendenzen der Zeit, und ihre religiösen Prinzipien erlaubten eine fortwährende Verjüngung der theol. Wissenschaft, während die Stärke des Katholizismus nur in der Bestreitung der Inkonsequenzen des altprot. Standpunktes lag. Dieselbe geistige Bewegung, welche in der Reformationszeit das Recht der religiösen Subjektivität gegenüber den Satzungen und Traditionen der Kirche zur Geltung brachte, führte in ihrem weitern Verlauf dazu, das wissenschaftliche Denken auf einem Gebiet nach dem andern von den bisherigen Fesseln zu befreien. Seit den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrh. sah sich die protestantische T. überall zur Defensive gedrängt. Nachdem der Pietismus (s. d.) das orthodore Dogma erweicht, die Wolfsche Philosophie es nur scheinbar und vorübergehend befestigt hatte, zog gegen Ende des Jahrhunderts der Geist der Aufklärung auch in die theol. Schulen ein. Es entbrannte der Kampf um die alten Autoritäten der Kirche und die göttliche Eingebung der Heiligen Schrift, um die Notwendigkeit einer übernatürlichen Offenbarung und einer übernatürlichen Beglaubigung derselben durch Wunder und Weissagungen. Gleichzeitig arbeiteten die neuerwachten exegetischen und histor.⸗kritischen Studien der philos. Aufklärung in die Hände und schärften das Auge für die menschliche Entstehung der biblischen Bücher, für den natürlichen Hergang der Wunderbegebenheiten, für den lokalen und temporellen Charakter zahlreicher im Alten und Neuen Testament enthaltenen Vorstellungen. Während der Supernaturalismus (s. d.), die Autorität der biblischen Offenbarung und die Glaubwürdigkeit der Wunder mühsam zu verteidigen suchte, gewann seit Semler (s. d.) der Rationalismus (s. d.) die Oberhand, welcher eine übernatürliche Offenbarung nur für möglich, aber unerweisbar erklärte, und den Inhalt derselben jedenfalls auf das auch der natürlichen Vernunft einleuchtende Gebiet der allgemein moralischen Wahrheiten beschränkte. Die notwendige Konsequenz dieses Standpunktes war die Unterscheidung zwischen dem Wesen und der geschichtlichen Erscheinung der christl. Religion, von denen jenes durch philos., diese durch histor.⸗kritische Forschung auszumitteln sei. Einmal von den alten Autoritäten erlöst, begann auch in der T. das denkende Subjekt seine unveräußerlichen Rechte zurückzufordern und das kirchliche Dogma wie jedes andere Lehrsystem, die biblischen Urkunden wie alle andern Geschichtsquellen zu prüfen. Hatte die T. früher der Philosophie nur einen formellen oder methodischen Wert, aber weder ein konstitutives, noch ein kritisches Ansehen in Glaubenssachen eingeräumt, so mußte jetzt das dogmatische System sich bald eine kritische, bald eine spetulattve Bearbeitung nach Kantschen, Fichteschen, Schellingschen, Hegelschen Grundsätzen gefallen lassen. Die Kantianer setzten das Wesentliche der christl. Religion in ihren moralischen Gehalt und in die sog. Postulate der praktischen Vernunft, die Ideen von Gott, Freiheit, Unsterblichkeit; die Fichtesche Schule in den Glauben an eine moralische Weltordnung, während die sy ekulative Theologie unter den Einflüssen Schellings und Hegels gerade in den geheimnisvollen Dogmen der Kirche, den Lehren von der Dreieinigkeit, der Menschwerdung Gottes, der Versöhnung, der Offenbarung, dem innern Geisteszeugnis u. s. w., sinnliche Hüllen philos. Wahrheiten sah. Bei aller meist mehr scheinbaren als wirklichen Annäherung an das altkirchliche Dogma stand diese T. völlig auf dem Boden der modernen Welt und den die das Göttliche und Ewige der Welt und dem Menschen nicht äußerlich gegenüberstellt, sondern in seiner Immanenz, in Natur und Geschichte zu begreifen suchte. Auch Schleiermacher, welcher zuerst wieder der Religion ein selbständiges Gebiet gegenüber dem sittlichen Handeln und dem philos. Denken zu sichern wußte, suchte dieses Gebiet nicht in einer jenseitigen Welt, aus welcher uns übernatürliche Belehrungen zugeflossen seien, sondern in dem innersten Wesen des Menschengeistes und seinem Verhältnis unbedingter Abhängigkeit von dem unendlichen Grunde alles endlichen Daseins, und beschrieb die kirchlichen Dogmen als Reflexionen über innere Gemütszustände des Menschen, in denen niemals das Göttliche als ein direktes Objekt theoretischer Erkenntnis, sondern nur immer indirekt in seiner Beziehung auf unser frommes Selbstbewußtsein gesetzt sei. Indessen hatte die Verflüchtigung des religiösen Gehalts durch die philos. Schulen eine Reaktion des frommen Gefühls erzeugt, welche, durch die allgemeinen Restaurationstendenzen seit dem J. 1815 begünstigt, den ältern Autoritätsglauben von neuem erweckte und von biblischer Gläubigkeit» bald genug zu orthodoxer Rechtgläubigkeit fortschritt. Trotz des auf ihr lastenden Drucks hat jedoch die theol. Wissenschaft niemals gefeiert und auf dem durch Schleiermacher angebahnten Wege den ewigen Gehalt des religibösen Bewußtseins, unbekümmert um verlebte Autoritäten, mit den geistigen Bildungsmitteln der Gegenwart und im Einklang mit der modernen Weltanschauung denkend reproduziert, während gleichzeitig ihre histor.⸗kritischen Untersuchungen uber die Urzeit der christl. Kirche, die Person Christi und ihre heilige Litteratur bereits ein echt menschliches und geschichtliches Verständnis derselben ermöglicht haben. Vgl. Karl Schwarz, «Zur Geschichte der neuesten T.y (Lpz. 1856; 4. Aufl. 1868).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 618Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 5

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6