Thessalien, die östl. Hälfte des nördl. Griechenland, umfaßt im weitesten Sinne das ganze Ländergebiet, welches im N. durch den Olympos und die Kambunischen Berge, im W. durch Lakmon, Pindos und Tymphrestos, im S. durch das Staebirge, im O. und SO. von dem Thermäischen. Pagasäischen und Malischen Meerbusen (ietzt Golf von Salonichi, von Volo und von Lamia) begrenzt wird. Im strengern geogr. Sinne bezeichnet der Name nur das Land zwischen dem Olympos und seinen Fortsetzungen im Norden, dem Lakmon und Pindos im Westen, dem Othrys im Süden und dem Pelion und Ossa im Osten, das Thalbecken des Peneios, dessen Kern und Mittelpunkt eine weite, äußerst fruchtbare, für Ackerbau und Viehzucht trefflich geeignete Ebene ausmacht. Der beherrschende Fluß, der Peneios (jetzt Salamvria genannt), der, auf den nordöstl. Abhängen des Lakmongebirges entspringend, anfangs gegen Südost fließt, tritt unterhalb Aginion (dem jetzigen Stagos) in den südwestl. Teil der Ebene ein, in welcher er von beiden Seiten her zahlreiche Zuflüsse erhält, dann in einem großen Bogen den nordöstl. Teil der Ebene durchfließt und endlich in die Schlucht Tempe (s. d.) eintritt, und am Ausgange derselben durch eine jetzt 7—8 km lange und ebenso breite Alluvionsebene sich in den Thermäischen Meerbusen ergießt. Diese im engern Sinne T. genannte Landschaft wurde in den ältesten Zeiten von urgriech. Stämmen (Perrhäbern, Hestiäern, Böotern loder Arnäern], Minyern) bewohnt, welche durch die aus Thesprotien eingewanderten Thessaler, welche der Landschaft ihren brhm Namen gaben, seit der Mitte des 11. Jahrh. v. Chr. teils ausgetrieben, teils unterworfen und zu Leibeigenen oder Hörigen (Penesten) herabgedrückt wurden. Dieses unmittelbar von den Thessalern beherrschte Gebiet zerfiel seit dem 8. Jahrh. v. Chr. in vier Bezirke (Tetraden): die Hestiäotis im Nordwesten mit der Hauptstadt Trikka (jetzt Trikkala); die Pelasgiotis im Nordosten und in der Mitte der Landschaft, mit der Hauptstadt Larissa (s. d.), neben welcher besonders noch Atrax, Gyrton, Krannon, Pherä und Pagasä zu erwähnen sind; die Thessaliotis im Südwesten mit der Hauptstadt Arne (später Kierion) und Phthiotis im Südosten mit den Hauptorten Pharsalos (s. d.), Thebä und Larissa Kremaste. In einem lockern Unterthänigkeitsverhältnis standen zu den Thessalern außer andern die Magneten, die Bewohner des östlichsten unter den Außenländern T.s, der von den Gebirgen Ossa und Pelion eingenommenen Halbinsel Magnesia, während das Gebiet der Doloper im Südwesten am Pindos und Tymphrestos, und die Gebiete der Anianen und Malier im Thale des Spercheios (jetzt Hellada) zwischen Othrys und Ota, mit den Städten Hypata, Lamia und Trachis oder Herakleig, größere Unabhängigkeit sich bewahrten. Die Bewohner des eigentlichen T. standen im Altertum in übelm Rufe: man warf ihnen Neigung zur Völlerei und Ausschweifungen aller Art, Mangel an Sinn für Gesetzlichkeit und Ordnung vor, Vorwürfe, die insbesondere dem sehr zahlreichen herrschenden Adel galten, welcher sich hauptsächlich mit der Züchtung edler Rosse (die thessal. Reiterei galt als die beste in ganz Griechenland) und mit rengaihawicg abab, und an Stierkämpfen (Taurokathapsia) zu Roß und ähnlichen Vergnügungen Wohlgefallen hatte. Die thessal. Frauen waren im allgemeinen als Zauberinnen und Giftmischerinnen verrufen. Die Regierung der größern Städte und ihres Gebietes lag in den Händen einzelner mächtiger Dynastengeschlechter, unter denen die Aleuaden in Larissa und die Skopaden in Krannon die angesehensten waren; nur vorübergehend wurde, besonders in Kriegszeiten, behufs einheitlicher polit. und militärischer Leitung ein Gesamtherrscher oder Taos erwählt. Erst 376 v. Chr. gelang es dem Fürten von Pherä, Jason, diese Würde dauernd in Besitz zu nehmen und durch Konzentration der bedeutenden Streitkräfte des Landes T. zu einer starken Macht 10 gestalten. Aber die blutigen Wechselfälle, welche seiner Ermordung (370 v. C 0 folgten (nur sein Neffe Alexandros behauptete si zehn Jahre lang, 369—359 v. Chr., in der Herrschaft), machten dieser Stellung wieder ein Ende und gaben dem König Philipp II. von Macedonien Gelegenheit, sich in die innern Angelegenheiten des Landes einzumischen und dasselbe 352 und 344 zu einem macedon. Vasallenstaat zu machen; er legte die Herrschaft über die vier alten Tetraden als Tetrarchien (Vierfürstentümer) in die Hände ihm ganz ergebener Männer. Nach der Schlacht bei Kynoskephalä (197) erhielt T. durch die Römer wenigstens nominell seine Selbständigkeit zurück und wurde als ein Bundesstaat, an dessen Spitze ein jährlich wechselnder Strategos (Feldherr) stand, organisiert. Im J. 146 v. Chr. wurde es zur Provinz Macedonia, 27 v. Chr. zur Provinz Achaia gezogen, später, wahrscheinlich durch Vespasian, wieder mit Macedonien vereinigt, endlich durch Alexander Severus als besondere Provinz eingerichtet. Unter den ersten byzant. Kaisern hatte das Land durch wiederholte Einfälle erst der Goten und Hunnen, dann der Bulgaren, viel zu leiden; seit 1084, noch stärker im 12. Jahrh., tritt das (makedowalach. Element in den Vordergrund (von dem sich noch jetzt Nachkommen am Pindos erhalten haben), sodaß nachher in der fränk. Zeit das Hochland von T. den Namen Groß-Walachien führte. Seit 1393 fiel T. in die Hände der Türken; der kleine Landstrich südlich von der Wasserscheide des Othrys gehört dagegen seit 1832 zum Königreich Hellas und bildet in diesem die Eparchie Phthiotis mit der Hauptstadt Lamia; die Masse des übrigen T. (mit Ausnahme der nordwestl. Ecke) ist erst 1881 an das Königreich Hellas gekommen und bildet die Nomarchien Trikkala und Larissa. Val. Ussing, Griech. Reisen und Studieno (Kopenh. 1857); Kriegk, «Die thessal. Ebene v (Frankf. 1858); Bursian, 4Geographie von Griechenland y (Gd. 1, Lpz. 1862); Kiepert, «Carte de IPEpire et de la Thessalier (2 Blatt, Berl. 1871).