FeedThou (Jacques Auguste de)
GeschichteBrockhaus 1882

Thou (Jacques Auguste de), lat. Thuanus, franz. Geschichtschreiber und Staatsmann, geb. 8. Okt. 1553 zu Paris, wo sein Vater erster Prätsident des Parlaments war, empfing seinen Jugendeunterricht im College de Bourgogne, ging dann nnach Orleéans, um sich den Rechten zu widmen, und hsetzte dieses Studium auch unter Cujacius zu Valence fort, wo er mit Scaliger Freundschaft schloß. Nach seiner Rückkehr nach Paris 1572 war er Zeuge der Bartholomäusnacht. Im Alter von 20 J. begleitete er Paul de Foix auf einer diplomatischen Sendung nach Italien. Später bereiste er auch die Niederlande und Deutschland. Der König Heinrich III. übertrug ihm mehrere Missionen und machte ihn 1576 zum geistlichen Rat beim Parlament. Bald darauf erhielt er den Auftrag, als königl. Kommissar nach Guyenne zu gehen, wo er mit den prot. Häuptern verhandeln mußte, deren Achtung er durch Milde und Zuverlässigkeit gewann. T. wurde 1584 Requétenmeister. Als 1586 die Kämpfe der Ligue begannen, folgte er Heinrich III. und wies die Anträge der Guisen zurück. T. riet dem Könige, sich mit Heinrich von Navarra zu vereinigen, und brachte auch das Bündnis zu Stande. Hierauf eilte er nach Deutschland und Italien, um zur Fortsetzung des Kampfes gegen die Ligue Geld zu schaffen. Als er zu Venedig die Ermordung Heinrichs III. vernahm, kehrte er zum König von Navarra zurück und bot demselben als rechtmäßigem Thronerben seine Dienste an. Seine Offenheit, Rechtschaffenheit und Kenntnisse erwarben ihm bald das Vertrauen Heinrichs IV. Er erhielt 1594 die Vizepräsidentschaft des Parlaments und zugleich das Amt eines Großmeisters der königl. Bibliothek. Wiewohl er ein aufrichtiger Katholik war, setzte er im Interesse der Humanität und des Vaterlandes seine Kräfte daran, den innern Frieden zu befestigen. Nach der Ermordung Heinrichs IV. ernannte ihn die Regentin Maria von Medici zu einem der Finanzdirektoren. Doch zog er sich bald von den öffentlichen Geschäften zurück und lebte den Wissenschaften. Er starb 7. Mai 16177. T. hinterließ ein berühmtes Geschichtswerk, die (Iistoria sui temporiso. Nachdem er in Frankreich, Italien, Deutschland und den Niederlanden die Materialien zu dieser Zeitgeschichte om Tode Franz' J. bis zur Ermordung Heinrichs IV.) gesammelt, ging er 1591 an die Abfassung. Er teilte die ganze Arbeit in 138 Bücher, von denen er die 18 ersten 1604 veröffentlichte. Schon im ersten Jahre mußte das Bruchstück zweimal gedruckt werden. Eine neue Ausgabe, die bis zum 49. Buche reichte und sogleich ebenfalls zwei Auflagen erforderte, veranstaltete er 1606. Im J. 1614 erschien das Werk bis zum 80. Buche, welches die Ereignisse bis 1584 erzählt. Die päpstl. Censur hatte 1609 das Buch auf den Index gesetzt, weshalb T. in dieser letzten Ausgabe von seiner Hand viele Stellen milderte. Der Tod überraschte ihn bei Veranstaltung einer neuen Ausgabe, die erst 1620 durch seinen Verwandten Dupuy und seinen Freund Nic. Rigault zu Stande kam. Später erschien diese Ausgabe mit dem ursprünglichen Texte unter dem Titel Thuanus restitutus« in Amsterdam. Rigault setzte außerdem die Arbeit aus den Materialien T.8 bis zu dem gesteckten Ziele fort. Endlich erschien das Werk mit der Fortsetzung und dem ursprünglichen Text vollständig in sieben Foliobänden (Lond. 1733). Nach der letztern und besten Ausgabe ist auch die franz. Übersetzung abgefaßt, die 1734 zu Paris laber mit dem Druckort London) veröffentlicht wurde. T. erzählt die Geschichte, deren Augenzeuge er war, mit Genauigkeit, Wahrheitsliebe und Freimütigkeit, was ihm besonders die Verfolgung der kath. Partei zuzog. Zu seiner Rechtfertigung schrieb T. seit 1616 unter dem Titel „Thuani commentarius de vita sua, libri VIo (Orleéeans 1620; deutsch in Seybolds «Selbstbiographien berühmter Männero) Memoiren, die ebenfalls wohl von Rigault beendet wurden. Eine Sammlung seiner ausgezeichneten Poesien in lat. Sprache kam unter dem Titel «Posteéritati; poematium opus notis perpetuis illustratum a J. Melanchthones (Amsterd. 1678) heraus. Vgl. Charles, Discours sur la vie et les uvres de J. A. de T. (Par. 1824); Düntzer, »De T.s Leben, Schriften und histor. Kunste (Darmst. 1837). Der älteste Sohn, Frangois Auguste de T., geb. zu Paris 1607, war Parlamentsrat und erhielt nach dem Tode des Vaters auch die Stelle des Großmeisters der königl. Bibliothek. T. war ein Freund des Herzogs von Orleans, der Herzogin von Chevreuse, sowie des jungen Cinq-Mars, und diese Verbindungen zogen ihm den Haß Richelieus zu. Als die Verschwörung Cing-Mars' an das Licht trat, ließ der Minister auch T. verhaften, der in der That um den Anschlag gewußt hatte. Beide Freunde bestiegen mit Standhaftigkeit 12. Sept. 1642 zu Lyon das Schafott.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 657Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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