Tieck (Ludw.), deutscher Dichter, von hoher Bedeutung durch seinen Einfluß auf den Entwickelungsgang der neuern deutschen Nationallitteratur, wurde 31. Mai 1773 zu Berlin geboren, wo sein Vater Bürger und Seilermeister war. Seit 1782 war er Schüler des Werderschen Gymnasiums. Bereits zu jener Zeit erwachte seine Neigung zur poetischen Produktion, neben welcher sich auch sein mimisches Talent zu entwickeln begann. Er bezog 1792 die Universität zu Halle, wo er, wie hierauf zu Göttingen und Erlangen, sich dem Studium der Geschichte wie der ältern und neuern Litteratur widmete. Schon damals war Shakespeare der Mittelpunkt seiner Bestrebungen. In Berlin, wohin er 1794 zurückgekehrt war, lieferte er, wie auch seine Schwester Sophie, seit 1795 auf Veranlassung Nicolais für die von Musäus und J. G. Müller begonnenen «Straußfedern » eine Anzahl kleinere Erzählungen, erst nach franz. Mustern, dann originale Beiträge, unter denen «Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben v (1796) der bedeutendste war. Sein eigenstes Wesen bekundete er in der Erzählung «Abdallah » (Berl. 1795), welcher der minder phantasiereiche, aber nicht minder düstere Roman «William Lovell (3 Bde., Berl. 1795—96) folgte. Beide Erzeugnisse waren noch nicht künstlerisch vollendete Werke. Sein «Peter Lebrecht, eine Geschichte ohne Abenteuerlichkeiten (2 Bde., Berl. 1795—96) und «Peter Lebrechts Volksmärchen » (3 Bde., Berl. 1797) zeichnen sich aus durch Fülle der Phantasie und Naivetät wie durch einen vollen, überschäumenden Humor. Eine originale Dichtung im Tone der Volkssage war «Der blonde Eckberto. Schon jetzt, in den Märchen «Blaubarto und «Der gestiefelte Katero, kämpfte er mit satirischem Humor nicht ohne Erfolg gegen die Dichter der Aufklärung nicht minder wie gegen das aufgeklärte Publikum. Derselben Polemik gab er eine andere Form in dem Lustspiel «Die verkehrte Welto (1799). In den (Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders „ (Berl. 1797), ursprünglich von seinem Gon zedos an Wackenroder (gest. 1798), an welhen jedoch auch T. Anteil hatte, ferner in den „Phantasien über die Kunsto (Hamb. 1799), in welchen T. den Nachlaß Wackenroders mit einigen Aufsätzen vermehrt herausgab, besonders aber in dem Kunstroman «Franz Sternbalds Wanderungenv» (2 Bde., Berl. 1798) sprach sich eine Liebe zur Kunst aus, die sich aller selbstgefälligen Kennerei und Spielerei mit dem Schönen und Erhabenen widersetzte, zugleich aber in Verbindung mit einer schwärmerischen Religiosität auftrat, welche über seine Hinneigung zum Katholizismus keinen Zweifel übrigließ. Nicolai wandte sich deshalb von ihm ab; doch schloß sich T. eng an W. von Schlegel an, den er 1798 zu Berlin kennen gelernt hatte. Nachdem hierauf T. eine Tochter des hamburger Pastors Alberti, eines Freundes von Lessing, geheirathet, ging er 1799 nach Jena, wo er an Novalis einen neuen Freund erwarb. Damals veröffentlichte er «Romantische Dichtungen » (2 Bde., Jena 1799—1800), in denen außer dem Zerbinos noch die Tragödie Leben und Tod der Genovevav erschien. Im «Zerbino, einer Fortsetzung des „Gestiefelten Katerv, wurde die materielle, antipoetische Denkart mit Ironie geschildert, während sich darin zugleich die Verehrung der romantischen Poesie in allen ihren Farben spiegelte. Seine übersetzung des «Don Quixote » (4 Bde., Berl. 1799 — 1801; 3. Aufl. 1852) übertraf weit alle bisherigen Versuche. Nachdem er im Sommer 1800 auf kurze Zeit nach Berlin zurückgekehrt, lebte er 1801—2 in enger Verbindung mit Steffens zu Dresden. Hier gab er 1802 mit A. W. von Schlegel den Musenalmanach heraus, der viele Gegner, aber auch viele Freunde unter der empfänglichen Jugend fand. Endlich erschien 1804 sein längst erwarteter Kaiser Octavianusso, der nur in Einzelheiten schöne Gipfelpunkt seiner romantischen Produktionen. Neben diesen dichterischen Arbeiten widmete er sich dem Studium der Litteratur des deutschen Mittelalters, das er seit 1804 zu München, wo er mit Rumohr Freundschaft schloß, weiter verfolgte. Heftige gichtische Leiden führten ihn zu seiner Herstellung mit Rumohr und seinem Bruder Friedrich 1805 nach Italien, wo er teilweise Genesung fand und den Maler Müller kennen lernte. Im Herbst 1806 kehrte er nach Deutschland zurück, lebte erst zu Ziebingen bei Frankfurt a. O., wo er schon 1803 einige Zeit sich aufgehalten hatte, dann zu Dresden, hierauf zu Wien, endlich seit Herbst 1808 abermals zu München, wo er durch neue schwere Krankheitsanfälle bis 1810 gefesselt ward. Nur zum Teil hergestellt, wandte er sich wieder nach Ziebingen, wo er 1811 Solgers Freundschaft gewann, die von großem Einfluß auf seine Zukunft wurde. T. war jetzt bei einem Wendepunkte seines Lebens angekommen. Er hatte sich losgerungen von den mystischen Elementen, die ihn früher beherrschten, und begann festere Kunstformen zu suchen, wie sich dies zunächst im Phantasus »(3 Bde., Berl. 1812—17; neue Aufl. 1844—45) zeigte, welcher das vermittelnde Glied zwischen seiner frühern und spätern Dichtweise bildet. In demselben vereinigte er den Inhalt von «Peter Lebrechts Volksmärchenv mit manchem Neuen, worunter das Drama «Fortunato, zu einem kunstreichen Ganzen. Wie früher die Minnelieder aus dem schwäb. Zeitalter (Berl. 1803), so erschien um diese Zeit «Ulrichs von Lichtenstein Frauendiensto (Tüb. 1812), beides Arbeiten, durch die er für die Wiederbelebung der ältern deutschen Dichtkunst wesentlich mitwirkte. Sein „Deutsches Theater v (2 Bde., Berl. 1817) wurde nicht fortgesetzt. Mit seinem Freunde Burgsdorf machte er 1817 eine Reise nach England, wo er neue Materialien für Shakespeare sammelte. Er kehrte über Paris zurück und hielt sich dann wieder in Ziebingen auf, bis er sich 1819 nach Dresden wandte. Hier begann ein neuer Abschnitt seiner Thätigkeit in seinen Novellen, welche teils in verschiedenen Taschenbüchern, zuletzt meist in der Uraniav, teils als Rovellenkranzo (4 Jahrgänge, Berl. 1831—35), teils gesammelt (14 Bde., Bresl. 1835 —42; vollständig, 12 Bde., Berl. 1852—53) erschienen. Unter denselben sind die bedeutendsten „Dichterlebeno und »Der Tod des Dichterso. Noch höher steht der umfangreichere, aber unvollendete „Aufruhr in den Cevennend (Berl. 1826), während „Der junge Tischlermeister (2 Bde., Berl. 1836) nicht gleichen Beifall finden konnte. Nur ein geringerer Wert kann auch dem Roman «Vittoria Accorombona (2 Bde., Bresl. 1840; neue Aufl. 1841) beigemessen werden. In diesen Novellen zeigt sich von T.s früherer Romantik kaum eine Spur. Vorherrschend ist der geistreiche Dialo über Litteratur und Leben der Gegenwart, vielfa von der feinsten und schärfsten Jronie durchdrungen. Die berühmten Abendzirkel in Dresden, wo T. sein seltenes Talent als Vorleser entfaltete, waren ein lebendes Abbild dieser Art von Novellistik. Außerdem nahm T. in Dresden lebhaften Anteil an der Leitung des Hoftheaters. Ein Resultat davon sind seine gehaltreichen „Dramaturgischen Blätter⸗ (2 Bde., Bresl. 1825—26), welche er auch in seine «Kritischen Schrifteno (4 Bde., Lpz. 1848—52) aufnahm. Bei dieser ausgedehnten Thätigkeit fand T. noch Muße für andere litterarische Arbeiten. Vor allem zu nennen sind als Früchte seiner Studien über Shakespeare aus früherer Zeit seine Bearbeitung von dessen Sturm (Berl. 1796) und das Altengl. Theater »(2 Bde., Berl. 1811), aus der Periode nach der engl. Reise «Shakespeares Vorschules (2 Bde., Lpz. 1823 —29). Seit 1825 erschien unter seiner Leitung die Fortsetzung der Schlegelschen Übersetzung Shakespeares, an der seine geistvolle Tochter, Dorothea T., und Wolf Graf von Baudissin arbeiteten; er selbst begleitete das Werk mit Anmerkungen. Bald nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. von Preußen wurde T. von diesem mit ansehnlicher Pension und dem Titel eines Geh. Hofrats an den preuß. Hof gezogen und lebte seitdem, oft kränkelnd, abwechselnd in Berlin und Potsdam, wo damals die verschiedenen theatralischen Versuche hauptsächlich von ihm ausgingen. Er starb 28. April 1853 zu Berlin. Eine Sammlung seiner «Gedichten (3 Bde., Dresd. 1821—23; neue Aufl. 1841), die von reichem dichterischen Talent Zeugnis ablegen, aber in der technischen Form zum Teil vernachlässigt sind, veranstaltete er selbst, wie auch die seiner „Sämtlichen Schrifteno (unvollendet, 20 Bde., Berl. 1828 —42). Nach seinem Tode erschienen „Die Sommernacht, eine Jugenddichtunge (Frankf. 1853) und „Nachgelassene Schrifteno (herausg. von Köpke, 2 Bde., Lpz. 1855). Vgl. Köpke, Ludwig T. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters „(2 Bde., Lpz. 1855); Hoffmann,«Ludwig T. Eine litterarhistor. Skizzer (Nürnb. 1856); Friesen, Ludwig T. Erinnerungen eines alten Freundes aus den J. 1825—425 (2 Bde., Weim. 1871). T.s Schwester, Sophie T., geb. 1775 zu Berlin, vermählte sich 1799 mit August Ferdinand Bernhardi (s. d.). Nach ihrer Scheidung (1805) von diesem ging sie 1810 eine zweite Ehe mit einem Herrn von Knorring ein, mit dem sie sich nach Estland wandte, wo sie 1836 starb. Außer Gedichten hat sie einige Romane und Schauspiele veröffentlicht.