FeedWieland (Christoph Martin)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Wieland (Christoph Martin), einer der bedeutendsten deutschen Dichter, geb. zu Oberholzheim, im Gebiete der schwäb. Reichsstadt Biberach, 5. Sept. 1733, lelbun von seinem Vater, der damals Pfarrer daselbst, später in Biberach war, eine sorgfältige Erziehung und den ersten Grund seiner wissenschaftlichen Bildung. Die Schule der Vatertadt förderte ihn daneben in der lat., twih und ebr. Sprache, und die ungewöhnliche Entwickelung des höchst empfänglichen Knaben erregte schon früh die Aufmerksamkeit. Im 12. Jahre versuchte er bereits sein poetisches Talent, bald in lat., bald in deutschen Versen. Im 14. Jahre kam er auf die Schule zu Kloster-⸗Berge bei Magdeburg. Schon hier traten seine spätern schriftstellerischen Eigentümlichkeiten, Empfänglichkeit für die verschiedensten geistigen Gebiete, eine eigentümliche Vereinigung dichterischer und philos. Thätigkeit und Anmut der Darstellung hervor. Außer den alten Klassikern beschäftigte er sich mit engl. und franz. Litteratur. Als 16jähriger Jungling verließ er Kloster-Berge, andt nun anderthalb Jahre bei einem Verwandten in Erfurt zu, der ihn zur Universität vorbereitete, und kehrte 1750 in seine Vaterstadt zurück. In diesen Aufenthalt fällt seine Liebe zu Sophie von Gutermann, der nachherigen, auch als Schriftstellerin bekannt gewordenen Frau von Laroche. Auf einem Spaziergange mit ihr kam ihm die Idee zu seinem Lehrgedicht Die Natur der Dinge v. Im Herbst 1750 begab sich W. auf die Universität zu Tübingen, um die Rechtswissenschaft zu studieren; doch achaften er sich mehr mit den humanistischen Wissenschaften und der neuern schönen Litteratur des In⸗ und Auslandes, und dichtete außer dem erwähnten Lehrgedicht, welches 1752 zu Halle anonym erschien, „Zwölf moralische Briefe v, Anti-Ovid v, «Lobgesang auf den Frühling », Erzählungenv». In dieser Zeit wirkte besonders Klopstocks Vorbild auf ihn ein. Auf eine Einladung Bodmers, dem er schon früher fünf Gesänge eines nie vollendeten und erst 1882 in den heilbronner Neudrucken Nr. 6 herausgegebenen Heldengedichts „Hermanns zugeschickt hatte, gab er den Plan auf, sich in Göttingen zu habilitieren, und ging nach Zürich. W. schrieb hier zunächst eine Abhandlung von den Schönheiten des Bodmerschen Gedichts „Noah. Wie Bodmer selbst vielerlei auf einmal und mit Flüchtigkeit zu treiben pflegte, so folgte auch W. diesem Beispiel, wie die Menge und Beschaffenheit seiner damals verfaßten Schriften darthur z. B. Briefe von Verstorbenen an hinterlassene Freunder (1753), Der geprüfte Abrahamo, episches Gedicht in vier Gesängen, wozu Bodmer als Triebfeder und Muster mitgewirkt hatte, „Hymnene, «Empfindungen eines Christen u. s. w. Allmählich machte er sich aber von Bodmers Einfluß los, und seine Denk⸗ und Dichtungsart ward eine ganz andere. Der lebhafte Anteil, welchen er an den Thaten Friedrichs d. Gr. nahm, veranlaßte ihn, das Ideal eines Helden in einem größern Gedicht auszuführen, wozu er Cyrus wählte. Die ersten fünf Gesänge dieses Gedichts erschienen 1759; allein der Beifall war mit Recht nur mäßig, und so blieb es unvollendet. Ziemlich zu derselben Zeit bearbeitete er die schöne Episode aus der Kyropädier des Xenophon, Araspes und Pantheas, in dialogisierter Prosa. Bodmers Haus hatte er schon 1754 verlassen. Er unterrichtete nun die Söhne zweier züricher Familien vier Jahre lang, worauf er kurze Zeit nach Bern zum Landvogt Sinner als Hauslehrer ging. Hier schrieb er sein zweites Trauerspiel,«Clementina von Porettanach Richardsons „Grandison ». Er lernte dort auch Rousseaus Freundin, Julie Bondeli, kennen, mit der er in freundlichen Verhältnissen lebte, bis er endlich 1760 in seine Vaterstadt als Kanzleidirektor zurückkehrte. Von großem Einfluß für W. war es, daß 1762 der ehemalige kurmainzische Staatsminister Graf von Stadion sich auf sein Schloß in dem Biberach nahe gelegenen Marktflecken Warthausen zurückzog. Bei ihm lebte sein Schützling, der kurmainzische Hofrat Laroche und dessen Gattin, Wis erste Geliebte. Warthausen wurde für W. eine Stätte geistiger Erhebung und feinen weltmännischen Verkehrs. Hier lernte er zuerst den Ton der vornehmen Welt und eine Geistesbildung näher kennen, die hauptsächlich aus der franz. und engl. Litteratur ewonnen war; hier fand er auch eine in beiden itteraturen reiche Bibliothek. Unter diesen Einflüssen schrieb W. in Biberach den Roman «Die Abenteuer des Don Sylvio de Rosalva oder der Sieg der Natur über die Schwärmerei» (1764), wobei ihm der Don Quixote » zum Muster diente; ferner die besonders in ihrer ursprünglichen Form sehr anstößigen KKomischen Erzählungen » (1766), „Die Geschichte des Agathono (1766 — 67), einen vortrefflichen griech. Sittenroman; das heroischkomische unvollendete Gedicht Idriso (1768), eine in Sinnlichkeit getauchte Nachahmung von Ariosts „Rasendem Rolando, endlich das durch Anmut, Leichtigkeit und Harmonie der Darstellung ausezeichnete Lehrgedicht »Musarion oder die Philosophie der Grazienp (1768). In Biberach verfaßte er auch seine Übersetzung von 22 Stücken Shakepeares (aShakespeares theatralische Werkes, 8 Bde., ür. 1762—66), eine bei allen Mängeln für ihre eit höchst verdienstliche und einflußreiche Arbeit. m J. 1769 folgte W., der sich inzwischen 1765 mit einer Augsburgerin vermählt hatte, einem Rufe als Professor der Philosophie an die Universität zu Erfurt, wo er bis 1772 blieb. In dieser Zeit erschienen von ihm die «Dialogen des Diogenes von Sinopey (1770), die durch Rousseaus Schriften hervorgerufenen «„Beiträge zur geheimen Geschichte des menschlichen Verstandes und Herzens, aus den Archiven der Naturs (1770), Der goldene Spiegel oder die Könige von Scheschian⸗ (1772), worin er das Gemälde eines idealen Staats zu entwerfen suchte, das Lehrgedicht & Die Grazien »(1770), die poetische Erzählung „ Combabus » (1770) und das komische Gedicht in 18 Gesängen „Der neue Amadis» (1771). Die Herzogin Anna Amalia berief ihn 1772 als Erzieher ihyrr beiden Söhne mit dem Charakter eines herzogl. Hofrats nach Weimar. Hier schrieb er das Singspiel «Alcestes und gründete den Deutschen Merkure, eine Monatsschrift, die er bis 1796 redigierte, und worin nun alle seine neuen Dichtungen und eine große Anzahl prosaischer Aufsatze, die nur mit Auswahl in seine Werke aufgenommen sind, erschienen, namentlich der komische Roman „Die Geschichte der Abderiten» (1774) und die Gedichte »Der verklagte Amor y (1774), Das Wintermärchen» und «Gaudalin oder Liebe um Lieben (1776), „Geron der Adeliges und »Das Sommermärchene (1777) u. a., vor allen aber sein bestes und berühmtestes Werk 4Oberon» (1780; Ausg. letzter Hand 1796; mit Einleitung und Anmerkungen herausg. von R. Köhler, Lpz. 1868; mit Illustrationen nach Zeichnungen von Gabriel Max und Kloß, Stuttg. 1869). Vgl. Burkhard, „Repertorium zu W.s deutschem Merkur ena 1873). Im J. 1782 und 1786 erschienen S vortreffliche übersetzungen und Erläuterungen der Episteln und Satiren des Horaz, 1788 —89 die der sämtlichen Werke des Lucian. Letzterer Arbeit verdankten die »Neuen Göttergesprächer und die Geheime Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteuso (1790,„ wozu der Agathodämon (1799 ein Seitenstück bildet, ihre Entstehung. Seit 1793 arbeitete W. mit großem Fleiß an der Revision seiner sämtlichen Werke, von denen 1794 — 1802 eine Gesamtausgabe in 36 Bänden mit sechs Supplementbänden in Großquart und Groß⸗ und Kleinoktav bei Göschen in Leipzig erschien. In den neunziger Jahren übersetzte W. mehrere Komödien des Aristophanes, welche teils im «Deutschen Merkur», teils in dem 1796 von ihm begründeten Attischen Museums erschienen. Letztere Zeitschrift 1796—1801, „Reues attisches Museumv von W., ottinger und Jacobs, 1802—10) sollte besonders Übersetzungen der Meisterwerke der attischen Poesie, Philosophie und Beredsamkeit liefern und wurde von W. mit einer übersetzung des „Panegyrikuso des Isokrates eröffnet. Im I. 1797 erwarb sich W. das Gut Osmannstedt bei Weimar, wo er bis 1803 im Kreise einer zahlreichen Familie (seine Gattin hatte ihm in 20 Jahren 14 Kinder geboren) lebte. Hier schrieb W. seinen letzten größern Roman, «Aristipp und einige seiner Zeitgenosseno (4800—2). Im J. 1803 verkaufte er seinen Landsitz und zog wieder nach Weimar. In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte ihn vorzugsweise die Übersetzung und Erläukerung der Briefe Ciceros, die er jedoch nicht vollenden konnte (5 Bde., 1808 —12). Er starb 20. Jan. 1813. Seine Überreste ruhen in dem Garten seines ehemaligen Gutes Osmannstedt neben seiner 12 heote vor ihm gestorbenen, von ihm zärtlich gelie ten Gattin und einer Enkelin seiner Freundin Laroche, Sophie Brentano. Die Loge Amalia zu Weimar, deren Mitglied W. noch in hohem Alter geworden war, veranstaltete 18. Febr. eine Gedächtnisfeier, wobei Goethe die vortreffliche, W.s Verdienste freudig anerkennende Rede hielt. W.s erzenes Standbild von Gasser ist zu Weimar 4. Sept. 1857 enthüllt worden, unmittelbar vor der Enthüllung der Rietschelschen Doppelstatue Goethes und Schillers; ein anderes Denkmal (Marmorbüste von Scherer auf einem Postament von gelblichem heilbronner Sandstein nach dem Entwurf von Professor Dollinger) wurde 6. Juni 1881 in Biberach enthüllt. W. war weder ein reformatorischer Geist wie Klopstock und Lessing, noch reicht er an Goethes und Schillers Dichtergröße. Dennoch hat er sich um die deutsche Litteratur große Verdienste erworben. Er gab der deutschen alt euhn als sie sich zu tieferm, nationalem • erhob, die ihr noch fehlende Anmut und den Wohllaut des Wortes und des Verses, in welcher Beziehung namentlich Goethe viel von ihm gelernt hat. Wahmuurer hat er durch seine übersezungen und Nachahmungen viele nachhaltige Richtungen zuerst angeregt. Ganz neu ging von ihm aus dichterische ehandlung des mittelalterlichen Rittertums. Daher verdankt ihm eigentlich die romantische Dichterschule ihr Entstehen, obgleich sie ihn nicht nach Verdienst anerkannte. Aber auch aus England, Frankreich, Spanien und Italien hat er dichterische Stoffe eingeführt, die nicht ohne Nachwirkung blieben. Überall wußte W. mit feinem Takt das allgemein Menschliche herauszufinden, sodaß er nirgends als blinder Nachahmer des Auslandes dasteht. Endlich hat auch seine Kritik viel zur Verbreitung allgemeiner Bildung beigetragen. Eine neue Ausgabe von Wis sämtlichen Werken besorgte Gruber (53 Bde., 1818—28; 36 Bde., Stuttg. 1851—56; Auswahl von Heinr. Kurz, 3 Bde., + 1869 —70). Vgl. außer Grubers Biographie W.s (4 Bde., Lpz. 1827 — 28) W.s ausgewählte Briefes (4 Bde., Zür. 1815 —16), „Auswahl denkwürdiger Briefer (2 Bde., Wien 1815) und «„Briefe an Sophie Laroche⸗ (Berl. 1820); Loebell, «Christoph Martin W.y(Braunschw. 1858); Buchner, „W. und die Weidmannsche Buchhandlunge (Berl. 1871); derselbe, W. und G. J. Göschene (Stuttg. 1874); Bodemann, «Julie von Bondeli und ihr Freundeskreis, W., Rousseau etc.v (Hannov. 1874); Ofterdinger, »W.s Leben und Wirken in Schwaben und der Schweizo (Heilbr. 1877): Pröhle, «Lessing, W., Heinser (Berl. 1877); H. Funck, Beiträge zur W.⸗Biographie, aus ungedruckten Papierene (Freiburg i. B. 1882); Keil, „W. und Reinholdo (Lpz. 1885). Auch sein Sohn Ludwig W., geb. 28. Okt. 1777 zu Weimar, erwarb sich als Schriftsteller einen geachteten Namen. Er studierte zu Jena, lebte dann bei seiner Schwester in Zürich, wo er mit H. von Kleist und mhene verkehrte; 1809 ward er Bibliothekar des Fürsten Esterhäzy; seit 1811 wohnte er in Wien, Weimar und Jena als Redacteur polit. Zeitschriften und starb zu Jena 12. Dez. 1819. Er dichtete im Wetteifer mit H. von Kleist das Trauerspiel Die Familie Schroffensteins (Zür. 1802), das Drama „Evelina nach dem Englischen, die LustspieleAmbrosius Schlingey und „Die Bettlershochzeits (Braunschw. 1805) und das Schauspiel «Die Belagertens (Wien 1814), außerdem Erzählungen und Dialogeno (Lpz. 1803).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 612Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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