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ReligionBrockhaus 1882

Tischendorf (Lobegott Friedr. Konstantin von), hervorragender Bibelforscher und Kritiker, geb. 18. Jan. 1815 zu Lengenfeld im Vogtlande, Sohn eines Arztes, studierte 1834 — 38 Theologie und Philologie zu Leipzig, promovierte 1838 und habilitierte sich daselbst 1840. Bereits hatte er außer zwei gekrönten Preisschriften eine kritische Ausgabe des Neuen Testaments geliefert, in welcher er nach ähnlichen Prinzipien wie Lachmann verfuhr. In der Absicht, eine Reform des neutestamentlichen Tertes anzubahnen, ging er Herbst 1840 mit Unterstützung der sächs. Regierung zunächst nach Paris, wo es ihm unter anderm gelang, den Codex Ephraemi rescriptus zu entziffern. Nach zweijährigem Aufenthalte daselbst bereiste er behufs weiterer handschriftlicher Forschungen England, Holland, die Schweiz und Italien. Von Italien aus unternahm er eine Reise nach Agypten, den Klöstern der Nitrischen Wüste, nach dem Sinai und Palästina. Aus dem Orient brachte er eine wertvolle Sammlung griech., syr., kopt., arab. und anderer Manustripte mit, darunter einen griech. alttestamentlichen Pergamentcoder (Codex Friderico-Augustanus), der sich später als ein Teil des Codex Sinaiticus auswies. T. erhielt 1845 eine außerord. Professur zu Leipzig, 1850 eine ord. Honorarprofessur, 1859 eine ord. Professur der Theologie zugleich mit einer für ihn gestifteten Professur der biblischen Paläographie. Im J. 1853 unternahm er eine zweite Reise in den Orient, besonders nach Agypten und dem Sinai, als deren Frucht er eine neue Sammlung wertvoller griech., arab. und syr. wie karäischer Handschriften heimbrachte. Von einer dritten, 1859 auf Kosten der russ. Regierung unternommenen orient. Reise brachte er namentlich die unter dem Namen Codex Sinaiticus berühmt gewordene älteste griech. Bibelhandschrift nach Petersburg. Das Werk (4 Bde., Fol.) erschien zum 1000jährigen russ. Reichsjubiläum Herbst 1862; zwei Handausgaben des neutestamentlichen Teils folgten (Lpz. 1863 u. 1864). Im J. 1868 bewirkte er in Petersburg die + des Codex Sinai⸗- ticus an Kaiser Alexander, welche 1869 von seiten der Sinaitischen Brüderschaft vollzogen ward. Kaiser Alexander II. erhob ihn 1869 in den erblichen russ. Adelsstand. T. starb 7. Dez. 1874 zu Leipzig. Die meisten wissenschaftlichen Arbeiten L.s betreffen die Doppelaufgabe einer Textreform für das Neue und das griech. Alte Testament. Dahin gehören, als Bestandteile einer christl. Urkundenbibliothek, die Ausgaben des Codex Ephraemi Syrio (Lpz. 1843 u. 1845), des Codex Friderico-Augustanusv (Lpz. 1846), die Monumenta sacra ineditao (Lpz. 1846), «Evangelium Palatinum ineditumo (Lpz. 1847), «Codex Amiatianuso (Lpz. 1850 u. 1854), Codex Claromontanuso (Lpz. 1852), «Novum Testamentum Vaticanumo (Lpz. 1867), KAppendix codicum celeb. Sinaitici Vaticani Alexandrinis (Lpz. 1867), endlich Monumenta sacra inedita, nova collectioo (auf 9 Bde. berechnet, Bd. 1 —7, Lpz. 1854 — 71). Die Anecdota sacra et profana (Lpz. 1855 u. 1860) und die «Notitia editionis codicis bibliorum Sinaitici ete.v (Lpz. 1860) enthalten die Kataloge seiner Manuskriptensammlungen neben bisher noch nicht herausgegebenen patristischen und klassischen Stücken. Das griech. Neue Testament gab er zweimal in Paris heraus (1842), 22mal in Leipzig (1841 —75). Eine neue große kritische Ausgabe (editio VIII. critica majory) erschien bis 1872 in zwei Bänden Text. Zweimal verband er mit dem griech. Text seine Revision vom lat. Text des Hieronymus und den auf die Originalausgaben zurückgeführten Lutherschen im „Novum Testamentum triglottumo (Lpz. 1854 u. 1865), woraus der lat. und deutsche Text auch besonders abgedruckt erschienen. An diese Ausgaben des Neuen Testaments schloß sich eine kritische Synopsis evangelicas (4. Aufl., Lpz. 1878) an. Als vorzügliches Ergebnis seiner Bemühungen um den Text der Septuaginta ist die mit kritischem Apparat begleitete Ausgabe derselben (Lpz. 1850, 1856, 1860, 1869, 1875, 1880, 1887) hervorzuheben. Ein weiteres Gebiet, das T. mit Erfolg in den Bereich seiner Forschungen gezogen hat, ist das der neuaronten Prei pokryphen. Der in Holland 1850 gekrönten Preisschrift De evangeliorum apocryphorum origine et usuy folgten, unter Benutzung von mehr als 100 Handschriften mit 19 bisher unedierten Schriften die Acta apostolorum apocryphas (Lpz. 1851), die Evangelia apocrypha⸗ (2. Aufl., Lpz. 1873), die Apocalypses apocryphaes (Lpz. 1866). T.s Apologie der Evangelien (Wann wurden unsere Evangelien verfaßt?) erfuhr von 1865 bis 1867 vier deutsche Ausgaben und 13 in den verschiedensten Übersetzungen. Vieles Interessante bieten seine beiden Reisewerke: «Reise in den Orient (2 Bde., Lpz. 1845 —46), und «Aus dem Heiligen Lander (ELpz. 1862). Vgl. Volbeding, «Konstantin T. in seiner 25jährigen schriftstellerischen Wirksamkeit „ (Lpz. 1862).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 713Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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