FeedTiza (Boronatrocalcit)
Bildende KunstBrockhaus 1882

Tiza (Boronatrocalcit), s. unter Borax. Tizian, eigentlich Tiziano Vecelli, der größte Meister der venet. Malerschule, wurde 1477 zu Pieve di Cadore im Friaul geboren. In zartem Alter bereits kam er nach Venedig, um sich dem Kunststudium zu widmen, und zwar zur günstigsten Zeit; denn im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrh. gewann die venet. Malerei, dank der Thätigkeit der Brüder Gentile und Giovanni Bellini, ihre klassische Form. Ob Palma vecchio auf den Jugendstil T.s Einfluß übte, ist sehr fraglich, dagegen wirkte der geniale Giorgione (Giorgio Barbarelli) mächtig auf ihn ein, wie man an mehrern frühen Madonnenbildern der wiener Galerie, andererseits an allegorischen Kompositionen, z. B. dem berühmten Gemälde Himmlische und irdische Liebe (in der Sammlung Borghese zu Rom) oder an den Drei Lebensaltern (Sammlung Ellesmere in London) wahrnimmt. Seine öffentliche Wirksamkeit begann er an der Hand Giorgiones, wenigstens in dessen Gemeinschaft, indem er bei der Ausschmückung des in den ersten Jahren des 16. Jahrh. neu wieder aufgebauten Kaufhauses der Deutschen (Fondaco dei Tedeschi) am Canale Grande in Venedig mit beschäftigt wurde. Von den 1507 und 1508 auseführten Malereien beider ist fast nichts übriggelieben. Nur wenige Schatten lassen heute T.s Arbeit erkennen, allein unter den Zeitgenossen regte sich schon die Meinung, daß ihm der Vorzug gebühre. Er erfüllte die lahet Erwartungen der Venetianer durch eine Reihe religiöser Gruppengemälde (Madonnen und sog. heilige Konversationen in Wien und Florenz), besonders aber durch seinen Christus mit dem Zinsgroschen (Galerie zu Dresden), das Meisterwerk seiner Jugendperiode, in welchem sich Hoheit der Auffassung und Tiefe der Charakteristik mit gediegener Schönheit des malerischen Vortrags verbinden. Im 0 1511 erhielt er einen größern Auftrag und zwar für Padua, wo er unter anderm in der Scuola del Santo unter Beteiligung des Domenico Campagnola einen Cyklus von Fresken zur Legende des heil. Antonius ausführte, Malereien, welche bei großen koloristischen Vorzügen doch den eigentlich monumentalen Stil vermissen lassen. Sein Beruf lag vielmehr in der Ausbildung der Staffeleitechnik. Das zeigte sich an seinem Altarbild zur Verherrlichung des Markus, des Schutzheiligen der Republik (jetzt in Sta.⸗Maria della Salute), welches die großen Eigenschaften seiner spätern Hauptwerke schon verheißungsvoll ankündigt. Gleichzeitig setzte er Ehrgeiz darein, Staatsaufträge zu erlangen. Infolge dessen begann seine Thätigkeit als Porträtmaler, die ihm Gelegenheit gab, diesen Zweig malerischer Kunst zu nie zuvor erreichter Höhe zu erheben. Wenn auch die meisten der Dogenbildnisse T.s im Brande des Markuspalastes 1577 zu Grunde gegangen sind, haben sich doch zahlreiche andere Porträts seiner Hand erhalten, welche zu den größten Leistungen ihrer Gattung gehören. Von Staats wegen wurde ihm auch Anteil an den Malereien im Saale des Großen Rates eingeräumt, wo in mächtigen, an die Wände zu befestigenden Olgemälden die großen geschichtlichen Erinnerungen der Republik verherrlicht werden sollten. Alles jedoch, was T. in jener Ruhmeshalle gemalt hat, ist durch Feuer zerstört. Nur die Komposition eines einzigen jener Bilder, die Schlacht bei Cadore, vermag man aus Kopien und aus einem von Giulio Fontana angefertigten Kupferstich zu würdigen. Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XVX Die Stellung des Meisters innerhalb der Künst-Ilerschaft und der gesamten geistigen und polit. Aristokratie Venedigs gestaltete sich immer dominierender. In dem Maße, in welchem er sich in seinen künstlerischen Außerungen der Bildungselemente des damaligen Kulturlebens bemächtigte, wuchs sein Ruf und das Verständnis seines Genies bis zu jener leidenschaftlichen Verehrung, wie sie ihm namentlich von den kunstsinnigen Höfen der Este in Ferrara und der Gonzaga in Mantua entgegengebracht wurde. Durch Herzog Alfonso von Ferrara war er mit Ariost bekannt geworden, jetzt (um 1520) komponierte er für diesen Fürsten auf Grund antiker Dichtungen Bilder aus der Mythe des Dionysos und aus dem Kultus der Venus Gacchanal und Venusfest im Museum zu Madrid), welche mit dem Interesse genialer Illustration den Reiz übermütiger Lebensfrische verbinden. Fast zu derselben Zeit war T. mit einer Anzahl Kompositionen religiösen Inhalts beschäftigt, unter welchen die 1518 vollendete Himmelfahrt Marias (Assunta, Akademie in Venedig) als die bedeutendste hervorragt. Durch dieses Werk begründete er einen neuen kirchlichen Monumentalstil, welcher durch die Macht der Farbe und das Element des Lichts eine magische übernatürliche Wirkung hervorbringt. Gleiches Ziel, aber mit einfachern Mitteln, erstrebt er in seinem Madonnenbilde von San-⸗Niccold (vollendet 1523, jetzt in der vatikanischen Galerie); das Etiis artigste Erzeugnis dieses hohen kirchlichen Stils aber ist die sog. Pala Pesaro, das Votivbild der Familie dieses Namens, in Sta.⸗Maria dei Frari in Venedig, vom J. 1526. Gleichzeitig entstanden daneben jene Wundergebilde einer modern hellenischen Phantasie, welche die gottgegebenen Reize des Weibes enthüllen. Sie waren nicht bloß die Ideale jener Zeit, sondern sie sind geradezu Muster der Vollendung geblieben. Daß man zu allen Zeiten geneigt gewesen ist, in Bildern, wie der sog. Maitresse du Titieno, der Flora und der Bella, so- wie auch in den berühmten Vennssgmen, der Danaé und andern aus dieser und spätern Perioden herrührenden Huldgestalten Porträts (Herzogin Eleonora von Urbino) zu suchen, beweist, in wie hohem Grade T. es verstand, die Schönheit mit dem Reize des Persönlichen auszustatten. Das J. 1530 verzeichnet einen der größten innerlichen und äußerlichen Triumphe T.s durch die Vollendung eines Gemäldes, mit welchem er einen bedeutenden Schritt in seiner künstlerischen Entfaltung vorwärts that. Im Wetteifer mit Palma vecchio und Pordenone lieferte er die Komposition vom Tode des Petrus Martyr für die Kirche San-Giovanni e Paolo, welche 1867 durch ein unaufgeklärtes Mißgeschick verbrannte. Zur erhabenen Auffassung des Vorgangs gesellte sich aufs wirkungsvollste das Gefühl für die landschaftliche Schönheit und ihre bedeutsame Verwendung im Historienbilde. Daneben enthüllen Gemälde, wie die Grablegung Christi oder die Madonna mit dem Kaninchen (im Louvre) die Macht und Unerschöpflichkeit seiner Palette, während andere Kompositionen, wie der Tempelgang Marias (Akademie, Venedig) bei aller Größe noch besonders durch den Reichtum gemütvoller genrehafter Motive ausgezeichnet sind. Von Wichtigkeit für T.s Stellung in der großen Welt war sein Verhältnis zu Pietro Aretino. Für T.s Kunst hatte er wirkliches Verständnis und machte sich nicht bloß aus Spekulation, sondern auch aus Überzeugung zum Herold seines Ruhms, der nun mit Riesenschritten wuchs. Entscheidend wurde die Huld, welche Kaiser Karl V. dem Meister entgegenbrachte. Der feinsinnige Monarch, damals auf der Höhe seiner Macht, erteilte dem ital. Meister fortan das ausschließliche Vorrecht, sein Bildnis zu malen, und bekräftigte die hohe Meinung, die er dadurch aussprach, durch den Adelsbrief und die Erhebung in den Pfalzgrafenrang (1533). Die natürliche Folge war der Wetteifer, womit nun alle einflußreichen Granden den Maler auszeichneten. Am inhaltsvollsten wurde sein Verhältnis zum Herzogspaaxe von Urbino, ausgiebiger gestalteten sich die Beziehungen zu Ippolito von Medici, Davalos, den Granvellas u. a. Als eine der Epochen seines Lebens betrachtete T. selbst den Aufenthalt in Rom 1545, wo er als Gast Pauls III. Farnese im Vatikan wohnte. Wenn auch die Kunstweise des fast 70jährigen Mannes keine entscheidenden Einflüsse mehr erfahren konnte, so war doch der Verkehr mit Michel Angelo und seinen Gesinnungsgenossen, so- wie die Bekanntschaft mit den Werken Rafaels von erfrischender Wirkung, und man beobachtet in jenen Jahren einen neuen Aufschwung der Kraft. Dieser bewährt sich, als der greise Meister 1548 auf Einladung des Kaisers in Augsburg erschien und die fast erdrückenden Ansprüche, die dort an ihn gestellt wurden, mit vollkommenem Gelingen bewältigte. Er porträtierte die Mehrzahl der Fürsten und hohen Würdenträger, die zum großen Reichstage versammelt waren, vom Kaiser, den er im Harnisch zu Pferd malte, bis auf den unglücklichen gefangenen Kurfürsten von Sachsen, dessen Bildnis sich im Belvedere in Wien befindet; und was bei seinem ersten Aufenthalt in der deutschen Reichsstadt an derartigen Aufgaben übrigblieb, holte er nach, als er zwei Jahre später nochmals zu gleichem Zwecke dorthin kam. Damals wurde T. veranlaßt, eine Komposition der Erwartung des Weltgerichts zu entwerfen, welche Karl später mit andern Gemälden T.s in die Einsamkeit von San-Juste mitnahm. In den 20 Jahren, welche diesem noch zu wirken geschenkt waren, hat er vorwiegend für König Philipp II. von Spanien gearbeitet. Unverkennbar verrät sich in vielen für Spanien bestimmten Gemälden letzter Periode stellenweise ein Sinken der künstlerischen Kraft. Die noch zahlreich in Madrid bewahrten Werke sind überdies in der Mehrheit Wiederholungen oder Varianten früherer Kompositionen, bei deren Ausführung vielfach Schülerhände mit thätig waren. Aber zur Beurteilung des Altersstils Ts muß vor allem an die zwischen 1540 und 1550 ausgeführten großen Deckengemälde, jetzt in Sta.⸗Maria della Salute, erinnert werden, Darstellungen alttestamentlicher Vorgänge, welche an Wucht mit der Figurenbildung Michel Angelos wetteifern und vollkommene Meisterschaft der Verkürzung mit jener Breite des malerischen Vortrags verbinden, die für die monumentale Dekorationsmalerei der spätern Venetianer Vorbild wurde. Aus dem 80. Jahre T.s rührt sodann das große Votivbild zum Gedächtnis des Dogen Antonio Grimani, La Fede genannt, und noch später entstanden Werke, wie die herrliche Komposition der Venus von Pardo (Jupiter und Antiope), die Dornenkrönung, beide jetzt im Louvre, und das zweite Eremplar des Laurentius für Spanien. Endlich malte T. noch 1574 ein Votivbild zum Gedächtnis des Siegs von Lepanto. Der spätern „Zeit seines Lebens gehören außerdem eine Reihe von Porträts an, unter denen diejenigen seiner selbst bestes Eremplar im Museum zu Berlin) und seiner Tochter Lavinia (ebenfalls in Berlin) am meisten fesseln. T.s Haus bei Biri Grande wurde von allen hervorragenden Männern besucht, welche Venedig berührten. In T.s Persönlichkeit mischten sich tüchtige und verschlagene Eigenschaften, Größe und Kleinheit; aber wenn er auch menschliche Schwächen, besonders in seinem Verkehr mit den Großen der Welt, und eine gewisse Neigung zur Spekulation an den Tag legte, so blieb er doch immer ein vornehmer Mann. Seiner geistigen Potenz entsprach die beispiellose Gesundheit seiner Natur. Bis ins 99. Lebensjahr ist er thätig gewesen und erlag 27. Aug. 1576 der Pest, gleichzeitig mit seinem Sohne Orazio Vecelli, der als Maler sich an vielen der spätern Werke des Vaters beteiligt hatte. Seine Bronzestatue zu Pieve di Cadore (modelliert von Dal Zotto, gegossen von den Brüdern de Poli) wurde 5. Sept. 1880 enthüllt; ein Kolossaldenkmal Grabmal) in weißem Marmor, 1852 durch Kaiser Ferdinand I. errichtet (von Luigi und Pietro Zandomeneghi), befindet sich in Sta.⸗Maria dei Frari in Venedig. Noch mehrere Angehörige der Familie widmeten sich mit größerm und geringerm Erfolge derselben Kunst: so Francesco Vecelli, Tis Bruder, welcher in verschiedenen Städten des Friaul thätig war, sodann Cesare Vecelli, welcher mit seinem Vetter T. in Augsburg war und besonders durch sein interessantes Trachtenbuch (Abiti antichilue modernio) bekannt ist; endlich Marco Vecelli, ein jüngerer Atelierschüler des großen Meisters. Die litterarischen Hauptquellen über T. sind: Vasari's Künstlerbiographienv: Ridolfi, «Maraviglie dell' arteo; ferner Northeote, „Life of T.„ (1830); endlich vorzugsweise Crowe und Cavalcaselles Biographie T.s (in deutscher Ausgabe von M. Jordan, Lpz. 1877). Tjaglo (spr. Täglo), im ältern Rufsisch, Last, Verpflichtung, Steuer, dann die Steuereinheit, das von einer bald größern, bald kleinern Arbeitskraft (ein, zwei, höchstens drei Mann mit entsprechenden Pferden oder Zugvieh) bestellte Land als Träger der Steuereinheit. Es wird jetzt nur noch als Maß bei der Verteilung des im Gesamtbesitz befindlichen Gemeindelandes gebraucht. Tialk, s. Schmack. Tlindana, Tschindana, s. Sandelbosch. Tjumen, Hauptstadt eines gleichnamigen Bezirks im westsibir. Gouvernement und 275 Em südwestlich- von Tobolsk, an der Einmündung der Tiumenka in den Tobolzufluß Tura, in malerischer, fruchtbarer Gegend gelegen, die älteste von den Russen 1586 in Sibirien gegründete Stadt, die gewerbreichste Stadt des ganzen Landes, ist regelmäßig und schön gebaut, mit meist aus Holz geschmackvoll aufgeführten Häusern, elf steinernen Kirchen, zwei Klöstern, einer Moschee, einer Kreis- und zwei Pfarrschulen. Die Stadt zählt (1883) 14294 E., die mehr als 100 Industrieetablissements unterhalten und Talg- und Seifensiederei, Lichtzieherei, Glocken-und Eisengießerei, Töpferei, Weberei, Mattenflechterei, Netzstrickerei und Handschuhmacherei betreiben. Besonders bedeutend ist die Lederfabrikation, namentlich eine berühmte Juftenbereitung, deren Fabrikate ins Innere Asiens gehen. Auch der Handwerksbetrieb ist in blühendem Zustande. Zugleich ist T. ein Hauptpunkt des russ.⸗ sibir. Transithandels. Aus Sibirien gehen die ahrzeuge auf den Flüssen Ob, Irtysch, Tobol und Tura nach der Stadt, von wo aus die Waren auf dem Landwege über den Ural weiter befördert werden. Umgekehrt treten die Waren aus Europa hier den Wasserweg an. Gegenwärtig steht T. durch Dampfer mit den wichtigsten Punkten am Ob und Irtysch in Verbindung und seit 1885 ist die uralische Eisenbahn von Jekaterinenburg bis T. vollendet und dem Verkehr übergeben. Auch gehen über T. die Wagenzüge, die zu Land den kürzesten Weg weiter östlich nach Sibirien nehmen wollen. Von hier führt der Sibirische Trakt über Jalutorowsk, Ischim, Tiukalinsk, Kainsk, Kolywan, Tomsk, Krasnojarsk, Irkutsk bis nach Kiachta und zur Kirgisensteppe. Seit 1845 wird vom 1. Jan. bis 1. Febr. ein bedeutender Jahrmarkt, die Basiliusmesse, gehalten, welcher jedoch mit dem steigenden Verkehr der Messe von Irbit (s. d.) seit 1849 bereits wieder in Abnahme begriffen ist. T., früher die Residenz tatar. Chane, wurde unter dem Namen Tschingitura wahrscheinlich gegen Ende des 14. Jahrh. gegründet, 1580 aber von dem russ. Kosaken Jermak Timofejew erobert. Nach dessen Tode gründeten die Wojwoden Waßil Suken und wan Mjasno bei Tschingitura 1586 eine russ. tadt, die nach dem Namen des frühern Chanats T. benannt ward.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 720Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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