FeedGiorgiöne da Castelfranco
Bildende KunstBrockhaus 1882

Giorgiöne da Castelfranco, eigentlich Giorgio Barbarelli, einer der berühmtesten Maler der Venetianischen Schule, war wahrscheinlich zu Castelfranco im Trevisanischen um 1477 geboren und ein Schüler Giovanni Bellinis, auch hatte Antonello da Messina auf ihn Einfluß. Von Bellini erscheint er in seinen frühern Bildern noch abhängig: aber sehr bald erhob er sich zu selbständiger Freiheit in Auffassung und Farbe. Er wurde der eigentliche Gründer des venet. Kolorits, das bei Bellini zwar schon klar und leuchtend, aber erst bei G. recht warm, kraftvoll und lebendig ist. Ferner vervollkommnete er die schon bei frühern venet. Malern vorhandene Tendenz nach dem genrehaft Lebendigen, bediente sich des Landschaftselements als Hintergrund auf großartige Weise und lenkte die Malerei seiner heimischen Schule zuerst auf das Glanzvolle, Prächtige, das für die Zukunft ihren Charakter bestimmte. In Venedig schmückte er mehrere Gebäude mit ausgezeichneten Wandgemälden, z. B. die Fagade des Warenlagers der Deutschen (Fondaco de' Tedeschi), von denen aber die meisten zu Grunde gegangen sind. An Tizian fand er hierin einen bedeutenden Nebenbuhler. Er starb schon 1511, angeblich an den Folgen seiner Ausschweifungen. Seine Porträts gehören zu den schönsten der Italienischen Schule. In seinen Bildern findet sich bisweilen ein eigentümlich phantastisches Element, das sich bald mit Naivetät, bald mit glühender Sinnlichkeit verbindet, und Allegorisches mit Historischem vermischt. Ausgezeichnete Werke seiner Hand, die nicht häufig erhalten sind, besitzen die Galerien der Uffizien in Florenz (das Urteil Salomos, die Feuerprobe), Wien (die Feldmesser), die Sammlung Giovanelli in Venedig (die Familie des Künstlers), der Palazzo Pitti in Florenz (Konzert). H hat der Dom in Treviso einen wunderbaren eichnam Christi von Engeln bestattet, der zu Castelfranco eine Madonna mit mehrern Heiligen. Sein Schüler war Sebastiano del Piombo, der sich aber in der Folge an Tizian und Michel Angelo weiter bildete. Trotz seiner kurzen Wirksamkeit ist G.s Schaffen einer der Angelpunkte der ital. Kunstproduktion, indem auf seinen reformatorischen Einflüssen selbst die Kunst Tizians und der gesamten Venetianischen Schule ruht. Vgl. Schaufuß, Zur Beurteilung der Gemälde G.sv (Dresd. 1874); M. Thausing, «Wiener Kunstbriefer (Wien 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 48Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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