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ErdkundeBrockhaus 1882

Tokio, d. h. Hauptstadt des Ostens, gegenwärtig der offizielle Name von Jedo oder Jeddo, der Hauptstadt des Japanischen Reichs und nach dem Umsturze des Sgogunates seit 1869 Residenz des Mikado, liegt unter 35 35 nördl. Br. und 131“ 4 36“ östl. L. von Greenwich, an dem Hintergrunde der sehr geräumigen und von allen Seiten geschützten, aber in der Nähe des Ufers untiefen Bai von Jedo, an der Mündung des Flusses Sumidagawa, auf beiden Seiten desselben in einer wellenförmigen, höchst fruchtbaren und musterhaft bebauten Ebene, an deren südwestl. Grenze sich der 3800 hohe, erloschene Vulkan Fusi erhebt. Seit der neuen polit. Einteilung des Reichs von 1871 bildet T. mit seiner nächsten Umgebung ein besonderes Territorium, während es früher zu dem Distrikt Musasi der Landschaft Tokaido gehört hatte. T. wird nicht nur von dem Sumidagawa in eine kleinere östliche und eine größere westl. Hälfte geteilt, sondern auch noch von einem sich in ihn ergießenden kleinern Flusse in der Richtung von Osten nach Westen, sowie von einer Anzahl breiter und tiefer, wohl unterhaltener, miteinander sowie mit den beiden genannten Flüssen und dem Hafen in Verbindung stehender Kanäle und Gräben durchflossen. Von den vielen über diese hinführenden, aber nur hölzernen, bloß für Fußgänger und Reiter eingerichteten Brücken, ist die Nipon-Basi, d. h. Niponbrücke, von der alle Entfernungen im ganzen Reiche gezählt werden, die beachtenswerteste. T. besteht aus vier Stadtteilen, Siro, Soto-Siro, Midsi und Hondso genannt, von denen die drei ersten auf dem rechten oder westlichen, der letzte aber auf dem linken oder östl. Ufer des Sumidagawa gelegen sind. Der Siro nimmt fast die Mitte der wesil. Stadthälfte ein, ist mit einem breiten, mit Wasservögeln aller Art erfüllten Graben und einer hohen und dicken, einem Festungswerke gleichenden Mauer umgeben und enthält in seiner Mitte, auf einem Hügel die frühere Residenz der Sgogune, jetzt die des Mikado, welche einen sehr umfangreichen Komplex von Wohngebäuden, prachtvollen Gärten, Tempeln u. s. w. bildet. Die Paläste der übrigen Mitglieder des Herrscherhauses, sowie die einiger höchsten Staatsbeamten befinden sich ebenfalls daselbst. Den Siro umgibt, gürtelförmig und gleich ihm mit einer äußern Ringmauer und Gräben versehen, der Soto-Siro, worin eine Menge von Palästen der frühern Reichsvasallen (Daimio), sowie die kasernenartigen Wohnungen der Offiziersrang habenden Leibwächter (Hatamoto) der frühern Sgogune sich befindet. Alle diese Gebäude sind wohlunterhalten, höchst sauber, von außen und innen weiß getüncht, mit Pfannen gedeckt, aber von gleicher, sehr einfacher Bauart. Nördlich, westlich und südlich von dem Soto-Siro und mit ihm durch eine Anzahl Brücken verbunden, breitet sich die Midsi oder die eigentliche Stadt des Lebens und Verkehrs aus, eine Unzahl von rechtlinigen, durch schmälere quere miteinander verbundenen, von Menschen wimmelnden Straßen, Gärten, Reisfeldern, Tempeln, heiligen und andern Hainen umfassend. Alle Straßen sind, in grellem Gegensatz zu den der chines. Städte, äußerst reinlich, vorzüglich gepflastert und in der Mitte etwas erhöht, um den Abfluß des Regenwassers nach den an beiden Seiten befindlichen Gossen zu befördern. Die Häuser sind ein⸗ oder zweistöckig und zierlich, aber einfach aus Holz gebaut. Aus diesem Grunde sind verwüstende Feuersbrünste in T. auch sehr häufig. Deshalb befindet sich in jeder Straße ein aus Latten errichteter, die Häuser überragender, leiterartiger Turm, auf dem sich ein Wächter befindet, um, sobald er irgendwo eine Flamme aufsteigen sieht, auf der Stelle Alarm zu machen. Die Zahl der mit allen möglichen Erzeugnissen der so hoch gestiegenen japan. Kunstindustrie gefüllten Läden ist außerordentlich groß. Eine eigentümliche Erscheinung in den Straßen von T. sind die erst seit 1870 in Gebrauch gestellten Inrikishas, d. h. leichter, zweiräderiger, überdeckter, von einem Mann gezogener Fuhrwerke, deren Zahl sich jetzt schon auf mehr als 20000 beläuft und die mehr und mehr an die Stelle der Tragstühle, japan. Norimon, getreten sind. Zu erwähnen sind eine Anzahl prachtvoller, mit kunstycklem Holzschnitzwerk und Vergoldungen reich geschmückter buddhistischer Tempel und Klöster, die aber mit dem Sturze des Sgogunats ihre reichen Einkünfte verloren und jetzt mehr und mehr verfallen, sowie die Gräber der Sgogune letzter Dynastie. Tempel, Klöster und Gräber liegen in der Mitte von prachtvollen Hainen, namentlich Nadelhölzern, unter denen herrliche Cryptomerien besonders auffallen. Auch verschiedene der sehr zahlreichen Theehäuser mit ihren anmutigen, Nesan genannten Aufwärterinnen sind erwähnenswert. Die Straße Yosiwara, in dem nördl. Teile des Midsi, in der mehr als 3000 öffentliche Mädchen wohnen, ist in ganz Japan und jetzt auch im Auslande bekannt und berüchtigt. Auch der kaiserliche, am Strande gelegene Palast Hamagoten, der für den Herzog von Edinburgh, der 1870 daselbst wohnte, auf europ. Weise eingerichtet wurde, sowie das südlich am Meeresufer in geringer Entfernung von der Mündung des Sumidagawa gelegene Tsukiji genannte Quartier der Europäer und Nordamerikaner sind zu nennen. T. wurde 1458 gegründet und ist recht eigentlich eine Schöpfung der Sgogune der letzten Dynastie, welche um die Mitte des 17. Jahrh. ihren Wohnsitz dorthin von Surunga verlegten und durch Begünstigung des Handels, der Gewerbthätigkeit, der Wissenschaften und des Kunstfleißes bestrebt waren, dieselbe über Miako, der alten Residenzstadt der Mikados, zu erheben. Hierdurch wurde T. in jeder Beziehung das Paris von Japan. Um die Mitte des 19. Jahrh. zählte dasselbe über 1½ Mill. C., welche Zahl aber durch die spätern innern Kriege, sowie das Erdbeben 1854, bei welchem 40000 Menschen umkamen, und andere Verhältnisse sehr vermindert wurde. Doch hebt sich die Bevölkerung jetzt wieder. Mit den Vorstädten betrug 1881 die Einwohnerzahl 823557. Auch entstanden in T. in neuester Zeit eine Menge höherer und niederer Lehranstalten unter Leitung europ. und nordamerik. Lehrer, verschiedene öffentliche Bureaus, Hospitäler, größere Einrichtungen für den Land⸗ und Seedienst, den Post⸗ und Teleraphendienst u. s. w. Seit 1868 steht T. dem Fremdhandel offen. Eine Eisenbahn verbindet es mit Jokuhama (s. d.), welches als der eigentliche Hafen von T. für den Verkehr mit dem Auslande anzusehen ist, eine andere mit Mayebashi.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 735Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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